Was, wenn alles gut geht?

Drei Jahre war es still um Laith Al-Deen, der im Jahr 2000 mit den Songs „Bilder von Dir“, „Kleine Helden“ und „Ich will nur wissen“ bundesweit für Furore sorgte. Seitdem veröffentlichte der Mannheimer sieben Alben, rutschte 2011 aber in eine längere Kreativkrise.

Seine aktuelle Scheibe „Was wenn alles gut geht“ schoss nun gleich in der ersten Woche auf Platz 2 der Albumcharts – in den Songs verarbeitet er im Wesentlichen seine Lebenskrise und dokumentiert musikalisch eindrucksvoll seinen wiedergewonnenen Lebensmut.
Das Besondere: Für die Studioaufnahmen quartierte sich Laith mit seiner Band inklusive Team und mit dem Produzenten sowie Maffay-Gitarristen Peter Keller, gut drei Wochen lang im Osnabrücker Stadtteil Darum/Gretesch ein. In den „fattoria musica“-Studios von Benno Glüsenkamp entstand das neue, auffällig rockig - energie-geladene und dennoch stellenweise gewohnt melancholische Werk. Der Hamburger Toningenieur Tilmann Ilse von den „Chefrock Studios“ reiste ebenfalls nach Osnabrück – mit einem Truck voll Technik, um die Aufnahmen federführend zu realisieren. Im Gepäck waren zum Beispiel 60 Spezialkabel mit sonderangefertigten Adaptern.

„Die fattoria musica war für uns eine geniale Location. Wir konnten mit etwas Umbauarbeit einen Ort schaffen, an dem die Band gemeinsam spielen konnte, Laith in einem separaten Raum parallel eingesungen hat und alle, inklusive den Toningenieuren, permanent Blickkontakt hatten“, erzählt Tilmann Ilse. Das sei mittlerweile eher unüblich, da Tonspuren heute überwiegend einzeln eingespielt würden.
Doch die fattoria musica hatte noch mehr zu bieten: „Darüber hinaus gab es im Haus viele Ecken und Räume mit eindrucksvoller Akustik – auf dem Album sind an vielen Stellen echte Effekte anstelle synthetischer Sounds zu hören. Wir haben zum Beispiel im Badezimmer das Klatschen mehrerer Leute aufgenommen. Außergewöhnlich war auch der Klang im gefliesten Aufenthaltsraum mit Kuppeldecke, wo wir stellenweise das Schlagzeug neben einer Tischtennisplatte platziert haben – im Song »Wo gehen wir hin« kann man beispielsweise den genialen Hall hören“, erinnert sich der Tonspezialist.

Übrigens wurden alleine am Schlagzeug 18 Mikrofone zur Abnahme des Sounds platziert. Gut 850 Gigabyte Rohmaterial nahm die Crew in Osnabrück auf und am Ende mit nach Hamburg (Zum Vergleich: Lediglich 750 Megabyte passen final auf eine handelsübliche CD). In monatelanger Detailarbeit wurde das Album dort gemischt und an den einzelnen Songs gefeilt. Da Laith Al-Deen natürlich nicht permanent in Hamburg sein konnte, stellte ihm Tilmann Ilse einen Stream ins Internet, um sich von unterwegs über den PC oder das Tablet direkt bei den Sessions zur Feinabstimmung einklinken zu können.
Wer die Songs live erleben möchte, hat auf der Tour ab Januar die Gelegenheit dazu.

Ausgabe 8, 3/2014 | Autor: Stephan Buchholz

Sänger Laith Al-Deen im Interview

Wie fand es Laith im Osnabrücker Studio?

Während seiner bundesweiten Promo-Tour nahm sich Laith Al-Deen Zeit für unsere Redaktion, um ein paar Fragen zur Entstehung des neuen Albums und zu seinen Eindrücken von Osnabrück zu beantworten.

OsWi: Hallo Laith! Du bist seit einigen Tagen auf Promo-Tour zu deinem neuen Album „Was wenn alles gut geht“. Auf Facebook wirst du schon bemitleidet, weil du auf einigen Fotos angeblich so müde aussiehst. Ist es wirklich so schlimm oder habt ihr auch ein bisschen Spaß?
Laith Al-Deen: (lacht) Ja nee, so schlimm ist es nicht. Wenn die Bahn streikt, nervt das schon ein wenig, aber …

… wieso, fahrt ihr mit dem Zug zu euren Promotion-Terminen!?
Laith Al-Deen: Naja, wir nicht! Aber die Straßen sind durch die Leute, die ausweichen müssen, noch voller. Generell gehören Staus und lange Fahrten natürlich eh dazu, die Hälfte der Zeit ist man gerade bei Promo-Touren im Auto und auf verstopften Straßen unterwegs. Aber dafür treffe ich auch viele alte Bekannte, die ich zum Teil schon vor 14 Jahren an der Stelle kennengelernt habe, wo sie heute noch sitzen! Das alleine schon gibt ein gutes Gefühl – also von daher: Alles halb so wild!

