Der Piesberg – Geschichts-  oder  Sagenort?

Der Piesberg hat zu allen Zeiten die Menschen angezogen und deren Phantasie beflügelt. Oft ranken sich Sagen und Legenden um Orte, von denen manchmal nicht leicht zu sagen ist: Natur- oder Kulturdenkmal oder sogar beides? Nur eine Sage oder doch ein wahrer Kern? Der Piesberg im Norden von Osnabrück bietet gleich vier solch interessanter Sehenswürdigkeiten.

Was ist ein Natur-bzw. Kulturdenkmal?

Naturdenkmale sind Zeugnisse der Erd- und Naturgeschichte. Hierunter können auffällige Felsformationen oder Findlinge fallen, aber auch besonders alte Bäume. Ein Kulturdenkmal hingegen bezeugt die menschliche Kulturgeschichte und wurde von Menschenhand geschaffen. Ein Denkmal kann aber auch zugleich Natur- und Kulturdenkmal sein. Nämlich dann, wenn durch eine auffällige Naturerscheinung Menschen angezogen wurden und dieser Ort daraufhin kulturell genutzt wurde, z. B. als heiliger Ort oder als markanter Versammlungspunkt. Oft inspirierte ein Naturdenkmal die
Menschen zu Geschichten, die an diesem Ort stattgefunden haben sollen, sodass er zu einem Erinnerungsort wurde. Auch Kulturdenkmale, deren Sinn vergessen war, wurden mit Sagen umsponnen.

Die Johannissteine: Natur-oder Kulturdenkmal?

Bei den Johannissteinen handelt es sich um eine auffällige Felsformation am Nordosthang des Piesbergs. An dieser Stelle schieben sich einige Platten des Piesberger Konglomerats (Sandstein verbacken mit Kies) aus dem Innern des Bergs an die Oberfläche und bilden so ein markantes Felsmassiv. Wer genauer hinschaut, wird auf ihnen Einmeißelungen entdecken, die nur von Menschenhand geschaffen sein können. Die eine hat sieben Vertiefungen, die das Sternbild des großen Wagens spiegelverkehrt zu zeigen scheinen. Eine weitere verfügt über eine große und eine kleine rundliche Vertiefung und zwei fußförmige Umrisse. Es heißt, einst sei Johannes der Täufer auf dem Piesberg gewesen, um die heidnischen Sachsen zu bekehren. Die fußförmigen Umrisse markieren den Ort, wo er einst gestanden habe. Die kleine rundliche Vertiefung daneben zeige den Platz, an dem sein Kreuzstab – ein Attribut des Heiligen – auf dem Felsen auftraf und die große rundliche Mulde den Standort seines Taufeimers. Wie alt diese Felsbilder sind, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Es gibt die Aussage eines Osnabrücker Bürgers, er sei als Junge dabei gewesen, als man in einer Nacht in den 1920er Jahren die Felsbilder einmeißelte. Doch längst sind nicht alle davon überzeugt, dass die Felsbilder erst im 20. Jahrhundert entstanden sein sollen. Die Johannissteine sind ein Beispiel dafür, wie aus einem Natur- ein Kulturdenkmal werden kann.

Heiliger Stein oder Laune der Natur?

Der Knieanbetungsstein ist ein weiterer geheimnisvoller Ort am Piesberg, der die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er ist auch unter dem Namen „Hilgen- oder Marienstein“ bekannt. Es handelt sich ebenfalls um eine Steinplatte aus Piesberger Konglomerat, die vier dicht beieinander liegende, runde Vertiefungen aufweist. Gerade so, dass sie einem knienden Erwachsenen ermöglichen, seine Knie und Hände dort zu platzieren, wenn er eine kauernde oder verehrende Haltung annimmt. Die Überlieferung zu dem Stein setzt erst im 19. Jahrhundert ein. Es konnte bislang nicht geklärt werden, wann und wie die vier Vertiefungen entstanden sind. Auch eine natürliche Entstehung in Form von Verwitterung ist nicht auszuschließen.

Wo fand die erste Messe im Osnabrücker Land statt?

Die Christianisierung im Osnabrücker Land begann der Sage nach am Fuß des Piesbergs – dort wo heute das „Kreuz im Hone“, umgeben von zehn Buchen, steht. Die Sage berichtet weiter, dass Karl der Große in seinem Kampf gegen die heidnischen Sachsen verzagen wollte. Daraufhin ermahnten ihn sieben Brüder aus seinem Heer auf Gott zu vertrauen und eine heilige Messe zu feiern. Im Anschluss schlug Karl mit seiner Reitgerte auf den Deckstein des in der Nähe gelegenen Großsteingrabes – das seitdem „Karlstein“ genannt wird – und dieser zerbrach, genau wie bald darauf der Widerstand der Sachsen. Im Gedenken an diese erste Messe seien die Buchen im Kreis um den „Meßort“ gepflanzt worden. Das „Kreuz im Hone“ erinnert seit dem 19. Jahrhundert an diese Erzählung. Ursprünglich hieß der „Karlstein“ eigentlich „Schluppstein“ und seine Verbindung zu Karl dem Großen ist eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Der „Karlstein“ ist ein überregional bekanntes Gemeinschaftsgrab der Jungsteinzeit und etwa 5.000 Jahre alt. Damals bestattete man die Toten einer Gemeinschaft zusammen in einer großen, aus Steinen errichteten Grabkammer, die mit Erde überhügelt wurde. Einzigartig ist, dass das Grab aus Piesberger Konglomerat erbaut wurde und nicht, wie sonst üblich, aus Findlingen. Eine große zerschlagene Deckplatte hat es in Wirklichkeit niemals gegeben. Die Decke des Grabes besteht aus vier kleineren Steinblöcken, die mittlerweile verstürzt sind.

Infotafeln
Ab Herbst 2016 sind die im Text vorgestellten Sehenswürdigkeiten durch neue Informationstafeln ausgewiesen. Die Strecke zwischen den verschiedenen Stationen lässt sich bequem innerhalb von 1,5 Stunden erlaufen. Das Kreuz im Hone und der Karlstein liegen direkt an der Oldenburger Landstraße, ein wenig südlich der Unterführung unter der B 68. Der Knieanbetungsstein ist direkt am Grubenweg an der Ostseite des Piesbergs gelegen. Die Johannissteine befinden sich im oberen Bereich des Piesbergs, zwischen der nördlichen und der östlichen Aussichtsplattform.

Ausgabe 15,  3/2016 | Autor: Solveig Steffen

Bildnachweise

Bilder Piesberg © Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück // alte Postkarte © Sammlung Riecken