Wie kann ich Osnabrück hören?

Bislang gab es nur eine Möglichkeit, Osnabrück zu hören. Man musste beim Gang durch die Stadt die Ohren spitzen und live sein eigenes Hörspiel kreieren. Der Nachteil: Man konnte es nicht mit Freunden und Verwandten teilen.

Es sei denn, durch umständliche Nacherzählungen: „Dann war am Neumarkt dieses lustige Geräusch, ich dachte erst, es kommt von einem Vogel, als ich dann hinsah…“ Seit kurzem gibt es in Osnabrück einige Aktivitäten rund um das Hörspiel. Und so lässt sich Osnabrück ganz bequem hören: Zuhause vor dem Radiogerät oder am Laptop via Livestream, zum Beispiel in dem von Osnabrücker Studenten produzierten Hörspiel „Abstrakte Kunst oder Wer ist Vordemberge-Gildewart?“

Seit wann gibt es Hörspiele in Deutschland?

Die Geschichte des Hörspiels in Deutschland reicht über achtzig Jahre zurück. Am 24. Oktober 1924 gelangte Hans Fleschs Hörspiel „Zauberei auf dem Sender“ als erste Hörspielproduktion zur Ursendung. In den Anfangstagen des Hörspiels wurden meist Klassiker vor dem offenen Mikrofon im Rundfunkstudio live gelesen. Mit Bertolt Brecht und Walter Benjamin traten erstmals Hörspielautoren hervor, die genuin Stücke für das neue Medium Hörspiel schrieben. Bis heute redet man bei solchen Stücken, die exklusiv für den Rundfunk geschrieben werden, von Original-Hörspielen. Die große Zeit des deutschen Hörspiels lag in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als das Hörspiel die Menschen vor dem Radiogerät versammelte. Etwa Günter Eichs „Träume“ (1951), das bis heute oft gesendete exemplarische Nachkriegshörspiel, eines der wenigen Hörspiele, die mehr als einmal produziert wurden.

Ist das Hörspiel ein aussterbendes Genre?

Durch die relativ neuartige Vermarktung des Hörspiels als Audio-Book und neue Formen der öffentlichen Verbreitung wie (kostenfreier) Internet-Download ist das Medium Hörspiel nach langer Funkstille wieder ins Gespräch gekommen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich die Produktionsmöglichkeiten markant verschoben haben. Waren bis vor zwei Jahrzehnten nur Rundfunksender selbst in der Lage, die kostenaufwändigen Hörspiele in ihren Studios herzustellen, hat sich durch die digitalen Techniken alles verändert. Heute ist es ganz selbstverständlich, dass qualitativ ebenbürtige Hörspiele am heimischen PC produziert werden, mit einem Minimum an Produktionskosten. Die ARD-Rundfunksender scheuen sich längst nicht mehr, Eigenproduktionen einzukaufen. Gute Zeiten für Tüftler und Klangforscher.

Wie wird ein Hörspiel produziert?

Ein Hörspiel lässt sich zuhause oder im Klassenzimmer ebenso gut herstellen wie im professionellen Rundfunkstudio. Über das Repertoire des Hörspiels verfügen wir alle ganz selbstverständlich: Stimmen, Pausen und Geräusche. Und die Hilfsmittel zur Realisation eines Hörspiels sind im Zeitalter der digitalen Technik überall erhältlich: Mikrofon und eine Aufnahme- und Montagesoftware wie z. B. „Audacity“, die als Freeware im Internet bereitsteht. Mehr braucht es nicht, um alle Interessierten zu Regisseuren ihres eigenen Hörspiels werden zu lassen.

Wo kann man die Produktion eines Hörspiels lernen?

Wer in Osnabrück Interesse hat, Hörspiele zu produzieren, kann sich an den Unifunk Osnabrück wenden. Dort gibt es Gelegenheit, Hörspiele in Absprache mit den studentischen Redakteuren zu entwickeln.
Allen Germanistikstudenten der Universität Osnabrück stehen die Seminare des Hörspielautors Jan Decker offen, der im Wintersemester das Hörspielwerk von Günter Eich präsentieren wird. Im letzten Sommersemester wurde von seinen Studenten und ihm bereits das Osnabrück-Hörspiel „Abstrakte Kunst oder Wer ist Vordemberge-Gildewart?“ produziert und zur Ursendung gebracht. Jan Decker wird seine Arbeit als Hörspielautor auch in der Literaturwerkstatt der VHS Osnabrück am 20. Februar 2014 vorstellen. Im Februar 2014 erscheint außerdem sein Lehrwerk „Hörspiel machen“ im Ernst Klett Verlag.

Ausgabe 5, 4/2013 | Autor: Jan Decker

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