Lebenshilfe durch Aberglaube? – Jetzt schlägt’s 13 (Teil 2)

Wir leben in einer hochkomplexen Welt, sind ständig umgeben von Phänomenen, die wir nicht vollständig verstehen. Schicksalsschläge ereilen uns scheinbar aus dem Nichts. Aberglaube verspricht nicht nur Halt, sondern auch Erklärung für das Unerwartete. In Ausgabe 13 haben wir uns mit der Präsenz dieser Zahl im Osnabrücker Leben beschäftigt. Im zweiten Teil steht das Phänomen Aberglaube im Mittelpunkt.

Wo könnte etwas dran sein?

Eigentlich gilt Aberglaube als überholt, meint Jürgen Schare, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover. „Dennoch glauben viele Menschen an seine Wirksamkeit. Dabei ist man nicht immer konsequent: Wünschelruten sind in Ordnung, das Lesen aus der Hand wird abgelehnt“, erzählt Schare gegenüber „Osnabrücker Wissen“. Manche sind überzeugt, es könnte doch etwas dran sein.
Ludger Plogmann, beim Bistum Osnabrück für den Bereich Sekten und Weltanschauungen zuständig, unterscheidet Aberglauben im engeren und im weiteren Sinne. „Im engeren Sinn geht es um den richtigen oder den rechten Glauben. In diesem Sinn wird heute jedoch nicht mehr von Aberglaube gesprochen, sondern vielmehr von unterschiedlichen Glaubenskonzepten.“ Aus christlicher Sicht verlange christlicher Glaube eine klare Entscheidung für Gott. Andere, fremde Glaubensinhalte seien ausgeschlossen. „Insofern spielt die Frage nach dem Aberglauben für Religion auch heute noch eine Rolle: Nämlich als Abgrenzungs- und Definitionsaufgabe“, betont Plogmann. Im weiteren Sinn gehe es um Fragen des „Volksaberglaubens“ – z. B. die Zahl 13.

Die 13: Glücks-oder Unglückszahl?

Sabine Meyer vom Erzähltheater Osnabrück erklärt, warum die 13 vielfach als Unglückszahl angesehen wird. „Die Zahl 13 bricht die 12 (das volle Dutzend) – von 12 auf 13 geschieht der Bruch des Glücks zum Unglück. 12 gilt als Glückszahl (12 Monate, ein Tag besteht aus 2 x 12 Stunden, 12 Sternzeichen).
An der Zahl 13 werde aber auch deutlich, wie zufällig diese Orientierungen oft sind, betont Plogmann. „Gilt die 13 in der westlichen Kultur als Unglückszahl, so ist sie in der jüdischen Kultur und auch in östlichen Ländern wie Japan eine Glückszahl.“

Wo wurzelt der Aberglaube?

„Ursprünglich ist damit eine von der offiziellen Dogmatik der Kirche abweichende Glaubensform gemeint. In der Psychologie werden irrationale, also rational nicht begründbare, Überzeugungen darunter verstanden (von vielen naturwissenschaftlich orientierten Psychologen, z.B. auch das von C.G. Jung untersuchte kollektive Unbewusste)“, erläutert Prof. Dr. Julius Kuhl, Psychologe an der Universität Osnabrück.
Die Wurzeln des Aberglaubens verortet er auf einer Ebene des Unbewussten. „Sie enthält eine dem Bewusstsein nicht zugängliche Form von Erfahrungswissen. Die elementare Form des intuitiven Erfahrungswissens ist stark handlungsgebunden, d.h. sie entsteht durch intuitives Verhalten. Die intuitive Verhaltenssteuerung ist zwar nicht oder nur in engen Grenzen rational erklärbar – z.B. intuitive Bewegungssteuerung beim Paartanz auf einer dicht besetzten Tanzfläche. Aber sie ist trotzdem eine gute Basis für Ahnungen, die uns zuweilen wie Aberglaube vorkommen.“

Wobei hilft Aberglaube heute?

„Aberglauben macht eine komplizierte Welt einfacher. Der Aberglaube suggeriert uns, wir könnten mit magischen Mitteln und Methoden Einfluss nehmen auf das, was mit uns geschieht“, sagt Jürgen Schare. „Wir erleben immer wieder, dass das Leben sich nicht berechnen lässt. Trotz guter Planung geht etwas schief. Darum möchten wir Sicherheit, möchten Einfluss nehmen auf das, was mit uns passiert. Und wir möchten wissen, warum uns etwas passiert, wer schuld daran ist.“
Ähnlich sieht das auch Plogmann: „Wir wissen, dass z.B. an den Mythen um Freitag den 13. eigentlich nichts dran ist. Aber es geht darum, unsere Ängste zu beseitigen oder einzudämmen.

Oft stehen diese Formeln oder Handlungen dann in einem magischen Zusammenhang. Tue ich dies, dann passiert das, vermeide ich dies, passiert das und das andere nicht. Dabei wird einem die Entscheidungsgewalt vielfach abgenommen. Es sind die Sterne, der Zufall, die Energie oder ähnliche Dinge, die über unser Leben bestimmen. Aberglaube kann also im Extremfall zu einem System der Unfreiheit werden.“

Welche Möglichkeiten kann Aberglaube bieten?

Aberglaube kann das Sicherheitsbedürfnis der Menschen befriedigen, meint auch Kuhl. „Er kann aber auch den Geist öffnen, für Dinge, die wir nicht sofort erklären können: Ahnungen, Intuitionen ernst nehmen, muss nicht bedeuten in irrationalen Fundamentalismus abzugleiten, obwohl das eines der Risiken ist: Es kann auch öffnen für eine innere Weite, die den Möglichkeitsraum der Fantasie erschließt. Der rationale Verstand, am besten verbunden mit der rationalen Form der Intuition, kann dann immer noch einsteigen und abwägen, bewerten, entscheiden, was von den Ahnungen und Ideen einer Realitätsprüfung ausgesetzt wird und was nicht.“

Ausgabe 14, 2/2016 | Autor: Yörn Kreib

Bildnachweise

Sabine Meyer © Max Ciolek / Traumfänger © ruslan1117, fotolia / Tasse © sek1111, fotolia / Kartenlegerin © Kzenon, fotolia.de