Wer begleitet Menschen im Andersland?

In einer immer älter werdenden Gesellschaft gehört das Thema Demenz zu den großen Herausforderungen und Zukunftsaufgaben. Die aktuelle Diskussion konzentriert sich vor allem auf medizinische und therapeutische Aspekte. Einen anderen, aber nicht minder bedeutenden Ansatz verfolgt die Diplom-Gerontologin Reinhild Wörheide aus Wallenhorst. Sie beschäftigt sich mit der sozialen Dimension und hat dabei nicht nur die erkrankten Menschen, sondern auch ihre Angehörigen im Blick.

In Deutschland sind derzeit rund 1,5 Millionen Menschen an Demenz errankt, bis 2050 wird sich ihre Anzahl voraussichtlich verdoppeln. Betroffen sind (vor allem, aber keineswegs ausschließlich) über 60-Jährige, die einen schleichenden Verfall ihrer geistigen, emotionalen und sozialen Fähigkeiten erleben. Bei der häufigsten Krankheitsform, der sogenannten Alzheimer-Demenz, wird das Kurzzeitgedächtnis besonders beeinträchtigt. Im weiteren Verlauf kommt es zu immer stärkeren Verhaltensauffälligkeiten. Menschen verlieren die Fähigkeit ihr Leben selbst zu gestalten und werden schließlich pflegebedürftig.

Wie belastbar sind Angehörige?

Reinhild Wörheide hat diese Situation im engsten Familienkreis erlebt, sich aber auch im Studium intensiv mit der Frage beschäftigt, wie die Krankheit das unmittelbare soziale Umfeld beeinflusst. Ihre Diplomarbeit beschrieb „Grenzen der Belastbarkeit für Angehörige von Menschen mit Demenz“, später entwickelte sie aus ihren Erfahrungen das Kurskonzept „Begleitung im Andersland“. „Ich habe immer wieder erlebt, wie hilflosMenschen sind, wenn sich Großeltern, Väter, Mütter, aber in manchen Fällen auch junge Menschen durch eine Demenzerkrankung plötzlich aus dem gewohnten Leben verabschieden. Und diese Situation kann viele, viele Jahre dauern, denn pflegebedürftig werden die Betroffenen oft erst im letzten Stadium“, erklärt Reinhild Wörheide. Ihr Kurskonzept, das mittlerweile bundesweit von mehr als 200 Dozentinnen und Dozenten angeboten wird, will Menschen, die demenzkranke Familienmitglieder begleiten, fachlich unterstützen, aber auch die Selbstpflegekompetenz der Angehörigen stärken. Das Angebot ist für Teilnehmer und Ausrichter (z.B. Seniorenheime) kostenlos, da es von den Pflegekassen finanziert wird. Einer Informationsveranstaltung folgen sieben Abende, an denen es um die unterschiedlichen Stadien der Alzheimer-Demenz, Kommunikationsfragen, praktische Erwägungen wie Ernährung, Ankleiden und Sturzprävention sowie Wut- und Zorngefühle von Betroffenen und Angehörigen geht. Außerdem spielen die Pflegeversicherung, rechtliche Aspekte oder Entlastungsangebote wie ambulante Pflegedienste, Angehörigengruppen und „Essen auf Rädern“ eine wichtige Rolle. Außerdem werden die Teilnehmer ermutigt, in den Kursen über ihre persönliche Lebenssituation zu berichten,

Probleme zu diskutieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen. „Für viele Menschen ist die Erfahrung, dass man nicht allein im `Andersland´ unterwegs ist, wo sich eigentlich nur die Demenzkranken problemlos zurechtfinden, eine große Hilfe“, erzählt Wörheide. „Außerdem laufen Angehörige häufig  Gefahr, sich selbst aus den Augen zu verlieren und die eigenen sportlichen, sozialen oder kulturellen Aktivitäten immer mehr einzuschränken. Das nützt aber weder ihnen noch den Menschen, die auf ihre Begleitung angewiesen sind.“

Wo kann man in Ruhe verrückt werden?

Erich Schützendorf und Helmut Wallrafen-Dreisow plädierten in ihrem provokanten Buch „In Ruhe verrückt werden dürfen“ bereits vor einem Vierteljahrhundert für ein fundamentales Umdenken in der Altenpflege. Auch Reinhild Wörheide ist entschieden dafür, auf einer breiten gesellschaftlichen Basis konstruktiv über das Thema Demenz zu diskutieren. „Wir reden vorwiegend über Probleme und über Kosten. Doch die demografische Entwicklung und die Krankheiten, die mit dem Älterwerden einhergehen, stellen uns vor grundsätzliche Fragen und geben uns damit auch die Möglichkeit, sie neu zu beantworten.“

Fühlen wir uns für einander zuständig?

Wie wollen wir in Familien, sozialen Gruppen und Stadtteilen miteinander umgehen? Wo und wie können Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zusammen leben? Wie vermeiden wir eine Ghettoisierung alter und kranker Menschen? Wer ist nicht nur moralisch verpflichtet, sondern hat auch Freude daran, Menschen im Andersland zu begleiten? Diese und viele andere Fragen müssen – auch in unserer Region – noch einvernehmlich geklärt werden, um den sozialen Frieden in einer alternden Gesellschaft zu bewahren.„Wenn ich einmal im Andersland unterwegs bin, möchte ich auch nicht einfach weggesperrt, sondern mit Würde behandelt und als Mensch respektiert werden“, sagt Reinhild Wörheide – und steht damit ganz sicher nicht alleine da.

Alois Alzheimer (1864-1915)
Im November 1901 untersuchte der Psychiater Alois Alzheimer in einer Frankfurter Heilanstalt erstmals die 51-jährige Auguste Deter, die an zunehmender geistiger Verwirrung litt. Als sie fünf Jahre später starb, sezierte Alzheimer ihr Gehirn und stellte fest, dass es geschrumpft war und zahlreiche Ablagerungen gebildet hatte. Sein Artikel „Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“, der 1907 in der „Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie“ erschien, wurde zum Ausgangspunkt der Alzheimer-Forschung. Der entscheidende Durchbruch, etwa die Entwicklung eines Impfstoffs, steht bis heute aus.

Ausgabe 15, 3/2016 | Autor: Thorsten Stegemann

Bildnachweise

 Alois Alzheimer © wikimedia / Kursbild, Portrait © Reinhild Wörheide / Plakat © www.deutsche-alzheimer.de // Wald © Jürgen Fälchle, fotolia.de // Taschentuch mit Knoten © Maren Winter, fotolia.de