Wieso tanzt Osnabrück aus der Reihe?

Fünf, sechs, sieben, acht. Step rechts, Step links. 24 Tänzer fiebern ihrem Auftritt entgegen. Sie haben lange geübt. Kaum ertönt die Musik, werden alle Energien frei. Jede Bewegung sitzt, die Hip-Hop-Choreographie passt. Mehrere Hundert Augenpaare in der Sporthalle von Arnsberg verfolgen das Geschehen. Jeder einzelne Zuschauer merkt: Hier wird Freude pur versprüht.

Axel Kreutzer ist mitten unter den Tänzern. Er führt seine Tanzpartnerin im Rollstuhl auf eine neue Position. Wieder und wieder. So wie die Choreographie es will. Kreutzers Freude ist groß. Denn erneut sieht er sich bestätigt: Inklusion funktioniert – und sie wird durch Tanzen gefördert, so wie bei der integrativen Deutschen Meisterschaft „Para“ im Sauerland. Kreutzer ist 2. Vorsitzender der „Patsy & Michael Hull Foundation“. Die Stiftung aus Osnabrück engagiert sich seit mehr als zehn Jahren für Inklusion durch Tanz und Bewegung. Dr. Axel Kreutzer, seine Vorstandskollegin Patsy Hull, Foundation-Mitarbeiter Florian Grätz sowie mehrere Tänzer erklärten „Osnabrücker Wissen“ Projekte und Ziele der Stiftung. Die Profi-Tänzer Patsy und Michael Hull begegneten Menschen mit Behinderungen schon als Kinder, denn ihre Eltern setzten sich bereits für diese ein. Für das Geschwisterpaar war der Umgang ganz selbstverständlich. Folgerichtig riefen sie 2003 einen Förderverein ins Leben, der Tanzen und Behinderung zusammenbrachte und später in eine Stiftung umgewandelt wurde.

„Es ist etwas Großes entstanden. Wir haben mehrere Musicals, in denen Menschen mit und ohne Handicap mitgewirkt haben, aufgeführt. Von Mal zu Mal wurde die Resonanz größer, bei Tänzern wie beim Publikum.“

Schon der Trainingsalltag ist etwas Besonderes. Behinderte und nichtbehinderte Tänzer trainieren gemeinsam. Bei den Sportlern mit Handicap werden ebenfalls keine Unterschiede gemacht. Art und Grad der Behinderung spielen keine Rolle.

„Alle sind gleich.“

Natürlich stechen Projekte wie das 2015-er Musical „Grand Hotel Vegas“, Deutschlands größtes Inklusionsmusical, hervor. 11.000 Besucher sahen es in zehn deutschen Städten – überall wurden örtliche Tanzschulen in die Aufführungen eingebunden. Doch nicht nur die Publikumsresonanz ist beachtlich. Das Geschehen hinter der Bühne ist ebenso beeindruckend. Hier herrscht großer Teamgeist und unbedingter Erfolgswille. Jede Herausforderung wird in Angriff genommen.

„Es war total anstrengend, aber ich will beim nächsten Musical auf jeden Fall wieder dabei sein.“

Vor einem Musical findet ein Casting statt. Hier kann jeder mitmachen, dessen Herz fürs Tanzen schlägt. An den Musical-Proben in der Tanzschule von Patsy und Michael Hull nehmen im Schnitt 100 Tänzer teil. Rund zwei Jahre wird geplant und hauptsächlich an den Wochenenden akribisch geübt. Zu den Besonderheiten zählt auch der methodische Ansatz von Patsy Hull.

Sie arbeitet nach dem sogenannten Tandem-Modell: Jeweils ein Mensch mit Handicap und einer ohne Behinderung unterstützen sich im Teamwork bei ihren jeweiligen Rollen. Dabei sind viele Freundschaften entstanden. „Jedes Training ist ein Spagat zwischen Überforderung und Unterforderung“, sagt Kreutzer. Patsy Hull hat deshalb für jeden Tänzer einen individuellen Trainingsplan erarbeitet. Natürlich gibt es auch immer wieder Aussetzer. Bei Menschen mit geistiger Behinderung völlig normal. Die Trainerin sagt dazu: „Wir haben das dann nicht groß thematisiert. Im Laufe der Zeit haben Selbstdisziplin und die Atmosphäre in der Gruppe dazu geführt, dass die Zahl solcher Vorfälle geringer wurde.“

„Sie lernen voneinander.“

Das Projekt soll international werden. Denn der Anspruch von Inklusion kennt keine Grenzen. Beim inklusiven Tanzen geht es um Persönlichkeitsentwicklung – sowohl bei Menschen mit als auch ohne Behinderung.

„Es ist ein Lernen fürs Leben.“

Das Selbstwertgefühl soll gesteigert werden. In den Schulen, sagt Kreutzer, komme das oft zu kurz. Ein großes Ziel ist zudem, dass die Menschen voneinander lernen, dass sie sich so, wie sie sind, annehmen und akzeptieren. Das dient auch dem Miteinander im ganz normalen Alltag oder im Berufsleben.

Ausgabe 14, 2/2016 | Autor: Katharina Tasche

Bildnachweise

 Bilder Bühne ©Patsy & Michael Hull Foundation