Wann machte Pocahontas Urlaub am Dümmer?

Sein monströser Roman „Zettels Traum“ umfasst 1334 DIN-A3 Seiten, kostet 299 Euro und ist selbst für Spezialisten mehr als eine echte Herausforderung. Doch auch der Schriftsteller Arno Schmidt arbeitete sich schrittweise an sein Hauptwerk heran. Vor 60 Jahren erschien die am Dümmer spielende Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“, die für einen handfesten Skandal sorgte.

Der Schriftsteller Joachim Bomann fährt im Sommer 1953 mit dem Zug nach Diepholz, wo er seinen alten Kriegskameraden Erich Kendziak trifft. Am Dümmer begegnen die beiden Selma Wientge und Annemarie Waniek, zwei Stenotypistinnen aus Osnabrück. Während Erich ein Verhältnis mit Annemarie beginnt, kommt Joachim der verlobten Selma so nahe, dass beide „sausend aufeinander davonreiten“. Er gibt ihr den Kosenamen Pocahontas – nach einer Indianerprinzessin, die im frühen 17. Jahrhundert den Tabakpflanzer John Rolfe heiratete und als Botschafterin am englischen Hof empfangen wurde. Bei gemeinsamen Essen, Ausflügen und Bootsfahrten diskutieren die Sommerfrischler mit Vorliebe über Politik und Religion. Die konservative Adenauer-Ära ist ihnen ebenso zuwider wie Kirche, Papst und Christentum.
Doch ändern können sie weder ihre persönlichen noch die gesellschaftlichen Verhältnisse. Nach fünf Tagen ist der Urlaub vorbei. Joachim bringt Selma zum Bus. Erich versucht ihn aufzumuntern – ohne Erfolg: „Mein Kopf hing noch voll von ihren Kleidern und ich antwortete nicht.“

Erotisch oder unzüchtig?

Arno Schmidts ironische, bilderreiche Erzählung gehört längst zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Heute präsentiert der Verlag Randomhouse die von Jan Philipp Reemtsma gelesene Audio-CD unter dem Stichwort „erotische Sommergeschichte“. Die Oberstaatsanwaltschaft Trier beurteilte die Lage 1956 völlig anders. Nach ihrer Einschätzung handelte es sich um einen Text, „der Religionsbeschimpfungen und Gotteslästerungen enthält und weiterhin Schilderungen sexuellen Charakters bringt, die geeignet sind, das Scham- und Sittlichkeitsgefühl gesund empfindender Menschen in geschlechtlicher Hinsicht zu verletzen.“ Schmidt und sein Herausgeber Alfred Andersch rechneten bereits mit einer mehrjährigen Haftstrafe, doch dann nahm sich die Staatsanwalt Stuttgart des Falles an und beauftragte den Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung mit einem Gutachten. Hermann Kasack kam zu dem Schluss, dass Literatur eben immer ein Spiegel ihrer Zeit sei: „Wenn gegenwärtig häufig so viel Krasses, Chaotisches, Hässliches, Brüchiges darin sichtbar wird, so liegt das weniger am Willen des Autors, als eben an der Zeit.“ Im Juli 1956 wurde das Verfahren eingestellt.

Arno Schmidt
Der 1914 in Hamburg geborene Arno Schmidt arbeitete zunächst als Lagerbuchhalter. Nach dem Zweiten Weltkrieg, dessen Ende er in britischer Gefangenschaft erlebte, machte er sich als Übersetzer und Schriftsteller einen Namen. Seine avantgardistischen Sprach- und Stilexperimente trafen immer wieder auf leidenschaftliche Befürworter und entschiedene Gegner.
Zu Schmidts bedeutendsten Arbeiten zählen neben der Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“ der utopische Roman „Die Gelehrtenrepublik“ (1957) und sein Hauptwerk „Zettels Traum“ (1970). Arno Schmidt starb 1979 in Celle.

Buchtipp
Arno Schmidt: Seelandschaft mit Pocahontas / Die Umsiedler, Fischer-Verlag, 9,99 €

Ausgabe 10, 2/2015 | Autor: Thorsten Stegemann

Bildnachweise

Portrait & Buchcover © Alice Schmidt, Arno Schmidt Stiftung; See-Foto © searagen, Fotolia.com