Was hing bei Stüves im Salon?

Dieser Frage können Besucher des Kulturgeschichtlichen Museums in der Sonderausstellung „Alte Meister in Osnabrück. 100 Jahre Sammlung Gustav Stüve“ vom 25. November 2012 bis 27. Mai 2013 nachgehen.

Alle 70 Werke, die der Osnabrücker Regierungspräsident Carl Wilhelm Gustav Stüve 1911 dem Museum stiftete, werden wieder zusammen ausgestellt. Und mit ihnen die besondere Geschichte des bürgerlichen Sammelns, Präsentierens und Vermittelns von Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Vorliebe für niederländische und flämische Malerei des 16. und 17. Jahrhunderts ist Gustav Stüve (18331911) in die Wiege gelegt worden. Von klein auf war er umgeben von einer prächtigen Gemäldesammlung, deren Grundstock Johann Christoph Wöbeking (1680-1770) legte und die über seine Großmutter mütterlicherseits in den Besitz der Familie Stüve gelangte.
So zierten Landschafts- und Genrebilder, Stillleben und religiöse Andachtsszenen die Wände des kleinen Festsaals in der Krahnstraße 25. Die Gemälde waren dort dicht an dicht gehängt, mit viel Bedacht komponiert nach Größe, Themen und Farben. Das Zentrum der Sammlungsschau war dabei einem ganz besonderen Stück vorbehalten: Auf dem Gemälde „David mit dem Haupt des Goliath“ (Kopie nach Guido Reni) posiert der schmächtig erscheinende David entspannt neben dem abgeschlagenen Kopf des mächtigen Goliath. Fast trotzig packt er den Riesen am Schopf nach vollzogener Tat. Vielleicht fühlte sich Stüve selbst wie David, als er 1888 ehrenamtlicher Vorsitzender des Osnabrücker Museumsvereins wurde. Vor ihm lag die schwierige Aufgabe, aus einer als unbedeutend geltenden Sammlung von „schlechten Bildern […], alten Tellern und Truhen“ (so Alfred Lichtwark nach einem Besuch des Osnabrücker Museums 1895) eine für die Stadt repräsentative Kunstschau zu schaffen.
Den Glanzpunkt seiner verdienstvollen Tätigkeit setzte Stüve 1910, als er testamentarisch verfügte, dass seine private Gemäldesammlung nach seinem Tod dem Museum seiner Vaterstadt zufallen sollte. Zweifelsohne bewirkte er mit seiner Schenkung, dass, so betont das Museum heute, „Osnabrück ein Museum von Rang erhielt“ und die Kritiker – dem Goliath gleich – verstummten.

Das Lieblingsstück der Familie Stüve war, so Ausstellungsleiter Dr. Thorsten Heese, das Gemälde „Anbetung der Könige“ nach Art des Joos van Cleve (um 1530). Hat vielleicht das farbenprächtige Gruppenbild der Heiligen Familie mit den Geschenke übereichenden Königen Stüve zur Stiftung seiner Sammlung animiert?

Wie fühlt sich die Stüve-Sammlung an?

Für eine dauerhafte Ausstellung aller Gemälde fehlte in dem von Stüve initiierten und 1890 errichteten Museumsbau der Platz. So sind normalerweise nur ausgewählte Gemälde der Sammlung zu sehen. Reizvoll an der Präsentation der Bilder in der kleinen Dauerausstellung ist die Idee, die Hängung der Bilder, wie sie im Wohnhaus Stüves in der Bergstraße war, auch hier im Museum beizubehalten. Eine Handzeichnung mit der Anordnung der Bilder hilft bei der Rekonstruktion. Mit ein wenig Phantasie fühlt man sich nun versetzt in die Privaträume des Regierungspräsidenten.
Anlässlich des Jubiläums der Schenkung bzw. der ersten öffentlichen Ausstellung im Jahr 1912 sollen nun auch die bisher nicht präsentierten Bilder der „Sammlung Stüve“ und historische Dokumente gezeigt werden. Darüber hinaus werden weitere Gemälde und Graphiken bedeutender niederländischer und flämischer Meister aus dem Eigenbestand des Museums zu sehen sein. Zur Ausstellung erscheint zudem ein neues Werkverzeichnis zur „Sammlung Gustav Stüve“, das in Zusammenarbeit mit Studierenden der Universität Osnabrück im Rahmen eines Projekts erarbeitet wird. Schließlich wagt das Museum einen reizvollen Brückenschlag über Jahrhunderte und Kunststile hinweg: Mit der ebenfalls ab dem 25. November 2012 zu sehenden Ausstellung „Avantgarde in Osnabrück. Philipp Nussbaums Sammlung „Heinrich Assmann“ im Felix-Nussbaum-Haus wird als Kontrast zu Stüve die Sammlungs- und Stiftungsgeschichte von Felix Nussbaums Vater aufgezeigt

Carl Wilhelm Gustav Stüve (1833 bis 1911), Leiter des kaiserlichen Patentamtes in Berlin und später Osnabrücker Regierungspräsident, erbte 1879 insgesamt 38 Bilder aus einer seit Generationen gepflegten Familiensammlung. In den folgenden 20 Jahren erweiterte er sie, auch mit Hilfe des Berliner Kunsthistorikers Wilhelm von Bode, auf 70 Gemälde.

Ausgabe 1, 2012 | Autor: Jessica Stegemann

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Bilder © Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück