Wer lebt im WirQuartier?

In Osnabrück, wo gut 160.00 Menschen leben, wird bezahlbarer Wohnraum immer seltener. Gerade für Menschen mit Behinderungen ist es häufig schwer, barrierefreie Wohnungen zu finden, deren Mieten im Bereich des Wohngeldsatzes liegen. Da sich auch Studierende mit der Problematik des finanzierbaren Wohnraums konfrontiert sehen und um Menschen mit Behinderung aktiv in die Gesellschaft zu integrieren, haben sich vier Partner zusammengetan und mit dem WirQuartier ein ganz neues Konzept der gelebten Inklusion geschaffen.

Schon im Jahr 2013 lebten im Raum Osnabrück weitaus mehr Menschen mit Behinderungen (ca. 790) in ambulanter Betreuung als in Wohnheimen (ca. 430). Um diese Menschen aktiv in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen ein möglichst unabhängiges Leben zu ermöglichen, eröffnete am 1. September 2015 das WirQuartier am Borkumweg in der Osnabrücker Weststadt.
28 Studierende und 18 Menschen mit Behinderung wohnen hier unter einem Dach und bilden eine lebendige Hausgemeinschaft. Durch telefonische Erreichbarkeit, die als eine Art garantierte Nachbarschaftshilfe zu verstehen ist, verpflichten sich die Studierenden zu 18 Diensten im Jahr. Hierbei wird jedoch nicht mehr erwartet, als von einem „normalen“ Nachbarn auch. Es müssen und dürfen demnach keine Medikamente gegeben oder Fachpflege geleistet werden. Bei den 46 Appartements handelt es sich folgerichtig um reguläre Einzimmer-Wohnungen mit einer kleinen Kochnische und einem eigenen Badezimmer, zu denen weder die Heilpädagogische Hilfe (HHO) noch die Studenten über einen Zentralschlüssel verfügen.
Um sich untereinander besser kennenzulernen und die Gemeinschaft zwischen den Bewohnern zu stärken, hat sich der Donnerstagabend als fester Zeitpunkt für gemeinsame Aktivitäten etabliert. Außerdem haben die Studierenden die Möglichkeit, an verschiedenen Fortbildungen teilzunehmen. Hierzu gehört zum Beispiel ein Gebärdensprachkurs, der auf sehr großes Interesse bei den Studierenden stößt und Basiswissen vermittelt, welches das Zusammenleben in der Gemeinschaft fördert und die Integration von Menschen mit einer Hörschädigung unterstützt.

Welche Institutionen haben die
Umsetzung des Projektes ermöglicht?

Für das Projekt des WirQuartiers wurde ein Kapitalbedarf von über vier Millionen Euro benötigt. Da solch eine Summe auch die finanziellen Möglichkeiten der Heilpädagogischen Hilfe übersteigt und mögliche Kredite den Bau eines solchen Projektes unrentabel gemacht hätten, holte sich die HHO starke Partner ins Boot: Die Bohnenkamp-Stiftung, die das Projekt mit 1,4 Millionen Euro unterstützt sowie die Lebenshilfe Osnabrück (280.000 Euro).
Die restlichen 2,1 Millionen Euro stemmte die HHO und die Förderstiftung HHO u.a. mit der Unterstützung des Diakonischen Werkes Hannover (150.000 Euro), der Stiftung Wohnhilfe (100.000 Euro) und einem günstigen KfW Kredit (800.000 Euro). Schließlich sicherte das Studentenwerk Osnabrück durch einen langfristigen Vertrag die Mieteinnahmen für die Wohnungen der Studierende für die nächsten 20 Jahre.

Was studieren die Bewohner des WirQuartiers?

Bei den Studierenden, welche die 28 Appartements des Studentenwerkes bewohnen, handelt es sich keineswegs nur um Angehörige sozialer Studiengänge. Ganz im Gegenteil: Das Spektrum reicht von Lehramtsstudenten, Sozialer Arbeit bis hin zum Bereich Wirtschaft, Jura, Medieninformatik und sogar „Aircraft and Flight Engineering“.

Die Bewohner mit Behinderung haben überwiegend eine geistige und/oder psychische Beeinträchtigung. Es gibt zudem vier Wohnungen für Menschen mit einer starken körperlichen Einschränkung, die rollstuhlgerecht ausgestattet sind. Eine dieser Wohnungen wird vom Studentenwerk Osnabrück genutzt. Generell ist das WirQuartier offen für alle Menschen, egal welcher Hilfsbedarfsgruppen. Nach einem guten halben Jahr fällt das Resümee des WirQuartiers durchweg positiv aus. Besonders die tolle Akzeptanz der Nachbarschaft zeigt, dass es als selbstverständlich angesehen werden sollte, wenn Menschen mit und ohne Behinderung zusammenleben, füreinander da sind und eine lebendige Gemeinschaft schaffen.

Ausgabe 13, 1/2016 | Autor: Sebastian Bodmer

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