Woher kommt der Hopfenlümmel?

Bis würziges Bier aus der Flasche sprudelt, ist viel Arbeit nötig. Liebhaber des hochwertigen Gerstensaftes können in der Vorwalder Landbrauerei ab sofort einen Blick hinter die Kulissen der traditionellen Braukunst werfen – flüssige Verkostung inklusive.

„Mein Bier muss lecker schmecken und gut aussehen“, umreißt Christof Jäger seine simple aber wirkungsvolle Brauphilosophie. Sensorik, Geruch und Schaum müssen stimmen. Sagt‘s und öffnet eine Flasche „Schräglage“. Bernsteinfarben leuchtet das hochprozentige, sehr milde, süffige, dunkle Bier im Glas. „Ein typisches Bier für Rotweintrinker und ein echtes Frauenbier“, sagt Jäger.

Wer lässt Bier nach alten Socken riechen?

Nicht jeder Brauvorgang aber mündet in einem derart schmackhaften Bier. Insbesondere in den Anfängen gingen manche Produktionsprozesse in eine Richtung, die so nicht gewollt war. Die Liebe zum Bier und der Traum von einer eigenen Brauerei führten Christof Jäger und einen Freund 2008 in einen VHS-Kurs zum Thema Bierbrauen. Rasch taugte die Küche nicht mehr als Brauerei. 2011 funktionierte Jäger deshalb die alte Malerwerkstatt im Garten seines Wohnhauses im Venner Ortsteil Vorwalde zur Brauerei um. Besonderes Augenmerk legt Jäger auf die Hygiene. Nachlässigkeiten bestrafen unbeliebte Bakterien, z.B. die Milchsäurebakterien, sofort. Derart befallenes Bier riecht nach alten Socken – und muss, unter der Aufsicht eines Zollbeamten, in den Gully gepumpt werden. In seiner kleinen Landbrauerei produziert Jäger etwa 8.000 Liter Bier pro Jahr, ein klarer Fall für die Biersteuer. „Das Formular zur Biersteuererklärung ist seit 1850 kaum verändert worden“, schmunzelt Jäger. Das Eintreiben jedoch wird sehr ernst genommen.

Was kommt ins Bier?

„Hopfen, Wasser, Malz und Hefe – mehr braucht es nicht für ein gutes Bier.“ Die Zutaten für die jahreszeitlich verschiedenen Biersorten stammen aus biologischem Anbau. Das Malz bezieht Jäger aus der Rhön, den Hopfen aus der Hallertau – und seit 2014 teilweise aus eigenem Anbau. Acht Kilo Hopfen und zwei Tonnen Malz benötigt Jäger jährlich, um den Durst seiner ständig wachsenden Kundenschar zu stillen.

Besonders stolz ist Jäger auf seinen Braukessel, einen eingemauerten und mit einem Holzfeuer beheizten, 1.000 Liter fassenden ehemaligen Milchtank. Das Holz schlägt und sägt er selbst zu – ein Kubikmeter je Brauvorgang.

Was machen Oldtimer in der Brauerei?

Hightech sucht man vergeblich in seiner Brauerei. Stattdessen alte, von anderen Firmen längst ausrangierte Maschinen. Jäger redet liebevoll von seinen „Oldtimern“. Ihn fasziniert die individuelle Funktionsweise jeder einzelnen Maschine. „Die sind für die Ewigkeit gebaut und (zumindest für ihn) völlig unkompliziert, so dass ich jederzeit eingreifen, reparieren oder umbauen kann.“ Die Brauerei erfüllt denn auch die durchaus gewollte Funktion eines lebendigen Museums. Die Begeisterung für diese Maschinen springt sofort auf die Besucher über. Wer hätte gedacht, dass der technische Fortschritt der fast 60 Jahre alten Flaschenabfüllanlage „Triumph Rekord“ in dem in den Biertank eingebauten Schwimmer bestand. Dasselbe Prinzip verhindert im Toilettenspülkasten den Überlauf.

Wo fallen keine Altlasten an?

Der Zeit- und Arbeitsaufwand ist nicht zu unterschätzen. Ohne die tatkräftige Unterstützung der Familie wäre der Erfolg der kleinen Brauerei sicher nicht möglich gewesen. Christof Jäger selbst arbeitet, wenn er nicht am Braukessel steht, beim Landkreis Diepholz und ist dort zuständig für Altlasten. Über Altlasten kann er in seiner Brauerei nicht klagen. Im Gegenteil. Kaum taucht im Internet der Hinweis auf: „Neues Bier ist fertig und steht abgefüllt in Flaschen und Fässern bereit“ – geht der Run los. Ein Großteil ist immer schon vorbestellt. Es dauert nicht lange und Jäger muss mitteilen: „Sorry, aber das Bier ist alle. Nächste Abfüllung in einigen Wochen“. Immer wieder fragen ihn Freunde, Kunden und Bierliebhaber ob er seine Produktion nicht ausweiten wolle. Die Nachfrage wäre sicher vorhanden. Jäger will jedoch nicht mehr Bier brauen. „Ich bin wirklich glücklich mit der aktuellen Situation. Ich habe mir meinen Traum erfüllt und genieße das jetzt auch“, betont er.

Ihn reizen vielmehr neue Bierkreationen. In derartige Entwicklungsprozesse sind häufig auch Freunde und Bekannte mit einbezogen. Das Bockbier „Schräglage“ sei eigentlich eine „Unfallfolge“, erzählt Jäger. „Wir haben beim Brauen durch angeregte Diskussion und engagiertes Verkosten einfach die Hälfte des Wassers vergessen. Das unfreiwillig entstandene Bierkonzentrat war so lecker, dass es zu einem festen Bestandteil des Angebots geworden ist“.

Wie lange reifen Hopfenlümmel?

Egal ob die hochprozentige „Schräglage“, der süffige „Hopfenlümmel“, die helle „Maiperle“, das hopfige „Herbstzeitlos“ oder „Stille Nacht“, ein gehaltvolles Weihnachtsbier – wenn das Bier schmecken soll, muss man ihm Zeit zum Reifen geben. Jäger gibt seinem Bier zwei Monate. In dieser Zeit kann sich die Hefe in Ruhe auf dem Boden absetzen, ein Filtrieren ist nicht mehr nötig. Klar perlt das gereifte Bier ins Glas. Zufrieden und stolz betrachtet der Brauer sein Brauwerk. „Ein Leben ohne Bier ist zwar möglich, aber nicht so schön“, gibt er zu bedenken. Kein Protest. Prost!

Kontakt:
Vorwalder Landbrauerei
Osnabrücker Straße 2
49179 Ostercappeln-Venne
Telefon: 05476-8019160
www.vorwalder-landbrauerei.de

Ausgabe 10, 2/2015 | Autor: Yörn Kreib

Bildnachweise

Brauereibilder © Yörn Kreib / Vorwalder Landbrauerei