Wer tanzt im Rollstuhl?

Mal ehrlich, tanzen im Rollstuhl? Geht das? Die meisten Menschen, die nicht an einen Rollstuhl gebunden sind, können sich das kaum vorstellen. Erik Machens schon. Er sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl und ist mittlerweile einer der besten Rollstuhltänzer der Welt. Der 31-Jährige, der in Bielefeld studiert, wurde in Hannover geboren und machte einst seinen Bachelor in Graphikdesign an der Hochschule Osnabrück.

Standard und Latein, mit Fußgängerin, mit Rollstuhlfahrerin oder im Einzelwettkampf: Erik Machens hat im Rollstuhltanz schon Vieles ausprobiert und verlässt das Parkett zumeist erfolgreich. Machens, ein auf den ersten Blick unscheinbarer Mann, der aufgrund eines sogenannten „offenen Rückens“ seit seiner Geburt im Rollstuhl sitzt, aber trotzdem nur so vor Energie strotzt. „Offener Rücken klingt immer sehr nach Horror-Film, ist es aber eigentlich nicht“, meint Machens und fügt hinzu: „Ich habe eine inkomplette Querschnittslähmung und bin von der Kniescheibe an abwärts gelähmt, aber mit speziellen Schienen, ähnlich wie die im Film „Forrest Gump“, kann ich sogar laufen. Den Rollstuhl benutze ich nur für meinen Sport und bei weiteren Strecken.“

Wie kommt man von der Schülerparty zur Weltmeisterschaft?

„Wie das mit dem Tanzen angefangen hat? Nun, das Interesse begann, als ich mit 16, 17 Jahren auf Partys ging. Als ich in der 11. Klasse war und an einem internationalen Austauschprojekt teilgenommen habe, wurde ich von zwei netten Damen aus Polen und Schweden gefragt, ob es mir Spaß machen würde, beim Tanzen nur zuzuschauen. Ich wusste weder, was ich antworten sollte, noch hatte ich eine Wahl und ehe ich mich versah, war ich schon auf der Tanzfläche. Ich hatte keine Ahnung wie man sich in diesem ´Ding´ bewegen sollte aber irgendwann ging es“, blickt Machens zurück und nippt dabei an seinem Wasserglas. Es dauerte nicht lange, da war Machens regelmäßig auf der Tanzfläche in einer Disco in Hannover und später auch im Alando Palais und im Rosenhof in Osnabrück anzutreffen. 2009 tanzte er das erste Mal mit einer Partnerin, die auch im Rollstuhl saß. Sie gewannen zusammen die Deutsche Meisterschaft 2010 und qualifizierten sich damit für die

im selben Jahr stattfindende Weltmeisterschaft, wo sie nach nur einem Jahr Tanztraining (!) einen beachtlichen 3. Platz erreichten. Ein weiteres Highlight war die Einzeltanz-Europameisterschaft, die im November 2014 in Lomianki (Polen) stattfand. „Am Ende blieben drei Tänzer und ich über. Der russische Tänzer war mit Abstand mein stärkster Konkurrent und so ging es für mich um Gold oder Silber. Als mein Name genannt wurde, konnte ich kaum glauben, wirklich Gold gewonnen zu haben“, erzählt Machens mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Sein Trainer sagte auf der Heimfahrt beiläufig: „Erik, dir ist schon klar, dass du gerade Sportgeschichte geschrieben hast, oder? Die deutsche Nationalhymne wurde das letzte Mal vor 19 Jahren gespielt.“

Was macht das Rollstuhltanzen so besonders – und kann man davon leben?

„Beim Rollstuhltanzen entscheiden Emotionen und die Authentizität über Sieg oder Niederlage. Stellst du dich als etwas dar, was du nicht bist, dann nimmt es dir das Publikum nicht ab und du hast so gut wie verloren. Das macht das Tanzen ehrlich“, erklärt Machens bestimmt. „Leider kann ich davon derzeit noch nicht leben. Die vielen Trainingsstunden und das Pendeln nach Hannover und München (wo seine neue Tanzpartnerin, eine Fußgängerin, lebt) kosten viel Geld“, seufzt Erik. Es gibt zwar kleine Sponsorings von Unternehmen, die ihn mit Tanzequipment ausstatten, allerdings können diese Beiträge das häufige Training und die Turniere nicht refinanzieren. Daher liegt es ihm sehr am Herzen, diesen Sport bekannter zu machen und die Menschen mitzunehmen – fernab in eine Welt, wo Millionen von Euros noch nicht über Sieg oder Niederlage entscheiden. Vorerst träumt Erik weiter davon, dass der Rollstuhltanzsport auf Augenhöhe mit dem Fußgängertanzsport

wahrgenommen wird und er als Profisportler damit seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Vielleicht setzt er mit der Weltmeisterschaft im Einzeltanz Ende 2015 einen weiteren Meilenstein …

Rollstuhltanz
… kann auf drei Arten ausgeübt werden: Neben dem Einzeltanz (auch Singletanz) gibt es den Partnertanz – sowohl mit anderen Rollstuhlfahrern (Duo) als auch mit – wie es im Fachjargon heißt – „Fußgängern“ (Kombi).

Ausgabe 10, 2/2015 | Autor: Hendrik Budke

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Bilder: ©Jacek Reda und Alexander Sperl