Alte Bekannte – ein schönes Stichwort! Erzähl mal: Wie hat ein Kuckuck dein neues Album beeinflusst?
Laith Al-Deen: Der Kuckuck ist sicher eine Anspielung auf Tabaluga – und die Figur, die ich gastweise auf einigen Shows verkörpert habe. Einerseits habe ich darüber den Kontakt zu Peter Maffay gefunden, aber noch entscheidender war sicher der Kontakt zu Peter Keller – einem seiner Gitarristen und Produzent. Das ist einer der Leute, die das neue Album maßgeblich beeinflusst haben.

Was ist denn das musikalisch Besondere an deinem mittlerweile 8. Werk? An welchen  Schrauben habt ihr gedreht?
Laith Al-Deen: Peter Keller hat mich dazu bewegt, nach Hamburg zu kommen und einfach ein paar Songs auszuprobieren – in einer Phase, in der ich selber noch nicht genau wusste, wo die Reise hingehen soll. Letztendlich ist das Resultat ein Mix aus unserer beiden Visionen für den Laith-Sound 2014. Das alles hat dazu beigetragen, dass das Album jetzt klingt, wie es klingt.

Was genau hat euch dann aber Anfang des Jahres ausgerechnet nach Osnabrück ins Studio verschlagen?
Laith Al-Deen: Das ist eine gute Frage! Ins Studio nach Osnabrück verschlug uns eigentlich der Rat meines Schlagzeugers David Mette, der auch bei Philipp Poisel Schlagzeug spielt. Zusammen waren die beiden bereits in den fattoria musica-Studios, wo wir auch aufgenommen haben, und Dave war am Schwärmen – ehrlich gesagt in der Hauptsache wegen des Caterings. Meine Band ist kulinarisch sehr anspruchsvoll. Die setzt sich in der Regel mehr mit Essen als mit Musik auseinander – aber das ist ja auch ein wichtiges Thema. Das verstehe ich! Also im Ernst: Wir suchten in der Hauptsache einen Ort, an dem man entspannt ankommen kann. Ich habe danach dann erfahren, dass alle möglichen Musiker und Leute, die ich so kenne, immer mal wieder Zwischenstopp in der fattoria machen. Und dann haben wir am Ende gesagt: Komm wir machen das jetzt einfach mal!

War die Entscheidung richtig, habt ihr euch wohl gefühlt?
Laith Al-Deen: Ja! Das Schöne ist ja, wenn solche Sachen funktionieren, sind alle zufrieden. Benno Glüsenkamp, der direkt nebenan wohnt, war stets entspannt und hilfsbereit.

Als eines Morgens die Elektronik ausfiel, kam Benno rüber, stand mit uns vor dem Sicherungskasten und sagte trocken: „Joar, is wohl kaputt, nä?! Da ruf ich mal den Elektriker an.“ – und der kam dann 15 Minuten später und hat das direkt behoben. Und genauso reibungslos sind wir auch durch die gesamten drei Wochen gekommen. Wir haben da zwei Geburtstage gefeiert, ganz entspannt die Platte reingeklöppelt und dabei natürlich auch einige Mengen an Alkohol vernichtet. Zum Arbeiten gehört ja auch das Feiern, wenn man schon mal nen Klassenausflug macht …

Das stimmt! Stimmt es auch, dass du familiäre Verbindungen in die Friedensstadt hast?
Laith Al-Deen: Ja, genau! Meine Mutter kommt aus Osnabrück. Und dann kommen auch noch vier Schwestern dazu sowie eine Handvoll Cousins und Cousinen. Daher ist es immer wieder mal ganz schön, wenn sich alle paar Jahre eine Gelegenheit ergibt, um den Haufen mal zu sehen!.

Von Osnabrück mal in die weite Welt des Internets: Die Musikbranche hat sich in den letzten Jahren durch die neuen Online- und Speichermedien gravierend verändert. Bist du durch die sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter & Co in den letzten Jahren deinen Fans näher gekommen und hast du dabei das Gefühl, mehr aus deinem Privatleben preisgeben zu müssen?
Laith Al-Deen: Ich weiß nicht, ob wir uns nähergekommen sind, als großen Vorteil empfinde ich den deutlich besseren Austausch, besonders für spontane Geschichten. Was ich entscheidend finde ist, dass vor allem andere die Möglichkeit haben, sich persönlich einzubringen. Ich selber halte mich mit bestimmten persönlichen Informationen immer zurück, aber die Anhäufung von sinnlosen Informationen gefällt mir besonders gut! Wir haben vor drei Jahren mit Minuten-Konzerten angefangen, zum Beispiel auf Toiletten von Radiosendern mit der gesamten Belegschaft, dann gab es Songmitschnitte aus irgendwelchen Hotels und letztendlich hat sich gezeigt: je bescheuerter, umso mehr wollen die Leute es sehen. Und das finde ich gut – ich mag es, mich mit sinnlosen Nichtigkeiten zu umgarnen. Das sehe ich als großen Vorteil der sozialen Medien, zumindest bei Facebook.

