Wer ist pflegebedürftig?

Rund ein Viertel der Bevölkerung in Stadt und Landkreis Osnabrück ist derzeit über 60 Jahre alt. Bereits im Jahr 2013 erhielten insgesamt 15.420 Einwohner der Region finanzielle Leistungen von den Pflegekassen und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Seit dem 1. Januar 2016 gibt es erstmals seit der Einführung der Sozialen Pflegeversicherung vor 20 Jahren wieder Veränderungen für alle Betroffenen. Insbesondere pflegende Angehörige sollen dadurch im Zweiten Pflegestärkungsgesetz PSG II ab 2017 entlastet werden. Pflegende und Gepflegte sollen dann finanziell und im Alltag besser ausgestattet und unterstützt werden.

Aus diesem Anlass startet „Osnabrücker Wissen“ eine neue Serie zum Thema Pflege, in der die Veränderungen von den drei bestehenden Pflegestufen zu den fünf neuen Pflegegraden erläutert, aber auch Themen wie Altersvorsorge durch Pflegeimmobilien, lebenslanges Lernen oder gemeinsames Altern in besonderen Wohnprojekten vorgestellt werden sollen.

Wie wird Pflegebedürftigkeit definiert?

Pflegebedürftigkeit wird aktuell nicht daran gemessen, wie schwer eine Krankheit oder eine Behinderung ist. Ausschlaggebend ist derzeit noch, wie die betroffene Person mit ihren Einschränkungen im Alltag zurechtkommt. Welche Tätigkeiten können noch allein bewältigt werden, bei welchen wird Hilfe benötigt? Im Elften Buch des Sozialgesetzbuches sind genau diese Fragen definiert: Pflegebedürftig ist demnach jeder, der Hilfe bei den „gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens“ benötigt. Dabei wird zwischen der Grundpflege und der hauswirtschaftlichen Versorgung unterschieden. Der Hilfebedarf muss außerdem auf „Dauer“ bestehen, also mindestens für sechs Monate oder länger. Zur Grundpflege gehört die Körperpflege wie Waschen, Duschen, Zähneputzen und Kämmen oder auch das Rasieren. Genauso wichtig wie die alltägliche Hygiene, zu der natürlich auch die Toilettengänge gehören, ist die Ernährung. Auch die Mobilität der Betroffenen  spielt eine Rolle: Beispielsweise das Aufstehen aus dem Bett, das tägliche Anziehen, Treppensteigen und Verlassen der eigenen Wohnung. Bei der hauswirtschaftlichen Versorgung kann das Einkaufen, Kochen, Putzen, Spülen,

Wechseln und Waschen der Wäsche und Kleidung sowie das Beheizen der Wohnung berücksichtigt werden. Die Hilfe durch Pflegepersonal kann dann grundsätzlich durch Unterstützung, Übernahme oder Anleitung und Beaufsichtigung der Tätigkeiten erfolgen. Für die Pflege von Kindern gelten spezielle Regelungen. Auch gesunde Kinder haben bis zu einem gewissen Alter einen Hilfebedarf bei den alltäglichen Verrichtungen, z. B. bei der Körperhygiene oder beim Anziehen. Bei kranken oder behinderten Kindern wird daher der krankheitsbedingte Mehrbedarf berücksichtigt, der über den natürlichen Hilfebedarf eines gesunden Kindes hinausgeht.

Wie wird eine Pflegebedürftigkeit festgestellt?

Wird ein Pflegeantrag gestellt, lassen die Pflegekassen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) oder durch einen anderen unabhängigen Gutachter prüfen, ob die Voraussetzungen der Pflegebedürftigkeit erfüllt sind und welche Pflegestufe vorliegt. Dies geschieht in der Regel durch einen zuvor angemeldeten Hausbesuch einer Pflegefachkraft oder eines Arztes. Für die Einordnung in eine Pflegestufe ist es wichtig, wie eingeschränkt die betroffene Person bei welchen Verrichtungen ist und wie viel Zeit folglich die Pflege im Durchschnitt erfordert. Abhängig davon werden Pflegebedürftige einer von drei Pflegestufen (I, II und III) zugeordnet. Dabei gilt: je höher die Pflegestufe, desto höher auch die Leistungen. Diese Zuordnung kann selbstverständlich bei Bedarf erhöht werden, wenn sich z. B. die Grunderkrankung verschlimmert.

Pflegestufen

Der Zeitaufwand, den eine ehrenamtliche Pflegeperson für die Grundpflege und die hauswirtschaftliche Versorgung benötigt, muss im Tagesdurchschnitt
– in der Pflegestufe I mindestens 90 Minuten betragen; davon müssen mindestens 46 Minuten auf die Grundpflege entfallen
– in der Pflegestufe II mindestens 3 Stunden betragen, davon müssen mindestens 2 Stunden auf die Grundpflege entfallen
– in der Pflegestufe III mindestens 5 Stunden betragen, davon müssen mindestens 4 Stunden auf die Grundpflege entfallen. Außerdem muss der Hilfebedarf rund um die Uhr vorhanden sein – also auch nachts.

Ausgabe 13, 1/2016 | Autor: Moritz Jacobsen

Drei Fragen an ...

… Stefan Voltz, Experte und Ansprechpartner für die Pflegerische Versorgung bei der BARMER GEK

OsWi: Herr Voltz, wie wichtig ist aus Ihrer Sicht das Thema Pflegeversicherung und Vorsorge?

Stefan Voltz: Das Thema ist deshalb so wichtig, weil unsere Gesellschaft immer älter wird: Wir erwarten, dass im Jahr 2020 rund 325.000 Pflegebedürftige in Deutschland leben werden. Gegenüber dem Jahr 2010 ist das ein Anstieg von 21,3%. Fast jeder kennt daher heutzutage einen Pflegefall in der Familie oder im Freundeskreis.

OsWi: An wen kann ich mich wenden, wenn ich Informationen zur Pflege eines Angehörigen benötige?

Stefan Voltz: Die erste Anlaufstelle ist immer die zuständige Krankenkasse oder die Pflegekasse der betroffenen Person. Dort kann dann ein Antrag auf Leistungen der Pflegeversicherung gestellt werden. Zusätzlich erhalten Sie hier alle nötigen Informationen über Beratungsangebote. Im Internet bekommen Sie in der Suchmaschine „Pflegelotse“ sofort eine umfassende Übersicht zu Pflege- und Betreuungsangeboten in Ihrer Nähe, wenn eine Pflegeeinrichtung gefunden werden muss.

OsWi: Welche Angebote bietet Ihre Krankenkasse, die BARMER GEK, in diesem Fall?

Stefan Voltz: Die Pflegekasse der BARMER GEK bietet verschiedene Pflegekurse und individuelle Schulungen zu Hause an. Die Mitarbeiter in der Pflegeberatung sind speziell dafür geschult, alle Fragen in dieser nicht einfachen Lebenssituation zu beantworten: Vom Leistungsangebot der Pflege- und Krankenversicherung bis zu Angeboten und Beratungsstellen in Stadt und Landkreis Osnabrück, aber auch kirchlichen oder anderen Einrichtungen vor Ort.