Wie wehrt(e) sich Osnabrück gegen die Pocken?

Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870 / 71 erkrankten in Deutschland rund 600.000 Menschen an „Blattern“ oder Pocken. In Osnabrück wurden die Erkrankten und Verstorbenen handschriftlich festgehalten. Im Niedersächsischen Staatsarchiv an der Schloßstraße sind noch viele Berichte und Statistiken – z.B. ein „Monatsbericht über den guten Fortgang der Schutzblatternimpfung“ (Schledehausen, September 1872) – zu finden.

Hier wird auch ein Schreiben des Kreiswundarztes Dr. Brandt aufbewahrt. Es zeigt, dass im Sommer 1880 eine neue Epidemie drohte, aber auch schnelle Gegenmaßnahmen ergriffen wurden: „Der Aufforderung königlichen Amtes hierselbst vom 14. des Monats zufolge begab ich mich am selbigen Tage nach Grafeld, um die dort ausgebrochene Varioloiden-Epidemie näher zu untersuchen. Die Anzeige des Dr. Schreckenberger aus Berge fand ich bestätigt. Es hatten sich die Varioloiden/modifizierte Blattern in 4 Häusern verbreitet. Die geeigneten Vorsichtsmaßnahmen gegen die Verbreitung sind von mir sofort angeordnet, sowie auch der Gemeindevorsteher Colon Johanning mit den entsprechenden Anweisungen versehen. Die allgemeine Impfung wird unverzüglich vorgenommen werden.“

Wer erfand die Pockenschutzimpfung?

Die Inokulation (Animpfen, Einpfropfung der Pocken oder Schutzblattern) von Pockenviren war als weit verbreitete und vorbeugende Maßnahme schon lange vor der Vakzination (Pockenschutzimpfung mit Erregern der Kuhpocken, vacca = Kuh) des englischen Wundarztes Edward Jenner (1749 - 1823) bekannt. Jenner hatte aber beobachtet, dass Melkerinnen, die sich mit Kuhpocken infiziert hatten, nicht an Menschenpocken erkrankten. Er impfte 1796 ein gesundes Kind mit Kuhpocken und infizierte es Wochen später mit Pockenviren. Das Kind überlebte. Der deutsche Arzt, Dr. Christian Struwe (1767-1807) hatte von Jenners Methode erfahren und begann nach dem Tod seines an Pocken erkrankten Sohnes 1801 in der Lausitz mit der Schutzimpfung. Fünf Jahre später waren 5.125 Menschen geimpft. Die Vakzinationen nahmen damit ihren Lauf. Als erstes Land weltweit führte Bayern im Jahr 1807 eine Impfpflicht gegen die Pocken ein, 1874 erließ Kanzler Otto von Bismarck das Pockenschutzgesetz für das Deutsche Reich. Während des oben erwähnten Deutsch-Französischen Krieges verzeichnete die französische Armee übrigens 23.400 Pockentodesfälle, die deutsche „nur“ 278. Auf Beschluss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde die Impfung ab 1967 weltweit Pflicht. Am 12. Februar 1976 hob der Deutsche Bundestag die Impfpflicht für die Bundesrepublik auf, denn inzwischen hatte die WHO die Pocken für weitgehend ausgerottet erklärt.

Wer setzte Pocken als Waffe ein?

Durch Tröpfcheninfektion und Kontakt mit Haut oder Wäsche des Erkrankten kann das Virus übertragen werden. Als todbringende Biowaffe setzten Briten die Pocken im 18. Jahrhundert gegen die Indianer in Amerika ein, indem ihnen von der britischen Armee kontaminierte Decken ausgehändigt wurden. Offiziell wurde die weltweite Ausrottung der Pocken von der WHO am 8. Mai 1980 verkündet.

Daher besteht heute keine Gefahr sich anzustecken, es sei denn, es kommt zu einem bioterroristischen Anschlag. Doch für diesen „worst case“ wurde Vorsorge getroffen und seit 2002 wieder Impfstoff bevorratet.

Kann heute noch eine Epidemie ausbrechen?

