In welcher „Oberwerkstatt“ gab es Beiß- und Zwickzangen?

Unser nächster Blick ins Depot des Museums Industriekultur! Diesmal beschäftigen wir uns mit der Werkstatt eines Schuhmachermeisters, in der auch Fußbälle gerettet wurden. Sie ist – parallel zum Erscheinen dieser Ausgabe –im Museum Industriekultur zu sehen.

Heute wird in Deutschland das Handwerk des Schumachers fast nur noch von Orthopädieschuhtechnikern und Maßschuhmachern betrieben. 2015 wurden in Deutschland nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) gerade einmal 23 Jugendliche zum Schuhmacher ausgebildet. Davon waren 13 männlich und zehn weiblich. Bei den wenigen noch existierenden Schuhmachern sind die Reparatur von Schuhen, Hochglanzpolituren, das Entfernen von Flecken oder das Umfärben, die Beratung zur Schuh- und Lederpflege und der Verkauf das tägliche Geschäft. Je nach Betrieb werden auch einige Täschner- und Sattlerarbeiten angeboten.
Eine typische Schusterwerkstatt bestand früher aus der Unterwerkstatt, einem hölzernen Podest und der Oberwerkstatt, dem hier gezeigten kleinen Arbeitstisch mit Schemel. Der „kranke Schuh“ wurde mit dem Knieriemen auf das Knie geschnürt, um ihn zu bearbeiten. Damit in dieser Haltung das Werkzeug gut zu erreichen war und Knie und Oberschenkel auf einer Höhe sein mussten, sind Arbeitstisch und Schemel des Schuhmachers ungewohnt niedrig.

Der Tisch zeigt einige klassische Werkzeuge. Darunter ein Hammer, eine Beißzange (zum Rausziehen der Zwicknägel), eine breite Zwickzange (zum Ziehen des Schafts über den Leisten), eine Raspel (für das Bearbeiten der Sohlen und Absätze), Nähnadeln, ein Aufrauer (für die Vorbereitung der Klebflächen).
Auf dem Tisch liegt aber kein Schuh, sondern ein Fußball. Der wurde früher öfter zum Schuhmacher gebracht. Denn bis zum Ende der 1960er Jahre bestanden Fußbälle aus vernähten Lederstreifen (meist sechs Gruppen von zwei oder drei nebeneinanderliegenden Streifen) und waren ursprünglich mit einer Schweinsblase, welche die Luft hielt, gefüllt. Später waren es Blasen aus Gummi oder Naturkautschuk. Nach dem überraschenden Sieg der deutschen Elf bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in Bern erblühte im Wirtschaftswunder-Deutschland eine neue Fußball-Kultur. Kleinste Ortschaften stellten Lokal-Mannschaften auf und in den Hinterhöfen und auf Bolzplätzen übten Kinder und Jugendliche mit verbissener Ausdauer. Aber auch ein wertvoller Lederball ging mal kaputt und landete dann beim Schuhmacher des Wohnviertels, der das geliebte Spielzeug durch seine Reparatur rettete.

Aber nicht viele Vereine und Mannschaften verfügten über echte Lederfußbälle. So wurde noch lange mit Handbällen, Plastikbällen oder gar Lumpen Fußball gespielt. Hauptsache rund.
Solche Bälle finden sich auch in der aktuellen Ausstellung „GESCHNÜRT GEKNOTET GEKLEBT“, die noch bis zum 9. Oktober 2016 im Museum zu sehen ist. Es sind handgemachte Fußbälle von Kindern aus aller Welt. Einfallsreichtum und eine tief verwurzelte Liebe zum Spiel spiegeln sich in jedem der präsentierten Bälle wider und bieten einen Zugang zu Lebenswelten, die im krassen Gegensatz stehen zu unserer heutigen, von Konsum und Überfluss geprägten Gesellschaft. Sie erinnern vielleicht den einen oder anderen an die eigenen selbst gemachten Fußbälle aus ihrer Kindheit. Schuhmachertisch, Schemel und Werkzeuge, die in dieser Ausstellung zu sehen sind, stammen aus der 1992 an das Museum übergebenen, Schuhmacherwerkstatt Horstmann/Thies in Belm.

Ausgabe 15, 3/2016 | Autor: Margret Baumann