Hörst Du die Glocken schlagen?

An der Grenze zu Niedersachsen – zwischen Ibbenbüren und Hopsten – liegt Westfalens größter, natürlich entstandener Binnensee. Das „Heilige Meer“ ist heute ein Naturschutzgebiet, über das sich der Volksmund seit Generationen eine schaurige Sage erzählt.

Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Entstehung des „Heiligen Meeres“ schnell erklärt: Das Gebiet liegt in einer 4,5 km langen und 1,5 km breiten geologischen Senkungszone. Das 100 Meter tief liegende, wasserlösliche Salinar-Gestein wird vom Grundwasser ausgewaschen, die entstehenden Hohlräume brechen unter der Last der darüber liegenden Erdschichten in sich zusammen und werden von dem Grundwasserspiegel gefüllt. So entstehen bis heute gelegentlich Nebenseen. Doch die Geschichte, die sich die Menschen in Hopsten und Umgebung über das „Heilige Meer“ erzählen, ist sehr viel spektakulärer.

Wer traut bösen Mönchen?

Auf dem Gut Venhaus in Spelle lebte einst die jungfräuliche Rittertochter Ida von Venhaus mit ihren Eltern. Regelmäßig besuchte die Familie die Klosterkirche auf dem Grund des Heiligen Feldes. Die ansässigen Mönche wollten Ida unbedingt in ihre Gewalt bringen. Als die Eltern nach Münster reisten, klopfte es eines Abends an der Tür. Ein als Bettler verkleideter Mönch bat um ein Nachtquartier, das die christlich erzogene Ida dem Mann nicht verwehren konnte. Als sich beide hinlegen wollten, brach auf dem Gut ein Feuer aus. Vor den Toren des Gutes warteten mehrere verkleidete Männer. Sie brachten Ida auf Umwegen in das Kloster und sperrten sie in ein Verlies.

Warum schuf Gott das „Heilige Meer“?

Der Pförtner sowie Pater Martin, der letzte der im Kloster noch nach Gottes Vorstellungen lebte, kümmerten sich um Ida und versprachen ihr, sie zurück zu ihren Eltern zu bringen. Am folgenden Abend, als sich eine riesige, pechschwarze Gewitterwolke über das Kloster türmte, Regen hernieder prasselte und das zornige Grollen des Donners das Land bis nach Münster erschütterte, klopfte es an der Klosterpforte.

Ein Ritter, der vom Kreuzzug zurückkehrte, bat um Schutz vor dem Unwetter. Pater Martin und der Pförtner vertrauten sich ihm an, der Ritter erkannte in Ida seine Verlobte. Trotz Unwetter verließen sie noch am selben Abend unbemerkt das Kloster, während die Mönche ein wüstes Gelage hielten. Kaum hatten die vier den Ort verlassen, schnellte ein Blitzstrahl auf das Kloster der bösartigen Mönche nieder. Sie flüchteten in Richtung Dickenberg und fanden am Abhang Unterschlupf in einem verlassenen Häuschen. Am darauffolgenden Morgen blickten die Geflohenen ins Tal nieder. Das gesamte Klostergebäude war verschwunden. An seiner Stelle lag nun eine große Wasserfläche, von der dichter Rauch aufstieg – das „Heilige Meer“. So wurden die Mönche bestraft, weil sie Gott in Wort und Tat lästerten und in Völlerei und Wolllust lebten, nie wieder sollte an dieser Stelle ein Kloster aufgebaut werden können.

Spuckt es noch heute?

Bei Sonnenwetter soll das Bild des versunkenen Klosters am Grund des Sees zu sehen sein und bei stürmischem Wetter wirft es angeblich Sparren und Balken an die Ufer. Gerade zur Weihnachtszeit soll man noch heute den Klang der Glocken der Klosterkirche schlagen und die büßenden Mönche das Klagelied „Media vita in morte sumus’“ („Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“) singen hören. Besucher des Heiligen Meeres wollen auch schon zu anderen Jahreszeiten die Klosterglocken läuten gehört haben …

Naturschutz auf 260 Hektar

Das Naturschutzgebiet „Heiliges Feld“ ist ca. 260 Hektar groß, worauf 11 Hektar auf das „Große Heilige Meer“ entfallen. Entstanden ist das „Heilige Meer“ um das Jahr 900 n. Chr. Die Heinz-Sielmann-Stiftung hat das Gebiet zu einem der 42 schönsten Naturwunder Deutschlands gekürt. Dieses Gebiet beherbergt heute bedrohte Pflanzenarten, Käfer und Amphibien.
Das Naturschutzgebiet sowie die Ausstellung können kostenlos besucht werden. Zudem besteht die Möglichkeit zur Buchung von Kursen. Informationen erteilt die Außendienststelle des LWL-Museums für Naturheilkunde am „Heiliges Meer“ unter der Tel.: 05453/996-60.

Ausgabe 11, 3/2015 | Autor: Janina Große-Hagenbrock

Bildnachweise

Bilder © Berenika Oblonczyk – Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), LWL-Museum für Naturkunde/Westfälisches Landesmuseum mit Planetarium