Warum klettern Manager auf Bäume?

Die Weiterbildung der eigenen Mitarbeiter und Führungskräfte ist eine wichtige Aufgabe für jedes Unternehmen. Pro Jahr werden in der deutschen Wirtschaft ca. 27 Milliarden Euro in die Weiterbildung investiert. Viele der verwendeten Methoden bleiben jedoch ohne Wirkung.

Klettern Manager tatsächlich?

Manager klettern tatsächlich und bisweilen erklimmen sie auch so manchen Baum, und zwar im Rahmen von sogenannten „Outdoor-Trainings“. Dies sind Veranstaltungen, bei denen man die Teilnehmer in völlig neue Situationen bringt, in denen sie zum Beispiel einen Berg besteigen, eine Brücke über einen kleinen Fluss bauen, ein Wochenende in der Wildnis oder auf einem Segelboot verbringen. Die Vermarkter derartiger Events versprechen, dass man dabei so ziemlich alles lernen kann, was im Berufsleben wichtig ist: Konfliktfähigkeit, Motivation, Führung, Kreativität, Projektmanagement und vieles mehr. Es fehlt eigentlich nur noch das Versprechen von Reichtum und Glückseligkeit.

Gibt es andere merkwürdige Methoden?

Skurrile Methoden gibt es in vielfältigster Form. Dazu gehören zum Beispiel pferdegestützte Trainings, bei denen man Führungskräften beibringt, wie sie durch Körpersprache und gutes Zureden ein Pferd durch einen Parcours leiten. Nach dem Motto „Wer Pferde führen kann, kann auch Menschen führen!“, wird hier suggeriert, dass nach dem Training der Umgang mit den eigenen Mitarbeitern fast schon ein Kinderspiel sei. Beim Neurolinguistischen Programmieren (NLP) lernen die Teilnehmer, wie sie angeblich anhand der Augenbewegung ihrer Gesprächspartner auf geheimnisvolle Weise deren Persönlichkeit durchschauen können. Bei der Organisations-Aufstellung schlüpfen die Ratsuchenden in unterschiedlichste Rollen – als Kunde, Führungskraft oder verstorbener Firmengründer –, und zwar ohne die Originalpersonen selbst zu kennen.

Anschließend werden die Rollenspieler auf einer kleinen Bühne so lange im Raum hin und her geschoben, bis alle einen Platz gefunden haben, an dem sie sich wohl fühlen. Mithilfe der metaphysischen Instanz des „Energetischen Kraftfelds“ soll auf diesem Wege die Realität eines Unternehmens wie durch ein Wunder verändert werden, auf dass schon bald der Umsatz steigt und alle Mitarbeiter einander lieb haben. Alternativ könnte man sich auch einen Schamanen ins Haus holen, der die Seele des verstorbenen Firmengründers beschwört, um so die aktuellen Probleme der Führungsmannschaft zu lösen.

Was hat „Neurolinguistisches Programmieren“ mit einer Kaffeefahrt zu tun?

Manche Methoden sind so neu oder skurril, dass sich die Forschung ihrer bislang noch nicht angenommen hat. Bei anderen – wie zum Beispiel dem NLP – wissen wir schon lange, dass sie nicht funktionieren. Zum Teil legen die Vertreter bestimmter Methoden selbst Studien vor, die aber keiner kritischen Prüfung standhalten. Wenn beispielsweise nach einem Outdoor-Training die Teilnehmer berichten, dass sie etwas Wertvolles gelernt haben, sagt dies leider nichts aus. Auch die Teilnehmer einer Kaffeefahrt glauben, ein Schnäppchen gemacht zu haben. Selbst wenn in solchen Seminaren irgendetwas gelernt wurde, ist die Übertragbarkeit auf den Berufsalltag nicht gegeben. Beispielsweise hat die Führung eines Pferdes rein gar nicht mit dem Führen realer Mitarbeiter im Alltag zu tun.

Warum kaufen Unternehmen solche Methoden ein?

Weil sie unterhaltsam sind und schnelle Erfolge bei minimalem Aufwand versprechen. Eine Führungskraft, die tatsächlich ihr Verhalten verändern möchte, müsste eigentlich dicke Bretter bohren, sich selbst kritisch reflektieren, Kritik von Mitarbeitern annehmen, neue Verhaltensweisen im Alltag ausprobieren etc. Das ist viel unangenehmer als die Illusion, es gäbe ein paar einfache Psychotricks, mit denen sich alle Probleme beseitigen ließen. Hinzu kommt, dass in den allermeisten Unternehmen keine Kultur der kritischen Evaluation herrscht. Man gibt sich damit zufrieden, wenn den Teilnehmern eine Maßnahme gefallen hat. Leider zeigt die Forschung, dass das subjektive Erleben eines Trainings nichts über dessen Nutzen für den Berufsalltag aussagt.

Was muss sich ändern?

Die Personalabteilungen und Führungskräfte müssen zu mündigen und kritischen Kunden werden, die sich nicht von ein paar schön gestalteten Internetseiten, den Schilderungen zufriedener Seminarteilnehmer oder der Erfahrung der Anbieter blenden lassen. Wer sich bei der Auswahl seiner Methoden und Trainer von wissenschaftlichen Erkenntnissen leiten lässt und überdies dem Verstand mehr Platz einräumt als dem Bauch, ist auf dem richtigen Weg.

Ausgabe 12, 4/2015 | Autor: Prof. Dr. Uwe P. Kanning
Uwe Kanning

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