Was konnten drei Monate in Deutschland verändern? – Vergessene Bücher (1): Heinz Liepmans Roman „Das Vaterland“

Am 2. Weihnachtstag des Jahres 1932 bricht der Dampfer „Kulm“ zu einer Fahrt nach Island auf. Als er drei Monate später wieder in Hamburg einläuft, erkennt die Besatzung ihre Heimat nicht wieder. In der gerade noch weltoffenen Metropole wehen Hakenkreuzfahnen, in den Straßen marschiert die SA. Doch Deutschland hat sich nicht nur äußerlich verändert.

Wie tief das selbsternannte „Tausendjährige Reich“ in alle Lebensbereiche seiner Bewohner – in Behörden, Verbände und Schulen, aber auch in Familien und Freundeskreise – eingedrungen ist, erfahren die Seeleute schneller als den meisten von ihnen lieb ist.
Der deutschnationale Kapitän Schirmer protestiert gegen die Misshandlung von vermeintlichen „Marxistenschweinen“ auf dem Bahnsteig der Hochbahn und landet mit lebensgefährlichen Verletzungen im Krankenhaus. Der Jude Arthur Jacobson versucht, Freunde und Verwandte vor dem Staatsterror zu schützen und wird in ein Konzentrationslager gebracht. Der Matrose Karl Baumann und der Heizer Jonny Sudde müssen im Untergrund verschwinden und die Wahrheit in verbotenen Schriften drucken.
Hans Petersen, der 1. Offizier der „Kulm“, sowie der Maschinist Fretwurst finden sich im neuen Deutschland dagegen bestens zurecht. Auf sie warten nun Aufgaben, die ihrer skrupellosen Gesinnung entgegenkommen.
Wer Heinz Liepmans 1933 erschienenen Roman mit Blick auf die folgenden Jahre hellsichtig nennt, liegt nicht falsch, berücksichtigt aber zu wenig, dass der totale Zivilisationsbruch des Nationalsozialismus nicht mit dem Zweiten Weltkrieg oder der Wannsee-Konferenz begann. Schon in den ersten Tagen, Wochen und Monaten etablierten die Nationalsozialisten eine Gewaltherrschaft, der schnell Hunderte und Tausende zum Opfer fielen. Liepman zeigt aber auch, wie sich Hitler und seine Gefolgsleute dank der politischen Indifferenz der Anhänger der Weimarer Republik und seiner Unterstützung von Führungskräften aus Politik, Militär, Wirtschaft und Gesellschaft einen vergleichsweise bequemen Weg an die Macht bahnen konnten.

Im Schatten von Remarque?

Der Autor wurde 1905 als Heinz Liepmann in Osnabrück geboren, arbeitete seit Mitte der Zwanziger Jahre als Dramaturg, Bühnenautor und als Journalist. 1929 erschien sein erster Roman „Nächte eines alten Kindes“, ein Jahr später folgte „Die Hilflosen“, für den er den Harper-Literaturpreis erhielt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden seine Werke verboten. Liepmann gelang die Flucht, die ihn in die Niederlande, nach Frankreich und England und schließlich in die USA führte. Dort amerikanisierte er seinen Namen und schrieb sich fortan „Liepman“. 1947 kehrte er nach Hamburg zurück, gründete hier eine Literaturagentur, die noch heute unter seinem Namen existiert. Im Dezember 1961 siedelte er gemeinsam mit seiner Frau in die Schweiz über, wo Heinz Liepman, der jahrzehntelang an einer schweren Morphiumsucht litt, am 6. Juni 1966 starb. Noch in seiner letzten Publikation „Kriegsdienstverweigerung oder Gilt noch das Grundgesetz?“ engagierte er sich für ein neues, demokratisches und friedfertiges Deutschland. Liepman erreichte nicht annähernd den Bekanntheitsgrad des sieben Jahre älteren Erich Maria Remarque, der in „Das Vaterland“ eine kurze Erwähnung findet. Trotzdem gibt es zwischen den beiden Osnabrückern erstaunliche und vielfältige Parallelen, die beim Geburtsort beginnen und mit dem Tod in der Schweiz enden.

Spätestens seit dem Interview, das Heinz Liepman mit Erich Maria Remarque im November 1962 führte und das unter der Überschrift „So denk‘ ich über Deutschland“ in der Tageszeitung „Die Welt“ abgedruckt worden war, verband die beiden Autoren eine enge Freundschaft.

„In ihren Geschäften saßen die Juden. Sie saßen auf Hockern und sahen vor sich hin. Sie hatten es ganz vergessen, dass sie Juden waren. Sie hatten ihr Vaterland geliebt, die Sprache ihrer Heimat und deren Bäume, Wiesen und Seen. „Deutsche, kauft nicht bei Juden! Die Juden sind euer Unglück.“ Sie sind das Unglück. Gestern waren sie noch Menschen, Leidensgefährten, Kameraden, heute sind sie das Unglück. Sie saßen auf den Stühlen und Hockern, sie starrten ins Leere. Und da geschah es, dass Juden, die keine Juden mehr gewesen waren, plötzlich wieder Juden wurden. Ihre Arme wurden ihnen zentnerschwer. Ihre Rücken krumm und die Augen groß und traurig.“

Zitat aus „Das Vaterland“, Hamburg 1979, S. 119-120.

 

Wem empfahl   Heinrich Böll den Roman von Heinz Liepman?

Als Liepmans Roman „Das Vaterland“ 1979 in der Reihe „Bibliothek der verbrannten Bücher“ im Hamburger „Konkret Literatur Verlag“ erschien, schrieb kein Geringerer als Heinrich Böll das Vorwort zu der überfälligen Neuauflage. Der Literatur-Nobelpreisträger gab damals der Hoffnung Ausdruck, dass Liepmans Buch gerade die jüngeren Leser daran erinnern möge, „wie viel Deutschland aus Deutschland vertrieben, wie viel Deutschland in Deutschland ermordet und verhöhnt worden ist.“

Heinz Liepman lesen

Liepmans Tod, der sich in diesem Jahr zum 50. Mal jährt, könnte ein Anlass sein, sich wieder intensiver mit seinen Texten zu beschäftigen. Der Hamburger Historiker und Publizist Wilfried Weinke hat genau das getan und im vergangenen Jahr eine Dissertation mit dem Titel „´Ich werde vielleicht später einmal Einfluß zu gewinnen suchen´. Der Schriftsteller und Journalist Heinz Liepman (1905-1966)“ abgeschlossen. Diese fast 800 Seiten umfassende Rekonstruktion von Leben und Werk soll noch 2016 erscheinen. Liepmans eigene Bücher führen heute nur noch ein Schattendasein. Sie sind allenfalls antiquarisch erhältlich – auf verschiedenen Online-Portalen allerdings zu mitunter extrem günstigen Preisen. „Das Vaterland“ kann auch in der Universitätsbibliothek Osnabrück ausgeliehen werden. Das Erich Maria Remarque-Friedenszentrum hat eine kleine Online-Präsentation zu Heinz Liepman eingerichtet:

http://www.remarque.uni-osnabrueck.de/liepmann/liepmann.html

Ausgabe 13, 1/2016 | Autor: Thorsten Stegemann

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