Machen Gärten glücklich?

Buchsbaumhecken mit Irokesenschnitt, Kartoffeln setzen mit Spaten in der einen und Smartphone in der anderen Hand, Biogemüse in Plastikcontainern, Deutsche Scholle, Urban Gardening, TomatOS – und im Kultursommer 2015 lädt die Stadt Osnabrück auch noch zum kreativen Dialog im Grünen. Die spinnen die Osnabrücker Gärtner, oder?

Erwin Kuhn ist gelernter Frisör und hatte von Pflanzen und Gärten kaum eine Ahnung, als er mit Gudrun Anfang der 70er-Jahre zur Hochzeitsreise aufbrach. In einem norddeutschen Arboretum traf die beiden der grüne Pfeil. Seitdem dreht sich in ihrem gemeinsamen Leben fast alles um ihren Garten.

Wie stylt man eine Buchbaumhecke?

1975 kauften sie bei Schwagstorf ein 4.000 qm großes Grundstück mit natürlichem Bachlauf. Rasch füllte sich die ehemalige Bullenweide mit ansehnlichen Gehölzen. „Es musste auf jeden Fall etwas ganz Besonderes sein“, erklärt Kuhn. „Wir fingen einfach an, sammelten Pflanzen und Erfahrungen während der Arbeit im Garten. Gepflanzt und gestaltet haben wir aus dem Bauch heraus“, lacht er. Nachdem die Sammelleidenschaft für exotische Gehölze befriedigt war, stürzten sich die beiden auf die Jagd nach seltenen Rhododendren. Vorzugsweise entlang des Bachlaufs brennen sie Jahr für Jahr im Frühling ein wahres Farbfeuerwerk ab. Danach mussten Raumteiler, im Gärtnerlatein als Hecken bezeichnet, her. Diese originell frisierten Pflanzelemente durchziehen und gliedern den Garten und schaffen die unterschiedlichsten Räume wie z.B. einen alten Thingplatz, Kaffeegarten und Laubengänge. Das markante Styling einer Buchsbaumhecke – ist es nun eine Raupe oder ein Drache? – lässt die berufliche Vergangenheit Kuhns wieder aufleben.
Fast 40 Jahre später zieht der Garten von Erwin und Gudrun Kuhn jedes Jahr etwa 600 Besucher an. Genießen, Klönen und Fachsimpeln – Gärtner sind in aller Regel sehr kommunikative Menschen. Das Ehepaar Kuhn macht da keine Ausnahme. Mit großer Begeisterung und Warmherzigkeit begrüßen sie alljährlich an drei Tagen im Rahmen des „Offenen Gartentores“ eine immer zahlreicher werdende Schar von Gartenliebhabern. Neben Kuhn sind inzwischen über 40 weitere Gartenbesitzer bei dieser beliebten Veranstaltung dabei. Die Idee stammt ursprünglich aus Großbritannien. Den Startschuss in Osnabrück und Umgebung lieferte die Fachhochschule Osnabrück 1999. Zwischen Mai und September öffnen die stolzen Gärtner an frei wählbaren Sonntagen ihr persönliches Paradies dem interessierten Publikum. In vielen Gärten werden die botanischen Raritäten mit Kunstwerken kombiniert, kunstvolle Teichanlagen, beeindruckende Fuchsiensammlungen, der grünen Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Immer wieder kommt es dabei zu folgenschweren Infektionen. Erst kürzlich sei wieder einer seiner Besucher vom Gärtnervirus befallen worden, grinst Kuhn. Jetzt helfe er ihm bei der Anlage eines imposanten Gräser-Gartens. Die Teilnahme am „Offenen Gartentor“ als Gastgeber steht im Prinzip jedem offen. Es gibt keine Standardkriterien, aber die Gärten sollten gestaltet sein und eine persönliche Note aufweisen. Reiner Wildwuchs hat hier keine Chance.

Kulturarbeit oder Hauruck-Gärtnerei?

