Was erlebt Hella auf lautlosen Stufen?

Das üble Gedankengut der Nationalsozialisten drang bis Ende der 1930er Jahre bis in die abgelegenen Kleinstädte Nazideutschlands vor. Inge Bechers sehr einfühlsam geschriebene Geschichte des kranken Mädchens Hella zeigt auf, wie jede Familie mit dem rassistischen Gedankengut der Nazis hautnah konfrontiert wurde.

Hella Arnold ist zehn Jahre alt, als sie eine rätselhafte Krankheit bekommt. Da sie viel Zeit im Krankenhaus verbringen muss, fehlt sie häufig in der Schule und kann nicht, wie ihre Freundinnen, bei den „Jungmädeln“ mitmachen.
Nach seiner Machtergreifung setzte Hitler alles daran, junge Menschen für seine menschenfeindlichen Ziele zu gewinnen. Mit Kinderorganisationen wie »Jungmädel« und »Jungvolk« wurden Kinder im Alter von zehn bis 14 Jahren zunächst mit einem interessanten Programm der Partei der Nationalsozialisten gezielt angelockt. Das zunächst noch freiwillige Angebot wird jedoch bald zur Pflicht. Eine Verweigerung der Teilnahme hat schwerwiegende Folgen und führt zu ernsthaften Repressalien. Hella jedoch, die sich nichts sehnlicher wünscht, als wie alle anderen Mädchen zu sein, fühlt sich durch die Tatsache, nicht bei den „Jungmädeln“ dabei sein zu können, mehr und mehr als Außenseiterin.
Mit 14 hört sie von Spezialkliniken, in denen schwerkranken Kindern wie ihr geholfen werden kann. In ihrer Verzweiflung bittet sie den Chefarzt des Krankenhauses auf eigene Faust, ihr eine Überweisung dorthin auszustellen. Zum großen Entsetzen ihres Hausarztes und ihrer Eltern: Aus diesen Kinderfachkliniken kam noch kein Kind lebendig zurück.

Die Autorin und Historikerin Inge Becher beschreibt sehr berührend und lebendig am Schicksal eines Kindes die drastischen Auswirkungen der Schreckensherrschaft Adolf Hitlers. Mit der Geschichte des als „lebensunwert“ angesehenen Mädchens Hella schildert sie auf sehr ehrliche Weise jedoch nicht nur die vielfältigen Einschränkungen. Sie zeigt darüber hinaus auch, in welch hohem Maße die Menschen überall in Deutschland Berührungen mit den Naziverbrechen hatten. Ob der Judenmord, die Tötung von Kranken als „unwertem Leben“, die grausame und unmenschliche Behandlung von Zwangsarbeitern, die Repressalien gegenüber Andersdenkenden bis hin zur Verschleppung und Krieg – die Nazi-Greuel vergifteten das ganze Land.
Ein höchst lesenswertes Buch, das unter die Haut geht. Es verdeutlicht nicht nur jungen Lesern ein sehr dunkles Kapitel deutscher Geschichte auf eindrucksvolle Weise, sondern ist auch für Erwachsene eine berührende Lektüre, die zum Nachdenken bringt.

Zur Autorin

Die Historikerin Inge Becher leitet das Museum Villa Stahmer in Georgsmarienhütte. „Geschichte vermittelt man am besten in Geschichten“, sagt sie und hofft, dass mit dem vorliegenden Buch junge Menschen begreifen, was das Dritte Reich für den Einzelnen bedeutete.

Inge Bechers Buch „Lautlose Stufen“ ist seit dem 22. März im Buchhandel erhältlich, umfasst 105 Seiten und kostet 8,95 Euro.

Ausgabe 13, 1/2016 | Autor: Beatrice le Coutre-Bick