Wer war der erste Nationalspieler des VfL?

Wie hätten sich die Programmplaner entschieden, wenn am 27. September 1936 schon in jedem Haushalt ein Fernseher gestanden hätte?

Ein Länderspiel der Fußball-Nationalmannschaft wäre sicher übertragen worden. Aber welches? Die DFBAuswahl spielte an diesem Tag in Prag gegen die Tschechoslowakei – und in Krefeld gegen Luxemburg.
Vermutlich wäre die Wahl auf Prag gefallen, wo Reichstrainer Otto Nerz und 42.000 Zuschauer einen 2:1-Erfolg der Gäste sahen. Doch die Partie gegen Luxemburg, die vom späteren Bundestrainer Sepp Herberger betreut wurde, war aus Osnabrücker Sicht ungleich interessanter. Denn in Krefeld kam der erste VfL-Spieler der Vereinsgeschichte zu einem regulären Länderspieleinsatz. Auch wenn Matthias Billen keinen Treffer zum 7:2-Sieg beisteuerte, hinterließ der „Halbrechte“ einen starken Eindruck. Für die große Länderspielkarriere reichte es trotzdem nicht. Otto Nerz strich den Osnabrücker wieder aus seinem Notizbuch. Aber „Mattes“ nahm es gelassen: „Das schönste war sowieso der Aufstieg in die Gauliga!“

Der gelang dem VfL 1937. Billen war ein Jahr zuvor als Soldat in die Garnisonsstadt Osnabrück gekommen. Der gebürtige Duisburger wechselte von Hamborn 07 zur „Gartlager Elf“, die alsbald für Furore sorgte. 1937 gewannen sie die Meisterschaft in der Bezirksliga und stiegen anschließend in die Gauliga Niedersachsen auf. Der 3:0-Erfolg gegen den haushohen Favoriten Hannover am 26. Februar 1939 zählt bis heute zu den denkwürdigsten Spielen der Vereinsgeschichte. „Mattes“ Billen ging auch hier wie immer an seine Leistungsgrenze. Das „Osnabrücker Tageblatt“ hatte ihn schon vor dem Topspiel in den höchsten Tönen gelobt: „Wer ihn einmal im Spiel sah, wird ihm die Achtung nicht versagen können. Denn dieser untersetzte, stämmige, schwer wirkende Halbstürmer, der ein meisterhafter Dribbler ist, arbeitet zugleich 90 Minuten lang wie ein Pferd. Er ist ein Ankurbler des Angriffs, der sich nicht geniert, den Ball in mulmiger Situation aus der eigenen Deckung herauszuholen, und nach vorn zu bringen. (…) Wenn er noch mehr schösse – und der Matthes kann schießen, weiß Gott, dann wäre er der Abgott der Jugend Osnabrücks.“ Osnabrücker Tageblatt, 26.02.1939

Auch in der folgenden Saison, die bereits vom beginnenden Zweiten Weltkrieg überschattet wurde, belegte Billen mit dem VfL Platz 1 in der Gauliga Niedersachsen. Die Annalen verzeichnen 1940/41 eine weitere Meisterschaft des VfL, doch dann verlieren sich die Spuren des Vereins und „Mattes“ Billens in den Untiefen einer Zeit, in der sich Deutschland anschickte, den Globus zu verwüsten.
Nach Kriegsende war Billen zur Freude der Osnabrücker wieder zur Stelle. Erst im Alter von 39 Jahren beendete der gelernte Verwaltungsangestellte seine aktive Laufbahn und ließ sich zum Fußballehrer ausbilden. Er betreute in der Region unter anderem Ballsport e.V. Eversburg, den SV Rasensport, den SV Ibbenbüren, Tura Melle oder die Sportfreunde Oesede. „Der Fußball hält mich jung“, sagte er oft, und tatsächlich sah man ihn nicht nur bei den Spielen „seiner“ Vereine, sondern auch immer wieder an der Bremer Brücke. Der erste Nationalspieler des VfL Osnabrück starb am 1. Juli 1989 im Alter von 80 Jahren.

Ausgabe 5, 4/2013 | Autor: Thorsten Stegemann

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Stadion © Michael Titgemeyer; Fahne © Michael Titgemeyer