Denn Garten bedeutet Kulturland, betont Professor Christoph Repenthin. Der Landschaftsarchitekt ist einer der grünen Enthusiasten, die seit 1989 am Südhang des Gertrudenberges den Naturgarten des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) entwickelt haben, eine grüne Oase umgeben von Kleingärten und einem selten alten Baumbestand. Der BUND verdankt dieses ökologische Kleinod der Erbschaft zweier pensionierter Lehrerinnen. Repenthin erinnert sich noch gut an die erste Begehung der beiden Gärten: „Die undurchdringliche Weißdornhecke zwischen den beiden Grundstücken war nur mit Hilfe einer sehr langen Leiter zu überwinden – und dann standen wir in einer endlos scheinenden, hüfthohen Gierschplantage.“ Das markante Laub sowie die dekorativen weißen Blütenstände des von vielen Gärtnern argwöhnisch beäugten, Ausläufer treibenden Unkrautes haben auch heute noch ihren Platz im Naturgarten. Aber die zwölf hier wirtschaftenden Ökogärtner halten das Kraut in Grenzen. Gepflegt wird hier stattdessen eine sympathisch pragmatische Variante des Ökogärtnerns, die sowohl heimischen als auch exotischen Pflanzen ihren Raum lässt. Johannis-, Stachel- und Himbeeren, stachellose Brombeeren, heimische, wunderbar duftende Mondviolen, Brennesseln, Akelei, Schöllkraut und Exoten wie die Riesenanemone kommen hier bestens miteinander klar. Nur beim Blick auf die rasant wachsenden Hopfenschlingen zuckt Repenthin etwas zusammen. „Ein schöner, aber manchmal lästiger Geselle. Ihm ist kaum beizukommen, die Wurzeln sind wie Gummi, der Spaten rutscht einfach dran ab.“ Gerade um derartige Erfahrungen aber geht es den BUND-Gärtnern. Statt der weit verbreiteten Hauruck-Gärtnerei (Anlegen, Pflanzen, Pflastern, fertig) geht es hier um das Aufspüren und Beobachten von Entwicklungen

 über mehrere Vegetationsperioden hinweg. Die Pflanzen erhalten Zeit, sich zu entwickeln. In manchen Fällen müsse man einfach akzeptieren, dass Pflanzen an bestimmten Standorten keine Chance haben. In den drei Gartenbereichen können die Besucher, darunter auch viele Kindergarten- und Schulklassen, die unterschiedlichen menschlichen Einflüsse nachvollziehen. Ein kleiner Urwald zeigt deutlich, was passiert, wenn die Gärtner ihre Arbeit komplett einstellen. Der natürliche Aufwuchs aus Bergahorn, Kirsche, Esche, Haselnuss, Brombeere und Efeu kämpft ums Licht. Eine natürliche Artenverarmung ist die Folge. Auf mehreren extensiv genutzten Grünlandflächen wird ein- bis zweimal jährlich die Sense angesetzt. Gartengeräte, die Lärm und Abgase produzieren, sind hier selbstverständlich verboten. Artenreiche Wiesen sind die herrlich anzuschauenden Resultate. Die Bewohner der beiden Bienenstöcke auf dem Grundstück profitieren ohne Zweifel davon. Noch bunter, exotischer und nahrhafter wird es auf den intensiv genutzten Flächen. Blütenstauden, Farne, Kräuter, Gemüse und Obst wechseln einander ab. Hier wird auf trockenen und schattigen Standorten experimentiert, eine Garten AG des Carolinums hat ein Hochbeet fertig gestellt, es wird gejätet, gewässert und es wird natürlich geerntet. Die jährliche gemeinsame Obsternte ist ein absolutes Highlight jeder Gartensaison. Die Äpfel und Birnen werden zu Saft verarbeitet. Josef Hugenberg, 1. Vorsitzender des BUND Osnabrück, schwärmt vor allem von der selbstgemachten Mirabellenmarmelade – und seine Augen leuchten dabei.

Wie viele Kleingärten begrünen Osnabrück?

