Wohin mit dem Freiheitsdrang?

Vergessene Bücher (3): Gabriele Reuters Roman „Aus guter Familie. Leidensgeschichte eines Mädchens“

Nicht nur für Thomas Mann war Gabriele Reuter „vielleicht die souveränste Frau, die heute in Deutschland lebt“. Ihr 1895 erschienener Roman „Aus guter Familie“ erreichte bis 1931 insgesamt 28 Auflagen und auch „Ellen von der Weiden“ (1900), „Der Amerikaner“ (1907) oder die Novellensammlung „Frauenseelen“ (1901) wurden zu viel diskutierten Bestsellern. Bis heute flackert das Interesse an ihrem außergewöhnlichen Werk immer wieder auf – doch dem breiten Lesepublikum ist Gabriele Reuter schon seit langem kein Begriff mehr.

Was will die höhere Tochter?

So richtig weiß es Agathe, die Tochter des sittenstrengen Regierungsrats Heidling, wohl selber nicht. Sie ahnt, dass ihr Leben etwas mit Freiheit und Selbstbestimmung zu tun haben sollte, aber die literarischen Muster, die sie sich aus den Büchern von Georg Herwegh oder Lord Byron herausgelesen hat, taugen nicht für die starren Geschlechterrollen im Wilhelminischen Kaiserreich, die der Vater unablässig propagiert. Gabriele Reuter schickt die Heldin ihres Romans auf eine Reise, in deren Verlauf sie in immer härtere Konflikte mit Eltern, Freunden und Verwandten, gesellschaftlichen Normen, erotischen Phantasien, religiösen und politischen Heilslehren gerät. Agathe spürt, dass ihr innerer Kompass sie weiter und weiter von dem Weg entfernt, der ihr in dem Erbauungsbuch „Des Weibes Leben und Wirken als Jungfrau, Gattin und Mutter“ vorgezeichnet werden sollte. Sie lotet neue Aufgaben und Ziele aus und ist doch unfähig, die Umklammerung der bürgerlichen Welt dauerhaft zu durchbrechen. Ihr Vetter Martin bietet sich mehrfach als erfolgversprechender Fluchthelfer an, doch im Laufe der Jahre wird aus dem sozialistischen Agitator ein zynischer Lebemann. Er versteht sich am Ende beunruhigend gut mit dem Vater, der Agathes Leben durch Ausgeh-, Lese- und Denkverbote zu kontrollieren versucht. In einem letzten, verzweifelten Ausbruch geht Agathe auf ihre erfolgreicher funktionierende Schwägerin los und landet in einer Nervenheilanstalt. Der Roman endet in stiller Verzweiflung:

„Mit Bädern und Schlafmitteln, mit Elektrizität und Massage, Hypnose und Suggestion brachte man Agathe im Laufe von zwei Jahren in einen Zustand, in dem sie aus der Abgeschiedenheit mehrerer Sanatorien wieder unter der menschlichen Gesellschaft erscheinen konnte, ohne unliebsames Aufsehen zu erregen. (…) Weil die Aerzte dem Regierungsrat gesagt haben, seine Tochter brauche nur ein wenig geistige Anregung, erzählt er ihr, was er des Morgens in der Zeitung gelesen habe. Nach dem Kaffee begiebt sich Papa ins Lesemuseum, abends spielt er Whist mit ein paar alten Herren, und Agathe legt Patience. So leben sie still nebeneinander hin – voller Rücksichten und innerlich sich fremd.“
                            Zitat „Aus guter Familie“

Wer war „die souveränste Frau“ Deutschlands?

Der Roman „Aus guter Familie“ machte seine Autorin über Nacht berühmt. Die 1879 in Alexandria geborene Gabriele Reuter war seit Jahren literarisch aktiv, fand aber erst im Umkreis der deutschen Naturalisten ihren unverwechselbaren Tonfall und ihr großes Thema: Die Analyse der Geschlechterrollen in der modernen Gesellschaft. 1897 brachte sie ihre uneheliche Tochter Lili zur Welt – die schwierige Situation einer alleinstehenden Schwangeren schilderte sie später in dem skandalumwitterten Buch „Das Tränenhaus“ (1908). Zu dieser Zeit lebte Gabriele Reuter bereits in Berlin, wo sie zahlreiche Romane, aber auch Novellen, Kinder- und Jugendbücher, Essays und journalistische Texte veröffentlichte.

 Mit der bürgerlichen Frauenbewegung teilte sie viele Gemeinsamkeiten, bezog aber immer wieder eigene Positionen. So heißt es in der Schrift „Liebe und Stimmrecht“: „Wir erstreben nicht ein feministisches Zeitalter an Stelle des maskulinen Zeitalters. Es geht bei der Erlangung des Frauenstimmrechts überhaupt nicht um Machtfragen, sondern um gemeinsame Entwicklungsfragen.“ Ihr souveräner Schreibstil und die tiefenpsychologische Ausdeutung ihrer Figuren verschafften ihr nicht nur ein großes Publikum, sondern auch den Respekt bedeutender Zeitgenossen. Reuters Werke vermittelten „die besten Einsichten in das Wesen und die Entstehung der Neurosen“, meinte kein Geringerer als Siegmund Freud. Trotzdem geriet Gabriele Reuter schon zu Lebzeiten immer mehr in Vergessenheit. Sie starb am 16. November 1941 in Weimar. Erst vier Jahrzehnte später, im Zuge gezielter Forschungen nach Werken weiblicher Autoren um die Jahrhundertwende, geriet sie wenigstens wieder in den Fokus der Literaturwissenschaft. So konnte 2006 eine neue zweibändige Werkausgabe des Romans „Aus guterFamilie“ im Verlag Literatur  Wissenschaft.de (TransMIT) erscheinen.

Wann wurde die Frauenfrage in Osnabrück gestellt?

Die Gleichberechtigung der Geschlechter, das uneingeschränkte Wahlrecht für Frauen und der freie Zugang zu Bildungsinstituten – diese Forderungen wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer lauter. Nach der Gründung des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins“ (Leipzig 1965) entstanden in vielen deutschen Städten Vereine und Interessengruppen, die sich für die Rechte von Frauen einsetzen. In Osnabrück waren zum Beispiel der 1890 gegründete „Osnabrücker Lehrerinnenverein“ und seit 1904 auch der Verein „Frauenbildung-Frauenstudium“ aktiv. Letzterer entwickelte sich aus dem „Frauenverein Reform“, den Hedwig Kettler (1851-1937) bereits 1888 ins Leben gerufen hatte. Die Frauenrechtlerin und Bildungsreformerin, die entscheidenden Anteil an der Gründung der ersten deutschen Mädchengymnasien hatte, verbrachte einen Teil ihrer Kindheit in Osnabrück.

Reuter lesen

Die Unibibliothek Osnabrück führt mehrere Titel von und über Gabriele Reuter, u.a. den Roman „Aus guter Familie“ in der 8. Auflage des Jahres 1899. Die zweibändige Werkausgabe des Verlags LiteraturWissenschaft.de ist im Buchhandel erhältlich (Bd.1: 14,90 €, Bd.2: 19.90 €). Reuters Werke werden auch als kostenlose eBooks angeboten, allerdings oft in schlecht edierten oder gekürzten Fassungen.

Ausgabe 15, 3/2016 | Autor:  Thorsten Stegemann

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