In zwei Sicherheitslaboratorien in den USA und der ehemaligen Sowjetunion liegen noch Bestände an Pockenviren – im Juli 2014 wurden in der Abstellkammer eines amerikanischen Labors offenbar „vergessene“ Erreger entdeckt. „Es lässt sich nicht völlig ausschließen, dass Pockenviren an anderen Orten existieren und damit die theoretische Möglichkeit einer vorsätzlichen Freisetzung bestünde, um dadurch gezielt Schäden zu verursachen“, sagt das Robert-Koch-Institut (RKI).
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 sind auf Initiative der Bundesregierung und des RKI die Gesundheitsämter alarmiert. Für die gesamte Bevölkerung ist ausreichend Pockenimpfstoff vorhanden, Pläne für eine Massenimpfung für einen „worst case“ liegen bereit. Es soll sich um den gleichen Impfstoff handeln, der bis 1976 im Rahmen der Pockenpflichtimpfung in den Oberarm geritzt wurde. Es wird nicht prophylaktisch geimpft, da die Viren wie damals – zwar sehr selten – aber eben doch zu schweren Komplikationen wie z.B. Enzephalitis (Hirnentzündung) führen können.
Nach Kenntnis des RKI ließen sich in den USA 40.000 Mitarbeiter von Hochsicherheitslaboratorien, speziellen Behandlungszentren und Krankenhäusern impfen. In Deutschland würde mit den Impfungen von bestimmten Bevölkerungsgruppen (Einsatzkräfte, medizinisches Personal) begonnen werden, wenn irgendwo in der Welt ein Pockenfall aufträte.

Sind wir auf neue Pockenfälle vorbereitet?

Eine Einschätzung von Dr. Gerhard Bojara, Leiter des Gesundheitsdienstes für Landkreis und Stadt Osnabrück: Sollten jemals wieder Pockenfälle auftreten, werden auf die betroffenen Kommunen sehr, sehr große Probleme zukommen. Es ist damit zu rechnen, dass es im „worst case“ zu katastrophenähnlichen Zuständen mit vielen Schwerstkranken oder Toten kommen kann. Erst einmal wird es schwierig sein, eine Diagnose zu stellen, denn kaum jemand kennt die Pocken noch aus eigener Erfahrung. Sie können bei Patienten, die noch geimpft wurden, in abgemilderter Form auftreten und daher ein ganz anderes Erscheinungsbild haben, als die Pocken, die man von Bildern aus dem Internet kennt.

Die Gefahr ist außerdem sehr groß, dass die Erkrankung spät erkannt wird und sich durch die leichte Übertragung sehr schnell viele Kontaktpersonen im Umfeld des Betroffenen anstecken und sie weiter verbreiten. Wenn das Gesundheitsamt die Nachricht von “Pockenfällen“ erreicht, kann sich schon eine unüberschaubare Situation ergeben haben, die schnell außer Kontrolle geraten kann. Hinzu kommt die menschliche, ebenfalls unkalkulierbare Seite mit Panik, Angst und Hilflosigkeit. Die vorhandenen Alarmpläne sind zwar wichtig, um sich daran zunächst zu orientieren, aber es ist nicht möglich alles im Vorfeld zu regeln, denn niemand kann das genaue Szenario oder die Zahl der Erkrankten vorhersagen. Das Gesundheitsamt ist zuständig für rund 520.000 Menschen im Landkreis und in der Stadt Osnabrück. Ein gutes Krisenmanagement und Unmengen an Personal sind gefordert, sollte es jemals zu solch einer Katastrophe kommen.

Wer ist geschützt?

„Einen vollständigen Schutz hat vermutlich niemand mehr“, meint das RKI. Nach der Impfung bestehe ein relativ sicherer Schutz nur noch für drei Jahre. Die Menschen über 38, die in der Kindheit zweimal geimpft wurden, würden wahrscheinlich auch erkranken und die Krankheit übertragen. Die Sterblichkeit dürfte allerdings unter 30 Prozent liegen. Keinen Schutz hätten Personen unter 27 Jahren.

Was genau sind Pocken?

Menschen-Pocken sind eine hochansteckende Viruserkrankung, verursacht durch das Variola-Virus. Sie hat nichts mit Windpocken zu tun und beginnt wie eine Erkältung. Nach ein paar Tagen entwickeln sich Bläschen und eitrige Pusteln am ganzen Körper. Die Komponisten Beethoven, Haydn und Mozart sowie die österreichische Kaiserin Maria Theresia überlebten die Pocken, an denen damals fast die Hälfte aller infizierten Menschen starb. In Europa war das 18. Jahrhundert seuchengeschichtlich gesehen das Zeitalter der Pocken. Jedes neunte Kind starb an einer Pockenerkrankung, bevor es zehn Jahre alt war. Kinder wurden zu jener Zeit erst amtlich registriert und zur Familie gezählt, nachdem sie eine Pockeninfektion überlebt hatten.

Ausgabe 9, 1/2015 | Autor: Erna Berg

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