Welches Gemüse scheut das Tageslicht?

Die meisten Deutschen strafen es mit Nichtachtung, die Belgier, Niederländer und Franzosen dagegen lieben es. Die Rede ist vom gelbweißen, leicht bitteren aber lichtscheuen Spross der Zichorienwurzel, dem Chicorée.

Nur eingeweihte Leckermäuler wissen um den Geschmack des gesunden Wintergemüses. Der Biogärtner Matthias Krause aus Bramsche würde dies sehr gerne ändern. Direkt am Mittellandkanal in Bramsche sorgt er in seiner Gärtnerei dafür, dass der Nachschub an Chicorée von September bis Juni nicht versiegt. Nur ein kleiner Teil der jährlichen Ernte von etwa 80 Tonnen landet über die Marktstände und die Abokisten der Gemüsegärtner aus Kalkriese auf den Tischen Osnabrücker Haushalte. Der Großteil wird im gesamten Bundesgebiet verteilt. Dabei könne er durchaus noch mehr „Kalkrieser Wintergold“ produzieren, sagt Krause gegenüber „Osnabrücker Wissen“. Dem entgegen steht der bisher sehr geringe Pro-Kopf-Verbrauch der Deutschen. Während hier lediglich bis zu 300 Gramm verzehrt werden, verspeisen Niederländer (4 kg) und Belgier (8 kg) das Vielfache an Chicorée.

Seit 1980 beschäftigt sich Matthias Krause mit der Chicoréeproduktion im Osnabrücker Land. Faszination und Herausforderung zugleich ist die Zweijährigkeit der Kulturpflanze aus der Familie der Korbblütler, sagt Krause. Erst nach dem letzten Frost erfolgt die Aussaat der fragilen Samenkörnchen. Zwischen Oktober und Dezember werden die auf Kartoffeldämmen angebauten und ausgereiften Wurzeln gerodet und ins Kältelager (-1 Grad) verfrachtet. Nur eine kleine Menge wandert sofort in die Treiberei. „Dort müssen wir bei der Wurzel zunächst Winterstimmung erzeugen (Stimulation der Blütenbildung) und anschließend Frühlingsgefühle wecken“, schmunzelt Krause. Nach etwa drei Wochen sind die in völliger Dunkelheit und bei ständig temperierter Bewässerung getriebenen Sprossen erntereif. Die Dunkelheit verhindert die Chlorophyllbildung und garantiert so die typisch gelbweiße Farbe der Blätter. Darüber hinaus wird so die Bildung des Bitterstoffes Intybin in den Blättern reduziert. Die reifen Chicoréesprosse werden von Hand sorgfältig geerntet, geputzt und lichtdicht verpackt.

Wie viele Wurzeln wachsen in Kalkriese?

Jetzt ist Platz für den nächsten Satz in der Treiberei und frische Wurzeln aus dem Kühllager werden in die Treibkästen gesetzt. Dieser Vorgang wiederholt sich in Intervallen bis in den Sommer hinein. Im Juli und August ist Chicoréepause für Krause und sein Team, bis dann Anfang September die neue Saison beginnt. Mit dem extrem arbeitsintensiven Wintergemüse Chicorée kann Krause die sonst im Gemüseanbau übliche Winterlücke schließen und so seine Mitarbeiter ganzjährig beschäftigen. Zwischen 800.000 und einer Million Wurzeln roden, treiben und ernten die Kalkrieser Gärtner jährlich. Wenn die Blätter verspeist sind, haben die Wurzeln ihre Aufgabe erledigt. Sie werden zerkleinert als Dünger auf den Gemüsefeldern verteilt. Manch ein Wurzelrest erwacht dort dann noch einmal zum Leben und schafft das, was Krause und seine Mitarbeiter versuchen zu verhindern: er öffnet seine wunderschönen blauen Blüten.

Kontakt

Bioland Gemüsegärtnerei
Matthias Krause
Zu den Dieven 19
49565 Bramsche
Telefon: 05468-6361

Ausgabe 5, 4/2013 | Autor: Yörn Kreib

Bildnachweise

Chicorée © Yörn Kreib; Chicorée-Gemüse © mates – Fotolia.com