Wie leben Menschen im Flüchtlingslager Bramsche-Hesepe?

Auf dem Gelände des ehemaligen Klinikums Natruper Holz, auf dem noch bis Ende November Patienten stationiert waren, entstand Ende 2014 binnen kürzester Zeit eine Großunterkunft für nach Deutschland geflüchtete Menschen. Bis zu 600 Personen sollen im Laufe des Jahres 2015 in dieser neuen Erstaufnahmeeinrichtung untergebracht werden können. Die Region beherbergt aber noch eine zweite: das Lager in Bramsche-Hesepe.

Die öffentliche Resonanz auf diese Entscheidung, in Osnabrück eine Flüchtlingsunterkunft, zu eröffnen, war bemerkenswert positiv. Wer im Dezember 2014, drei Wochen nach der überraschenden Bekanntgabe, die Nummer des eigens eingerichteten Bürgertelefons wählte, erreichte einen auskunftsfreudigen Herrn Scholz – eigentlich in der Kulturverwaltung tätig. Zwar hörte er vereinzelt auch kritische Stimmen und Besorgnis in Bezug auf die Unterkunft, doch bei Weitem überwogen konkrete Angebote für tatkräftige Hilfe und Sachspenden.
Der Ankündigung, Flüchtlinge aufzunehmen, wird in diesen Tagen bekanntlich auch anders begegnet. Im wohlhabenden Hamburger Stadtteil Harvesthude klagten Anwohner gegen die Unterbringung von 220 Geflüchteten. In Berlin-Marzahn demonstrierten Anfang Dezember 2014 rund 800 Menschen gegen die Errichtung eines Containerdorfes für etwa 400 Geflüchtete. In Dresden und anderen Städten brachte ein Bündnis „patriotischer Europäer“ Zehntausende auf die Straße.

Wie entwickelte sich der „Standort Bramsche“?

In Bramsche-Hesepe, nur rund 20 Kilometer von Osnabrück entfernt, gibt es bereits seit 15 Jahren ein Flüchtlingslager.
Die sogenannte „Landesaufnahmebehörde Niedersachsen – Standort Bramsche“ teilt mit der neuen Unterkunft im Natruper Holz eine aktuell bemerkenswerte Spendenbereitschaft vonseiten der einheimischen Bevölkerung.
Das Heseper Lager hat allerdings auch schon andere Zeiten gesehen. Auf dem Gelände, das einst ein Militärflughafen, ein Lager für Zwangsarbeiter, eine Kaserne für niederländische Soldaten und ein Grenzdurchgangslager für Spätaussiedler war, entstand im Jahr 2000 eine Unterkunft für Geflüchtete. Anfangs beherbergte die Einrichtung vor allem „ausreisepflichtige“ Flüchtlinge, die aus verschiedenen Gründen seinerzeit nicht abgeschoben werden konnten.
Konzepte, die Bewohner des Lagers auf ein mögliches Leben in Deutschland vorzubereiten, gab es nicht. Im Gegenteil, die isolierte Lage sollte einen Integrationsprozess, den ein Leben in niedersächsischen Städten oder Dörfern hätte einleiten können, verhindern. Schließlich sollten die Geflüchteten zur „freiwilligen Ausreise“ bewogen oder abgeschoben werden.
Die Androhung der Kürzung der ohnehin dürftigen Sozialleistungen für Asylbewerber (erst 2012 per Entscheid des Bundesverfassungsgerichts annähernd auf Hartz 4-Niveau angehoben) wurde mitunter zusätzlich als Druckmittel gegen die Flüchtlinge eingesetzt.