Durch die Digitalisierung sinken die Einnahmen aus normalen Plattenverkäufen. Liegt hier aber vielleicht gerade eine Chance für noch cooleres Merchandising, überraschendere Live-Gigs und spezielle Produkte wie exklusives Bonusmaterial? Was tut ihr konkret, um die Fans zu begeistern?
Laith Al-Deen: Um ehrlich zu sein, halte ich mich mit einigen Dingen sehr zurück. Ich glaube, dass wir mitten in einer Entwicklung stecken, deren Ende noch gar nicht abzusehen ist. Bei den Musik-Flatrates zum Beispiel muss man sich mal über den kulturellen Wert Gedanken machen! Das wird sich hoffentlich mit den nächsten Generationen irgendwie einnorden. Wir versuchen einfach Spaß zu haben. Ich kenne Leute, die haben über 100.000 Facebook-Freunde – und trotzdem spielen die jetzt nicht vor übermäßig vollen Hallen! Wir versuchen in den sozialen Medien ab und zu mal mit ein paar Aktionen ein Lebenszeichen oder ein Stück Profil rauszuschicken, konzentrieren uns aber lieber auf unsere klassischen Konzerte.

Im Januar gehst du mit der Band auf Tour! Kannst du uns schon verraten, was eure Fans da erwartet?
Laith Al-Deen: Es wird ein schönes Pfund, nenne ich es jetzt mal. An einigen Stellen wird es, wie auf der Platte selbst, ein wenig lauter werden. Das war live natürlich noch nie anders, wenngleich wir ja keine Hardrock-Konzerte spielen – aber wir geben gut Gas!

Die Konzertbesucher erwartet neben der neuen Platte auch eine Auswahl der alten Hits und besonderer Perlen, die über das Internet von einigen Fans immer wieder gewünscht wurden.

Fans aus Osnabrück müssen nach Bielefeld oder Bremen fahren, um dich live zu sehen. Oder planst du 2015 auch einen Zwischenstopp hier in der Stadt, zum Beispiel mal wieder im Rosenhof?
Laith Al-Deen: Bisher gibt es da noch keine konkrete Planung. Die Verbandelung mit dem Rosenhof ist eine sehr schöne, weil es die ersten Male viel Spaß dort gemacht hat. Super geeignet für einen Gig, gerne auch akustisch, ohne das man ein Lautstärkefass aufmacht. Wir haben aber bisher nur bis Februar geplant, für den Sommer ist da noch durchaus was möglich.

Du arbeitest auf dem aktuellen Album auch deine ganz persönliche Kreativitäts- oder sogar Lebenskrise auf und hast offensichtlich wieder zum Optimismus gefunden. Welchen Rat gibst du Pessimisten und Zweiflern, die immer wieder alles und sich selbst in Frage stellen?
Laith Al-Deen: Hui! Also Zweiflern einen Rat zu geben, ist natürlich schwierig. Aber wenn ich etwas aus den letzten drei Jahren gelernt habe, dann ist es das Teilen im Sinne des Mitteilens. Gerade der offene Umgang mit der Situation hat mir sehr geholfen. Je nachdem, was im Leben los ist, kann man sich auch die eine oder andere Anlaufstelle suchen. Ich selber zweifle ja nach wie vor noch an einigen Dingen und versuche das immer mehr gerade zu ziehen und Konsequenzen nicht immer im Kopf durchzugehen. Bei zu vielen Prognosen kommst Du in Deinem Leben ja irgendwie zu gar nichts mehr …

… also „einfach mal machen“?
Laith Al-Deen: Einfach machen, ja genau – das wäre jetzt auf den Punkt gebracht, ist aber in der Realität tatsächlich nicht so einfach.

Ergänze bitte folgende Sätze, Laith!

Ich will nur wissen, …
… was in den nächsten 3 Monaten passiert!

Ich höre gerne Musik von …
… Curtis Mayfield

Es gibt für mich nichts Schöneres als …
… ein gutes Stück Fleisch mit einem
schönen Glas Rotwein

Mein Frühstück besteht in der Regel aus …
… Kaffee und Zigaretten

Ich würde den Job gerne mal für einen
Tag tauschen mit …
… einem Basejumper wie Extremsportler
Felix Baumgartner. Einen Tag angstfrei
in so nem Wingsuit stecken, wäre tierisch!

Mich nervt es, wenn …
… jemand noch unentschlossener ist als ich!

Ich stände gerne mal auf der Bühne mit …
… Bruce Dickinson

Mein Lieblingsplatz in Osnabrück ist …
… das fattoria musica-Studio von
Benno Glüsenkamp!

Wenn alles gut geht, …
… dann ist morgen alles wie heute!

Besten Dank für das Gespräch, Laith, und viel Erfolg für deine Albumveröffentlichung sowie die anstehende Tour!

Bildnachweise

Laith Al-Deen © by Carsten Klick, www.laith.de // Studio-Fotos © Tilmann Ilse, Chefrock-Studios