Wer sah durch die Lepraspalte?

Ein senkrechter Stein in der nördlichen Außenfassade der ehemaligen Klosterkirche St. Johann Baptist in Kloster Oesede zog 1985 die Aufmerksamkeit von Pastor Friedel Schönhoff auf sich. Denn das Bauwerk bestand ansonsten nur aus waagerecht positionierten Steinen.

„Auffällig war nicht nur seine senkrechte Lage, sondern auch seine rissige Beschaffenheit und das hohle Geräusch, das er von sich gab, wenn man dagegen schlug“, erläutert Friedel Schönhoff. Als er das tat, entdeckte der Pastor ein Loch in der Wand der Kirche, wusste aber immer noch nicht, was es damit auf sich hatte. Schönhoff tauschte sich mit einem Kirchenhistoriker aus, der Licht ins Dunkel brachte und die mysteriöse Stelle als Hagioskop („Lepraspalte“) identifizierte. Dabei handelte es sich um einen Mauerdurchbruch in einigen mittelalterlichen Kirchengebäuden. Dieser gewährte von außen einen Blick in das Innere der Kirche, genauer auf den Altar und das Gnadenbild der Mutter Gottes. „Ein Loch, durch das man auf das Heilige sehen konnte“, führt Pastor Schönhoff aus.

Im Mittelalter wurden mehrere Kirchen mit einer solchen Öffnung versehen. Sie ermöglichte es Leprakranken, den Gottesdienst zu verfolgen, ohne die übrige Gemeinde zu gefährden. Friedel Schönhoff erkannte den historischen Wert des Hagioskops und entschied sich, das Loch in der Außenfassade beizubehalten und mit einem Glas abzudecken. Darauf stehen die Worte des Matthäus-Evangeliums: „Herr wenn du willst, kannst du machen, dass ich rein werde – Ich will es – werde rein!“ Heute sieht man durch das Hagioskop lediglich auf vier Säulenüberreste eines Altarbaldachins. Das Gnadenbild der Muttergottes befindet sich inzwischen in der Marienstele im nördlichen Querhaus.

Lepra
Lepra ist eine der ältesten Infektionskrankheiten. Sie wird durch das Bakterium Mycobacterium leprae verursacht und von Mensch zu Mensch übertragen. Leprakranke Menschen scheiden die Erreger mit dem Nasensekret oder aus Hautläsionen aus. Die Leprakrankheit fand ihren Höhepunkt in Deutschland im 13. Jahrhundert und verschwand mit dem Ende des 16. Jahrhunderts weitgehend aus Mitteleuropa. Bis heute aktiv ist sie in Entwicklungs- und Schwellenländern wie Brasilien, Indien oder Mosambik.

Ausgabe 15, 3/2016 | Autor: Melek Erdogdu

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