Die Residenzpflicht – ohnehin eine europaweit einmalige Restriktion – erfuhr zu Beginn der 2000er Jahre zunächst eine Verschärfung, die den Bewegungsradius der Geflüchteten zwischenzeitlich auf den Zuständigkeitsbereich der örtlichen Ausländerbehörde einschränkte. Bevor sie zu ihrer heutigen Maßgabe kam: Asylsuchende dürfen sich nicht außerhalb des zuständigen Bundeslandes aufhalten.
Die isolierte Lage hinter den Stacheldrahtzäunen nebst der massiv eingeschränkten Reisefreiheit und der Perspektivlosigkeit führten immer wieder zu Protesten vonseiten der Zivilgesellschaft wie von den in Hesepe untergebrachten Flüchtlingen selbst. Parallel wurde das Lager immer extensiver belegt. Bis zu 600 Menschen mussten sich ihre Zimmer mit bis zu fünf anderen Personen teilen.
Im Umfeld der Einrichtung gab es im Jahr 2013 erneut Schlagzeilen. Der örtliche Einzelhandel behauptete substanzielle Diebstahlverluste, welche, ohne dass dafür Beweise erbracht worden wären, gerüchteweise Roma aus dem Lager angelastet wurden. Die Schließung der Geschäfte in Hesepe wurde öffentlich erwogen. Ein zweiter Markt beorderte Sicherheitspersonal vor seine Türen und wollte den Zutritt an die Herkunft aus einem EU-Staat koppeln. Nicht minder für Empörung sorgten die offen rassistischen Einlasskontrollen, die kurzzeitig durchgeführt wurden und Hesepe bundesweit in die Nachrichten brachten.

Sind Container Wohnraum?

Nicht zuletzt dasselbe zivilgesellschaftliche Engagement, welches heute für eine positive Begegnung mit der neuen Erstaufnahmeeinrichtung am Westerberg sorgt, hat dazu beigetragen, dass sich die Lage in Hesepe etwas entspannt hat. Mit dem Regierungswechsel auf Landesebene wurde aus der einst als „Abschiebelager“ kritisierten Einrichtung eine sogenannte Erstaufnahmeeinrichtung. Dies bedeutet, dass die Menschen nur noch maximal drei Monate (und nicht wie zuvor zum Teil mehrere Jahre) im Lager verbringen sollen, bevor sie in eine dezentrale, menschenwürdige Unterkunft vermittelt werden.
Das Lager selbst ist als Einrichtung immer noch umstritten. Viele Geflüchtete und UnterstützerInnen kritisieren die Zustände: Die mit bis zu acht Personen belegten Mehrbettzimmer und den damit verbundenen Mangel an Privatsphäre, die isolierte Lage des Lagers am Ortsrand im ohnehin ländlichen Hesepe, die fehlende Möglichkeit, selbst Mahlzeiten zuzubereiten und die daraus resultierende Abhängigkeit von der Lagerkantine.

Außerdem monieren KritikerInnen die Qualität der Räumlichkeiten und insbesondere die Praxis, Container und Zelte als zusätzlichen „Wohnraum“ im Lager aufzustellen. Arnold und Patrick sind höfliche junge Menschen, die für ein Gespräch gerne in ihr Mehrbettzimmer einladen, deren wahre Namen aufgrund des laufenden Asylverfahrens aber lieber geheim bleiben. Wenn man sie nach den Zuständen in der Unterkunft, in der sie leben müssen, fragt, werden sie jedoch deutlich. In der Umgebung gebe es nichts, sagen sie, was ihnen die Zeit verkürzen könnte. Die 120 Euro, die ihnen im Monat zur Verfügung stehen, müssen sie sich gut einteilen, wenn sie hin und wieder raus wollen, nach Bramsche oder nach Osnabrück. Oder wenn sie hin und wieder etwas anderes essen wollen, als das, was die Kantine bereitstellt.
Das Asylverfahren geht nur schleppend voran. Noch immer wurden sie nicht nach ihren Fluchtgründen befragt. Arbeiten dürfen sie nicht. In ständiger Ungewissheit bezüglich ihrer Zukunft leben die Männer auf engstem Raum. Bramsche-Hesepe ist überfüllt, auch die Turnhalle dient längst als Schlafstätte, in der neu Angekommene teils tagelang schlafen müssen, bevor sie in die Mehrbettzimmer wechseln.
Als wir mit ihnen sprachen, waren Patrick und Arnold einen Monat in Hesepe.  Ein Monat, der ihnen vorkam wie ein Jahr.

Menschen auf der Flucht

Mehr als 50 Millionen Menschen befinden sich weltweit auf der Flucht, 16 Millionen verlassen dafür ihren Herkunftsstaat und gelten auch völkerrechtlich als Flüchtlinge. Über 150.000 Flüchtlinge beantragten im letzten Jahr Asyl in Deutschland, etwa 1.700 Asylsuchende hielten sich im März 2015 in Bramsche-Hesepe auf.

Ausgabe 9, 1/2015 | Autor: Tim Zumloh

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