Diese Freude am Gärtnern versucht der BUND insbesondere dem gärtnerischen Nachwuchs in Kindergärten und Schulen näherzubringen. Bei Ferienpassaktionen, Abenteuertag mit Lagerfeuer und Kartoffelfest sollen Kinder und Jugendliche im BUND-Garten am Gertrudenberg für die Natur begeistert werden. Um diese Zielgruppe bemühen sich nach Auskunft des Osnabrücker ServiceBetriebs auch die sieben Kleingärtnervereine in der Stadt Osnabrück. In ihren etwa 2.700 Kleingärten sei der Anteil jüngerer Pächter, von Familien mit Kindern, immer noch optimierungsfähig. Neben den vereinsgebundenen Kleingärten existieren in der Stadt ca. 2.500 sonstige Kleingärten. Insgesamt beackern die Kleingärtner eine Fläche von ca. 210 ha (80 ha entfallen auf die nicht vereinsgebundenen Gärten, wie z.B. auch den Naturgarten des BUND). Längst aber hat sich der Zuschnitt der Kleingartenarbeit komplett geändert. Ging es in den Anfängen um ökonomische Zwänge, nämlich die überlebenswichtige Produktion von Obst und Gemüse, stehen heute eher die ökologische und soziale Funktion im Vordergrund. Den meisten dient der Kleingarten als Ort der Erholung, die Gartenarbeit eher als wohltuender Ausgleich zu Bildschirmarbeit und Stress. Daneben erfüllen die Kleingartenanlagen aber auch eine wichtige Naherholungsfunktion für alle Osnabrücker: Immerhin sind die Kleingartenanlagen durchzogen von öffentlichen Wegen.

Wo wird der Garten zum sozialen und kulturellen Treffpunkt?

Einen anderen Weg des gemeinsamen Gärtnerns hat der 2012 gegründete Verein TomatOS eingeschlagen. „Weniger Regeln, kleinere Flächen, mehr Gemeinschaft“, skizziert Vereinsvorsitzender Ulrich Voss die praktizierte Ausrichtung des Vereins am Urban Gardening. Die Begegnung mit dem Vorzeigeprojekt „Prinzessinnengarten“ in Berlin-Kreuzberg hinterließ bei Voss und seinen Mitstreitern nachhaltige Wirkung. Diese Kombination von Natur und Kultur in der Stadt begeisterte sie. „Das muss doch auch in Osnabrück funktionieren“. Um ein Bewusstsein zu schaffen für seltene Gemüsesorten, Selbstversorgung oder die Produktion von Gemüse will der Verein zum Nachdenken anregen: Was wird wo und wie produziert? Wer verdient daran und wer trägt die Kosten? Wie kann ich selbst aktiv an den bestehenden Prozessen etwas ändern? Große Themen, denen man aber beim gemeinsamen Gärtnern ohne große Hemmschwelle näher kommt. Man tauscht eben nicht nur Pflanzen sondern auch Meinungen und Erfahrungen. Seit 2013 hat TomatOS e.V. seinen eigenen Gemeinschaftsgarten in der Bramscher Straße 93-95 (in direkter Nachbarschaft des Hasefriedhofs) auf dem Gelände des seit über 135 Jahren hier angesiedelten Gartenbaubetriebes. Der Garten fungiert auch als sozialer Ort, der Menschen unterschiedlichster Kulturen offen steht und als Standort für viele kulturelle Veranstaltungen. Im Rahmen des Kultursommers 2015 lädt TomatOS im Anschluss an die vier „Kulturspaziergänge auf dem  Hasefriedhof“ von Juni bis August zum Kennenlernen und zur Besichtigung des Anbaugeländes ein. Aber auch sonst können Interessierte jeweils sonntags zwischen 16.00 und 18.00 Uhr oder an Wochentagen „auf gut Glück“ vorbeischauen. Gegärtnert wird in einem Gewächshaus auf Pflanztischen, die in nicht gegeneinander abgegrenzte Parzellen von 11 qm aufgeteilt sind, im Freilandbereich auf einer gemeinsam genutzten Fläche von 70 qm, sowie auf dem Innenhof des Firmengrundstücks.

Was kostet das gemeinsame Gärtnern?

