Wie erklärt man Autismus?

Keine ganz einfache Aufgabe, wie unsere Recherchen zu diesem Thema zeigen. Noch komplizierter wird es, wenn man die Störung Kindern erklären möchte. Genau das macht die Autorin und betroffene Mutter eines autistischen Kindes, Dagmar Eiken-Lüchau nun in ihrem Kinderbuch „Mia – meine ganz besondere Freundin“. Zum Start unseres Gesprächs weist sie darauf hin: „Viele kennen Autismus aus dem Film „Rain Man“. Ein toller Film – aber bitte vergesst ihn zunächst!“

Die Wallenhorsterin Dagmar Eiken-Lüchau ist Mutter von vier Kindern. Die jüngste Tochter Mia ist 2,5 Jahre alt und Autistin. Im Alltag stößt die Familie auf schwierige Situationen. „Autismus ist eine schwerwiegende angeborene Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung“ erklärt Dagmar Eiken-Lüchau. „Die Funktionsweise des Gehirns ist dabei eingeschränkt oder stark beeinträchtigt. Es gibt sehr große Unterschiede bei der Symptomatik und Ausprägung. Autismus ist nicht heilbar“, führt sie fort.

Wie äußert sich Autismus?

Sehr unterschiedlich! Im Fall der kleinen Mia bemerkten die Eltern ab dem 2. Lebensjahr, das irgendwas anders war als bei den Geschwistern. Sie reagierte in der Regel nicht auf Fragen und schien in ihrer eigenen Welt zu leben. Tests ergaben, dass Mia´s Gehörorgan aber völlig funktionsfähig war – die Diagnose lautete „Autismus-Spektrum-Störung“. Als Mia dann in den Kindergarten kommen sollte, machten sich die Eltern darum Gedanken, wie sie den Erziehern, den anderen Eltern aber vor allem auch Kindern die Krankheit erklären sollten – zum Beispiel bemerkte die ein Jahr ältere Tochter von Freunden der Familie allmählich, dass man mit Mia nicht so richtig spielen konnte. Das führte zu Verunsicherungen und Frust, denn auch andere Kinder fingen in der Zeit an zu spielen – Mia beteiligte sich aber nicht.

Wie wird man zur Autorin?

Dagmar Eiken-Lüchau suchte ein Buch, das auf spielerische Weise die Eigenarten und Besonderheiten von Mia und ihrem Autismus erklären könnte. Ohne wirklichen Erfolg. Daraufhin kam ihr die Idee, einfach selbst ein Buch über das Thema zu realisieren. Herausgekommen ist ein spielerisch aufbereitetes Vorlesebuch für Kinder im Vorschulalter zum Thema Autismus. „Ich nutzte die schlaflosen Nächte, die ich in der Zeit hatte und fing einfach an zu schreiben. In dem Stil, wie ich das Thema kleineren Kindern oder auch unseren besten Freunden schon öfters erklärt hatte.“

Um der fertigen Geschichte am Ende Leben einzuhauchen, machte sie sich auf die Suche nach einer Künstlerin. Bei der Tschechin Lucie Vyhnálková, die in Osnabrück studiert, stimmte von Anfang an die Chemie. „Mit viel Kreativität und Sensibilität illustrierte Lucie die Geschichte – und besuchte Mia oft im Alltag, um ihr Verhalten zu beobachten und zu verstehen“, schwärmt die Buchautorin von der Zusammenarbeit.

Macht das Buch toleranter?

Dagmar Eiken-Lüchau möchte mit dem Buch aufklären – nicht nur aus dem Blickwinkel ihrer eigenen Familie, sondern für alle Betroffenen. So könne man Autisten ihre Behinderung oft gar nicht ansehen und bekäme in vielen Situationen Unverständnis entgegengebracht. „Die Blicke und Reaktionen der Menschen sind oft vorwurfsvoll, als könnten wir unsere Tochter nicht erziehen, wenn sie in bestimmten Situationen einfach nicht reagiert. So wird der Supermarkt, das Restaurant oder der Strand durchaus zu einer echten Herausforderung! Es ist aber nicht Mia, die uns das Leben schwer macht, sondern eher die Gesellschaft!“, meint die Autorin.

„Mia, meine ganz besondere Freundin“

Idee & Text: Dagmar Eiken-Lüchau
Illustrationen: Lucie Vyhnálková

Ein Vorlesebuch mit 27 Seiten für Kinder im Vorschulalter zum Thema Autismus. Bestens geeignet für Betroffene, Kitas, Grundschulen, Autismuszentren, Beratungsstellen, Ergotherapie- und Logopädie-Praxen, Geschwisterkinder und alle Interessierten.
Das Buch kann gegen eine kleine Spende auf Mia‘s Therapiekonto bestellt werden. Das eingenommene Geld wird ausschließlich für Therapien und Maßnahmen genutzt, die Mia im sprachlichen und sozialen Bereichen fördern.

Buchbestellung und weitere Informationen:
www.lockenkopf-mia.de

Was ist Autismus?

Osnabrücker Wissen fragte bei Bärbel Thierau nach, der Leiterin des Autismus Therapie  Zentrums Bersenbrück. Die Diplom-Sozialpädagogin erklärte uns:
„Die Autismus-Spektrum-Störung (z.B. Frühkindlicher Autismus oder Asperger-Syndrom) ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung. Betroffene Menschen haben häufig Probleme in der sozialen Kontaktgestaltung, sind in ihren Möglichkeiten zu kommunizieren eingeschränkt und oftmals unflexibel im Denken und Handeln. Meistens ist es schwierig für sie, Informationen aus ihrer Umgebung zu deuten und ihr Verhalten darauf abzustimmen. Deshalb kann es zu Verhaltensweisen kommen, die für andere „sonderbar“ erscheinen. Die Informationsverarbeitungsstörung führt jedoch auch zu besonderen „autistischen Fähigkeiten“.
Autismus ist unabhängig von gesellschaftlichen oder kulturellen Hintergründen und umfasst ein breites Intelligenzspektrum. Bis zu 25 von 10.000 Menschen werden weltweit von Fachärzten diagnostiziert.
In der UN-Behindertenrechtskommission wird Teilhabe, Mitwirkung und Befähigung aller Menschen angestrebt. Vor diesem Hintergrund besuchen inzwischen z.B. auch mehr Schüler mit Autismus Regelschulen, werden als Erwachsene auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt und erfahren mehr Verständnis und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.“

Kontakt:
Bärbel Thierau
Diplom-Sozialpädagogin/KJP
Leiterin des Autismus Therapie Zentrums
Bersenbrück & Diepholz, HpH Bersenbrück gGmbH
Fon: 0 543 9 / 94 69 -0 ∙ Mail: info@hph-bsb.de
Infos im Internet: www.hph-bsb.de

Ausgabe 8, 3/2014 | Autor: Stephan Buchholz

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