Wer gewann in Bologna einen Doktortitel?

Promovieren war für Osnabrücker Fachhochschulabsolventen lange Zeit ein aufwendiges Unterfangen. Denn die höchsten akademischen Weihen dürfen in Deutschland nur von Universitäten verliehen werden und dafür reichte das Diplom der Fachhochschule in vielen Fällen nicht.

Wer also promovieren wollte, musste zunächst einen qualifizierten Universitätsabschluss nachholen, um seine Befähigung zum wissenschaftlichen Arbeiten zu beweisen. Die Bologna-Beschlüsse im Jahr 2000 halfen, diesen steinigen und umständlichen Weg zu ebnen: Denn mit der Einführung von Bachelor und Master wurden die Abschlüsse von Universität und Fachhochschule erstmals uneingeschränkt gleichwertig.

Gleiche Startbedingungen für alle?

Um talentierten Nachwuchswissenschaftlern nach dem Master ein Forschen und Arbeiten an der Fachhochschule weiter zu ermöglichen, wurden kooperative Promotionsverfahren ins Leben gerufen. Das Prinzip dahinter: Geforscht wird an der Fachhochschule, betreut von einem dort ansässigen Professor oder einer Professorin.
Die Beurteilung der Forschungsleistung obliegt aber einem Erstgutachter, der einer mit Promotionsrecht ausgestatteten Universität angehört. Und der Promotionsausschuss des jeweiligen Fachbereichs der Universität verleiht, basierend auf den geltenden Prüfungsordnungen, am Ende den Doktortitel.
„Um einen Betreuer an der Universität zu finden, ist ein hervorragender Abschluss die Grundvoraussetzung“, betont Friedrich Uhrmacher, Leiter des Promotionskollegs der Hochschule Osnabrück. Erst seit sein Büro vor zwei Jahren die Koordination der Kooperationen übernommen hat, liegen verlässliche Zahlen über die Anzahl der kooperativen Promotionen vor. Wurden 2011 noch 50 solcher Promotionsvorhaben in Osnabrück verzeichnet, hat sich die Zahl bis heute mehr als verdoppelt – Tendenz weiter steigend. Die meisten der zurzeit 104 Promovierenden haben ihren Erstgutachter an einer deutschen Universität gefunden, 19 von ihnen konnten Professoren der Universität Osnabrück als Kooperationspartner gewinnen.

Besonders in den Gesundheitswissenschaften ist in Osnabrück das Interesse an einer Promotion groß, aber auch bei den Ingenieurs- und Wirtschaftswissenschaften und zunehmend auch bei den Landschaftsarchitekten und Agrarwissenschaften nehmen die Zahlen zu. 40 Prozent der Promovierenden sind Frauen – ein erfreulich hoher Anteil.

Warum streben Hochschulabsolventen den Doktortitel an?

Die Motivation der meisten Promovierenden speist sich schlicht aus dem Interesse am wissenschaftlichen Arbeiten, betont Friedrich Uhrmacher. Das bestätigt Michael Müller-Inkmann, der in der Hochschul-Fakultät Agrarwissenschaften und Landschaftsarchitektur über das Thema „Gefügebildung durch Regenwürmer und Pflanzenwurzeln in verdichteten Waldböden“ promoviert: „Im grünen Bereich ist ein Doktortitel oftmals keine zwingende Voraussetzung für eine Karriere. Allerdings wollte ich persönlich sehen, wie weit ich es im System Hochschule schaffen kann und wie das Leben als Wissenschaftler ist. Zu Beginn meiner Promotion war ich überzeugt: Wissenschaft bereichert das eigene Leben! Nach nunmehr zwei Jahren muss ich feststellen, dass ich damit vollkommen richtig lag“, berichtet Müller-Inkmann auf Nachfrage von „Osnabrücker Wissen“. Für viele Promovenden steigert der Titel auch die Berufsaufsichten. Langfristig sorgt die Hochschule Osnabrück mit der Ausbildung von Doktoranden möglicherweise auch für den eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs. Für gute äußere Rahmenbedingungen ist derweil gesorgt: 75 Prozent aller Promovierenden der Hochschule Osnabrück haben eine feste Stelle an der Hochschule, 20 Prozent werden durch ein Stipendium unterstützt, die restlichen 5 Prozent finanzieren sich selbst und promovieren größtenteils berufsbegleitend.

Seit zwei Jahren werden die angehenden Doktoren zudem durch ein Promotionskolleg unterstützt, das mit interdisziplinären Weiterbildungsangeboten in Sachen Projektmanagement, Wirtschaftsenglisch oder Schreibwerkstätten Qualifizierung und Motivation jenseits der fachspezifischen Profilierung fördern will. Mit so viel Rückenwind dauert es vom Start bis ins Ziel in der Regel nur 3 1/2 bis 4 Jahre.

Wird es 2030 noch kooperative Promotionen geben?

Auch wenn sich die gemeinsame Betreuung von Promovierenden bisher bewährt hat, werden besonders in Schleswig-Holstein und Bayern die Stimmen lauter, die ausgesuchten, forschungsstarken Fachbereichen an Fachhochschulen das Promotionsrecht verleihen wollen. Ob dies zukünftig auch für niedersächsische Hochschulen eine Option sein wird, ist aber eine ganz andere Frage!

Weitere Infos: http://www.wt-os.de/451.html

Ausgabe 7, 2/2014 | Autor: Dr. Jessica Stegemann

 

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