Die Regeln beim Gemüseanbau sind auf ein Minimum reduziert, zum Beispiel sollte ökologisch gegärtnert werden und Wasserhähne sind nach Gebrauch zu schließen. Ansonsten kann jeder machen, was er oder sie will. Die Pacht (zu zahlen an den Verein TomatOS, der wiederum die Flächen von der Eigentümerin Blumen Kersten gepachtet hat) beläuft sich auf 0,70 Euro pro qm (Gewächshaus) bzw. 0,50 Euro pro qm auf der Freilandfläche – jeweils inkl. Strom und Wasser. Um eine Parzelle zu mieten, muss man Mitglied im Verein sein, kann aber natürlich auch Bekannte und Freunde mitbringen. Die Mitglieder / Pächter sind sowohl Studenten als auch Familien und Rentner, Singles genauso wie Paare. Sie kommen nicht nur aus Osnabrück, sondern auch aus Belm. Manche nehmen also wirklich weite Wege auf sich (in der Regel mit dem Rad), um in „ihren“ Garten zu gelangen. Manche haben auch einen eigenen Garten zu Hause, dort sind sie aber alleine und hier treffen sie immer andere Menschen. Die Gemeinschaft ist für viele der Mitglieder ein ganz wesentlicher Aspekt. Hier lässt sich hervorragend über Kartoffeln, Salat, Tomaten, Brennesselbrühe, Aussaattermine und alle anderen Themen debattieren und natürlich auch gemeinsam feiern. Man kann Pflanzen untereinander austauschen, Erfahrungen teilen und den Garten auch einfach nur genießen.

Was ist ein Gurken-Casting?

Das Ziel des Urban Gardening, die scheinbaren Gegensätze von Stadt und Natur zusammenzuführen, spiegelt sich auch im Garten von TomatOS wider. „Spaten und Smartphone, der Wunsch nach Bodenständigkeit und das Bedürfnis nach globaler Vernetzung gehören für manche unserer Mitglieder durchaus zusammen“, sagt Voss. Für August/September plant TomatOS ein Gurken-Casting, TSDS – TomatOS sucht die Supergurke. Profi- und Hobbygärtner aus Osnabrück und Umgebung sind eingeladen, besonders ausgefallene Exemplare aus ihrer Gurkenzucht bei TomatOS zur Begutachtung vorzustellen. Am Ende werden dann jeweils Preise für die längste Gurke und diejenige mit dem originellsten Wuchs und Aussehen vergeben. Mehr dazu ist auf der TomatOS-Website unter www.tomatos-ev.de zu erfahren. Unter den möglichen Einsendern sind dann vielleicht auch bereits die ersten selbst geernteten Gurken aus einem der 40 Mietgärten auf dem Naturhof Voßgröne in Belm. Dort realisierte das 2009 in Bonn gegründete Unternehmen „meine ernte“ in diesem Jahr seinen 28. Mietergarten. Der kooperierende Landwirt bereitet die Gemüsegärten einschließlich der Einsaaten vor. Die Mieter übernehmen und hegen, pflegen, pflanzen und ernten bis in den Herbst. Egal ob spielerisch verträumt, ökologisch ambitioniert, politisch nachhaltig oder exotisch bunt; nachrangig ob es um Kartoffeln, Möhren, Rhododendren, Taschentuchbäume, Päonien, Rosen oder Kürbisse geht. Längst sind sich Wissenschaftler einig: Gärtnern macht glücklich. Das Betrachten von Gärten auch, meint Erwin Kuhn. „Wie oft betreten Besucher mit muffigen, verschlossenen Gesichtern unseren Garten. Beim Verlassen strahlen sie über das ganze Gesicht.“

So grün ist Osnabrück
Neben den 210 ha Kleingärten kommen die Osnabrücker in den Genuss der ökologischen, sozialen, klimatischen und ästhetischen Vorzüge von insgesamt 600 ha städtischer Grünflächen. Diese bestehen zu 186 ha aus Grünanlagen, 38 ha sind Kinderspiel- und Bolzplätze, 60 ha Straßengrün, 82 ha Friedhöfe, 86 ha extensiv genutzte Flächen sowie 148 ha Forsten. Für Erhalt und Pflege dieser Anlagen hat der Osnabrücker ServiceBetrieb (OSB) ca. 110 Mitarbeiter im Einsatz. (www.osnabrueck.de/osb/)

Ausgabe 10, 2/2015 | Autor: Yörn Kreib

Bildnachweise

 Garten © VRD, Gartenutensilien // Bilder © BUND, Tomatos, Kuhns Garten offenes Gartentor // Bilder © BUND, TomatOS, Kuhns Garte; Arrosoir,  // Bild Cucumber vegetable isolated © Natika, fotolia.com; Figur und Gartendekoration © BUND, TomatOS