Intervention im öffentlichen Raum oder „Hä, was machen die denn da?“

Wer kennt ihn nicht, den Kapuzenpullover? Im englischen, uns geläufigen Sprachgebrauch heißt er „Hoodie“ und ist längst nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken: als praktischer Begleiter in Sachen legerer Kleidung und auch als Signum für meine Peer-Group!

Natürlich tragen wir Kleidung zunächst einmal, um uns vor Kälte, Nässe oder gar Hitze zu schützen, jedoch dicht gefolgt von dem Wunsch, unserer Besonderheit Ausdruck zu verleihen. Überraschenderweise folgen wir bei dieser Individualitätsversicherung an uns selbst der „Mode“ – und sind mittendrin in der Diskussion um Gemeinschaftsbildung und die dazugehörigen Regeln. Regeln sind hier Verabredungen, die sich damit befassen, wer dazu gehört und wie man aussehen muss, um dazuzugehören. Im Herbst 2015 befasste sich das Seminarfach Kunst des Ratsgymnasiums Osnabrück im Rahmen eines Kooperationsprojektes mit der Kunsthalle Osnabrück intensiv mit der Kunstform der Performance, der Intervention, die im öffentlichen Raum stattfindet und mit der Frage nach dem, was künstlerisches Material sein kann und wie sich Alltägliches und oft Gesehenes in seiner Wirkung ästhetisch umwenden lässt.

Warum erobern Hoodies
eine Fußgängerzone?

Angeregt durch die Ausstellung des slowenischen Künstlerkollektivs IRWIN in der Kunsthalle Osnabrück, sowie inspiriert durch die Projekte des österreichischen Künstlers Willi Dorner, war die Arbeitsgruppe dem „Alltäglichen im Alltäglichen“ auf der Spur und dem, wie mittels leicht versetzter Perspektive, vermeintlich Bekanntes einer überraschenden Intervention begegnen kann.
Einheitlich, in neon-pink-farbenen Hoodies, schwarzen Hosen und nach Körpergröße sortiert, eroberte sich der aktive Teil der Gruppe einen zentralen Abschnitt des Osnabrücker Fußgängerbereichs. Insgesamt fünf achtsam ausgewählte Stationen wurden zum Schauplatz einer performativen Intervention. Ein Eingriff, eine Einmischung in die Seh- und Gehgewohnheiten des regulären Fußgängers und Einkaufenden und gleichzeitig eine ästhetische Komposition aus in Hoodies gekleideten Körpern als Kommentar zu vorgefundenen Situationen wie die einer Passage oder eines Schaufensters. Die seriellen Kompositionen begegneten dem Publikum ganz unvermittelt beim Schlendern und Flanieren oder auch auf dem eiligen Weg ins Büro.

Der aktive Teil der Gruppe lag beispielsweise mitten in der Deutsch-Passage in auffallend geordneter Weise bäuchlings für drei (lange) Minuten auf dem Boden oder verstellte im Wortsinn und im übertragenen Sinn den Haupteingang eines großen Osnabrücker Modegeschäftes und markierte so zunächst den Übergang vom öffentlichen Raum in den des Konsum- und Kaufbegehrens. Die unmittelbar folgende Positionierung im sich direkt über dem Haupteingang befindlichen Schaufenster reflektierte offensichtlich die eigene Haltung zur Wirkung von Werbung, der jeder ausgesetzt ist und die jeder konsumiert – zufälliges, verwundertes, fragendes und bannig erstauntes Publikum inklusive!

Wie geht man mit
Unvorhersehbarem um?

Die Reaktionen waren ganz unterschiedlich: Einige Menschen verharrten erstaunt vor der Gruppe und ihrer Intervention. Manch einer reagierte auf die Aktion, da er seine ihm geläufige Perspektive auf die Welt kurzfristig verändert sah, und suchte die Diskussion. Wiederum andere äußerten, beileibe nicht wohlwollend, spontan ihr Missfallen. Hier war der zweite Teil des Kurses gefragt: Die Kommunikationsgruppe nahm Reaktionen des Publikums zum Anlass, über Erscheinungsformen von Kunst, Umwendung von Alltagssituationen und die künstlerische Strategie der Irritation zu diskutieren – kurz den Sinn und Unsinn einer performativen Intervention im öffentlichen Raum mit all denjenigen zu verhandeln, die mit neugierigem, offenen Blick die überraschend andere Sicht auf „ihren“ öffentlichen Raum kurzzeitig vollkommen verändert wahrnehmen konnten. Die Gruppe derer, die sich der fotografischen und filmischen (hier lohnt der Blick auf youtube unter www.youtube.com/watch?v=FPxqaQVfB54) Dokumentation des Projektes verschrieben hatten, leistete übrigens wertvolle Arbeit für eine anschließende interne Reflexion des Projektes. Dies gilt besonders im Hinblick auf eine Untersuchung der Formen des gemeinsamen Umgangs mit Unvorhersehbarem, die bewusste Betrachtung der unterschiedlichen Ebenen der Aktion in deren Bedeutung für die vorangestellten Fragestellungen.

Wie machen sich Menschen
ein Bild von der Kunst?

Wie orientieren sie sich, wie reflektieren sie ihren Standpunkt? Die Vermittlung der Kunsthalle Osnabrück möchte mit diesem wie anderen Programmen stetig neue Formen der Raum- und Weltaneignung erfassen.
Gleichzeitig geht es in der Kunst um eine andauernde Beschäftigung mit den Dingen, die uns nicht geläufig sind. Mit Vermittlungs-Programmen möchte die Kunsthalle dazu beitragen, die Angst vor dem Anderen in Neugierde und lustvolles Interesse für das Neue zu verwandeln. Denn: Kunst schafft Situationen, in denen die bekannten Erwartungen gestört werden. Kunst schafft manchmal auch ein Befremden, wenn Regeln und Gebräuche gebrochen werden. Das Motiv der Kunsthalle bleibt die Entdeckung frischer, unbekannter Denkweisen, innerhalb derer oft Unvorhersehbares und Unkalkulierbares offenbar wird – und ein Handlungsraum entsteht, der offen für stetige Veränderung und vor allen Dingen für eine aktive Beteiligung ist!

Ausgabe 13, 1/2016 | Autor: Christel Schulte

Bildnachweise

Bilder © Kunsthalle Osnabrück mit dem Seminarfach Kunst, Ratsgymnasium Osnabrück