Wie arm ist Osnabrück?

Dass Armut nicht nur Kinder in Entwicklungsländern betrifft, hat sich inzwischen herumgesprochen. Arme Kinder und Jugendliche gibt es auch in Deutschland – und natürlich auch in Osnabrück.

Wie groß ist die Kinderarmut in Deutschland?

Im Oktober 2013 stellte UNICEF eine Längsschnittanalyse mit bedrückenden Zahlen vor. Demnach hatten zwischen 2000 und 2010 rund 8,6 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland langjährige Armutserfahrungen gemacht. 6,9 Prozent lebten sieben Jahre oder länger in einem Haushalt, der über weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens verfügte. UNICEF geht davon aus, dass derzeit rund 1,1 Millionen Heranwachsende in Deutschland viele Jahre ihrer Kindheit und Jugend in relativer Armut verbringen. Diese Situation kann schwerwiegende Folgen haben, die nicht nur finanzieller Natur sind. Kinder und Jugendliche, die in Armut leben, haben schlechtere Chancen auf einen höheren Bildungsabschluss, sind aber auch in ihrer gesundheitlichen Entwicklungbenachteiligt.
Familien leiden häufig unter schlechten Wohnbedingungen. Zudem werden arme Kinder in ihrem sozialen Leben eingeschränkt, da es ihnen oft nicht möglich ist, an den Freizeitaktivitäten ihrer Altersgenossen teilzunehmen – oder einem Verein beizutreten.

Wie geht es den Kindern in Osnabrück?

In Osnabrück lebt heute jedes vierte Kind in Armut. Betroffen sind vor allem die rund 3.000 Familien mit minderjährigen Kindern, die Leistungen nach dem SGB II (Hartz IV) beziehen. Viele leben nur mit einem alleinerziehenden Elternteil zusammen. Dass da weniger Geld zur Verfügung steht, ist nur logisch. Das Projekt „Allen Kindern Zukunft geben! Das schaffen wir in Osnabrück gemeinsam!“ wurde 2010, im europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung, gegründet und von der EU gefördert. Verschiedene Einrichtungen und Träger untersuchten unter der Federführung der Arbeitslosenselbsthilfe, wie einkommensschwache Stadtteile besser eingebunden oder Kinder (durch genügend Kitaplätze etc.) besser gefördert werden können. Den aktuellen Problemen nimmt sich unter anderem der Runde Tisch Kinderarmut (RTA) an. Das Gremium tagt viermal jährlich und entwickelt konkrete Maßnahmen, um Kinderarmut in Osnabrück zu mindern.

Die Mitglieder setzen sich aus Vertretern von Kirchen, Gewerkschaften, Schulen und Sozialverbänden zusammen. Der Runde Tisch versucht aber auch, den Blick auf „Best Practice-Beispiele zu lenken und ihnen bei alltäglichen Problemen, etwa der möglichst unbürokratischen Bewilligung von Fördermitteln zu helfen. So ging es bei einer Sitzung 2013 beispielsweise um „Kick it in Osna“, ein Gemeinschaftsprojekt der Stüveschule in Kooperation mit Blau-Weiß Schinkel und der Universität Osnabrück. Es soll Mädchen mit Migrationshintergrund motivieren, Fußball zu spielen und eine Ausbildung zur Trainerassistentin zu machen. Trotz vieler Aktivitäten wertete die Osnabrücker Arbeitslosenselbsthilfe 2013 in einem Rundbrief Ende Dezember als „ein Jahr des Stillstandes, partiell sogar des Rückschrittes“. „Die Armutssituation in Deutschland befindet sich auf einem Rekordhoch, das Land ist sozial und regional tief gespalten! Die Situation der armen Familien bleibt unerträglich“, heißt es in dem Schreiben.

Was macht die Kindertafel?

Die meist ehrenamtlichen Mitarbeiter teilen an Schulen und anderen Einrichtungen seit fünf Jahren täglich Lebensmittel aus. Viele Kinder haben keine Verpflegung für die Pausen oder kommen schon hungrig zum Unterricht. „Für viele Kinder ist es gar nicht selbstverständlich regelmäßig zu essen“, so Brigitta Marquard-Meer von der Osnabrücker Kindertafel. Aus diesem Grund sind Lehrer von betroffenen Schulen an die Tafel herangetreten und baten diese um Unterstützung. Diese Hilfsaktion hat sich auch im Landkreis Osnabrück herumgesprochen, sodass mittlerweile 19 Einrichtungen beliefert werden. Rund 400 Kinder bekommen somit täglich Butterbrote oder Obst und können sich dadurch besser auf den Unterricht konzentrieren. „Leider nehmen dieses Angebot nicht alle Schulen an und ignorieren regelrecht das Problem“, so Marquard-Meer. Auch die Dunkelziffer der bedürftigen Kinder sei nach ihrer Aussage noch viel höher. Durch verschiedene Aktionen versucht der Verein auf dieses Problem aufmerksam zu machen und bekommt dabei auch Unterstützung von außerhalb. Wie zum Beispiel von dem Rotaract Club Osnabrück, der jedes Jahr am Weihnachtsmarkt selbstgebackene Plätzchen und Glühwein verkauft, um die Erlöse der Kindertafel zu spenden. Trotz all dieser Projekte wird das Thema Kinderarmut (nicht nur) Osnabrück noch viele Jahre beschäftigen.

Kinderarmut auf CD

Die Osnabrücker Sozialkonferenz hat eine ungewöhnliche Methode entwickelt, um wichtige Hintergründe des Themas, etwa die unterschiedliche Vermögens- und Einkommensverteilung, zu verdeutlichen. Die CD ist bei der Kooperationsstelle Hochschulen und Gewerkschaften Osnabrück (http://www.kooperationsstelle-osnabrueck.de) erschienen und kostenlos erhältlich.

Ausgabe 6, 1/2014 | Autor: Eva Specker/Thorsten Stegemann

Bildnachweise

Kleiner Junge im Park © Yulia Babych – 123rf.com ; Bilder Kindertafel © Kindertafel Osnabrück; Teddybär © artono9 – 123rf.com