Wo wird der rote Teppich ausgerollt?

Ein Filmtheater ohne roten Teppich kann sich Anja Thies, geschäftsführende Gesellschafterin der Osnabrücker Filmpassage, nicht vorstellen. 200.000 Besucher strömten im vergangenen Jahr über die rote Auslegeware in einen der neun Kinosäle zwischen Johannis- und Kommenderiestraße – und hinterließen ihre Spuren.

Viermal pro Jahr muss der rote Laufsteg ausgewechselt werden, verrät Anja Thies. Aber das muss sein. Genauso wie das traditionelle kulinarische Kino-Quartett: Nachos, Popcorn, Cola und Bier. Tonnenweise Mais wird in der eigenen Küche zusammen mit Zucker und Fett in zwei Popcornmaschinen jedes Jahr zur beliebten, duftenden Knabberei verarbeitet. Immer frisch – und zur Weihnachtszeit auch schon mal mit Zimtnote.

Was braucht ein Kino im digitalen Zeitalter?

Seit Mai 2012 weht in der Osnabrücker Filmpassage ein neuer Wind. Mit enormem finanziellen Aufwand und cineastischer Leidenschaft wurde die ehemalige UFA-Filmpassage zu einem modernen Filmtheater umgebaut. Vor allem hinter den Kulissen wurde ein für die Besucherscharen kaum wahrnehmbarer gewaltiger Wandel vollzogen. Robin Ehlert, Assistent der Geschäftsführung, hat im Verlauf seiner Kinolaufbahn die Folgen dieses Wandels hautnah erlebt. Bis zu 30 Kilogramm schwere Filmrollen musste er als studentischer Filmvorführer noch durch die oft mals engen Kinoflure schleppen und auf die Filmspulen stemmen. Auf zwei Vorführgeräten sorgte er dafür, dass den Kinogästen der Wechsel von der einen Spule auf die andere möglichst nicht auffiel. Das war oft Adrenalin pur, wenn die Filmbänder nach häufigem Abspielen begannen einzureißen und von der Spule sprangen. „So mussten wir über die gesamte Filmlänge bei den beiden Abspielgeräten ausharren, um notfalls sofort eingreifen zu können“, beschreibt Robin Ehlert auch die Schattenseiten der Filmvorführ-Romantik. Für ihn war der studentische Nebenjob dennoch eine Art Einstiegsdroge – das Kino ließ ihn fortan nicht mehr los.
Derartige Filmvorführgeräte gehören in der Filmpassage seit Mai 2012 der Vergangenheit an. Das veraltete Equipment wurde jedoch nicht verschrottet, sondern steht heute als eine Art Denkmal an vielen Orten in der Filmpassage.

Etwa 100.000 Euro kostete der Aufbruch in das digitale Filmzeitalter – pro Kinosaal wohlgemerkt. Statt auf kilometerlangen Filmstreifen (ein Kilometer entsprach in etwa der normalen Spielfilmlänge) werden die Filme heute auf handlichen, in stoßsicheren Koffern verpackten, externen Festplatten angeliefert. Auf dem kinoeigenen Zentralserver wird jede Filmkopie mit einem spezifischen, separat übermittelten digitalen Schlüssel verknüpft. Nur so kann der Film abgespielt werden. Modernste Computertechnik hat die alten ratternden Projektoren abgelöst. Robin Ehlert freut sich vor allem über die enorm verbesserte Bild- und Tonqualität sowie die verlustfreie Wiedergabe. Auf den einstigen Filmrollen verschlechterte sich die Filmqualität mit jedem Abspielvorgang, das sei heute zum Glück kein Thema mehr.

Wer wagt sich auf cineastisches Neuland?

Entlassungen habe es durch die Einführung der neuen Filmvorführtechnik in der Filmpassage nicht gegeben, freut sich Anja Thies. Die 28 Mitarbeiter seien inzwischen alle zu Allroundern geworden, reine Filmvorführer oder Projektionisten gebe es eigentlich nicht mehr. Da die Anwesenheit eines Filmvorführers je Kinosaal über die gesamte Filmlänge durch die neue Technik nicht mehr nötig sei, könnten sich die Mitarbeiter auch anderen Tätigkeiten im Servicebereich widmen. Zwei Azubis erlernen hier den Beruf des Veranstaltungskaufmanns. „Zur Arbeit gehört sehr viel mehr als nur Filme zeigen“, sagt Anja Thies. Die Filmpassage sei Gastgeber für Cineasten, Ausrichter von Kindergeburtstagen und originelle Location für Firmenveranstaltungen. Digitaler Hightech und professionelle Arbeit hinter den Kulissen sind zwei der Voraussetzungen für das reibungslose Bespielen der insgesamt 1.250 Plätze. Aber auch in Sachen Filmauswahl haben Anja Thies und ihre Mitarbeiter inzwischen ein besonderes Profil entwickelt. Neben Blockbustern wagte sich die Filmpassage mit Verfilmungen des Bolschoi Theaters sowie einer regelmäßigen türkischen Filmauswahl auf cineastisches Neuland in Osnabrück. Ein Besucherplus von 25 Prozent gegenüber 2012 macht deutlich: So ganz falsch können die Entscheidungen der letzten zwei Jahre nicht gewesen sein …

Kontakt Filmpassage

Johannisstr. 112-113
49074 Osnabrück
E-Mail: info@filmpassage.de

http://www.osnabrueck.filmpassage.de
(Programm, virtueller Rundgang durch das Kino, Reservierungen etc.)

Ausgabe 6, 1/2014 | Autor: Yörn Kreib

Bildnachweise

Bild Geschäftsleitung Filmpassage © Yörn Kreib; Einblicke Filmpassage © Jana Lange Nostalgisches Equipment © Fernando Gregory – 123rf.com; Roter Teppich © tiero – 123rf.com