Sind Sondengänger Helfer der Wissenschaft oder moderne Raubgräber?

In der modernen Archäologie wären einige Großprojekte ohne die Entdeckung von spektakulären Funden mit Hilfe sogenannter Metalldetektoren nicht zustande gekommen. Meistens sind es Hobbyarchäologen, die sich auf diese Art von Schatzsuche spezialisiert haben und mit speziellen Suchsonden die Ackerflächen begehen.

Gerade im Osnabrücker Land haben sich daraus international bedeutende Forschungs- und Museumsprojekte ergeben. So stammen zum Beispiel die ersten Funde, die als eindeutige Hinweise auf die Varusschlacht aus dem Jahre 9. n. Chr. interpretiert wurden, von einem Sondengänger, dem britischen Militärangehörigen Major Tony Clunn.
Er entdeckte bei seinen Begehungen ab Juli 1987 sowohl einen „Schatz“, bestehend aus ca. 100 römischen Silbermünzen, als auch sogenannte Schleuderbleie, typische Wurfgeschosse der römischen Hilfstruppen – beides datiert in die Zeit um Christi Geburt. Diese Funde waren der Auslöser für archäologische Nachforschungen, bei denen bis 1990 zahlreiche weitere römische Funde geborgen werden konnten, darunter die spektakuläre Maske eines römischen Reiterhelms. Seit damals verfügt die Forschungsabteilung in Kalkriese auch über einen eigenen Spezialisten für die Suche nach Metallfunden, den Prospektionstechniker Klaus Fehrs

Wo mussten Funde unter Zeitdruck geborgen werden?

Das zweite Großprojekt, das sich außerplanmäßig durch die Entdeckung von Metallfunden durch einen Sondengänger ergeben hat, war die Schnippenburg bei Ostercappeln. Die archäologischen Nachuntersuchungen im Bereich der Fundstelle führten zu dem bedeutendsten Archäologieprojekt des 21. Jahrhunderts zur Erforschung der Ausbreitung der keltischen Kultur im nördlichen Mitteleuropa.
Die wichtigsten Funde von der Schnippenburg wurden im Oktober 1999 durch den Sondengänger Martin Mendelssohn entdeckt, ca. 12 Jahre später als die Funde von Kalkriese. In dieser Zeit hat sich das Bild vom Sondengänger als einem freudig begrüßten Partner der Archäologie deutlich gewandelt. So wurden alle weiteren Schnippenburg-Metallfunde bereits unter hohem Zeitdruck geborgen, um einem Ausplündern der Fundstelle durch andere, „illegale“ Sondengänger vorzubeugen.
Schon in den 1990er Jahren existierten im Internet spezielle Websites, so genannte Sucherforen, auf denen sich die „Sondler“ unter Verwendung von Decknamen mit ihren hochkarätigen Funden präsentierten – sehr zum Leidwesen der amtlichen Archäologie, die meistens keine Handhabe hatte, rechtliche Schritte gegen diese moderne Form der Raubgräberei einzuleiten. Das Internet gab auch einen ersten Eindruck vom Umfang der systematischen Ausplünderung bedeutender Fundstellen.
Sogar auf hauptamtlichen Ausgrabungen kam es vereinzelt zum Verlust wertvoller Fundstücke, z. B. von Grabbeigaben, weil anonyme Sondengänger diese „bei Nacht und Nebel“ von der Grabungsfläche gestohlen und damit einmalige Forschungsergebnisse zerstört haben.

Wer vermittelt zwischen Sondengängern und Archäologen?

Im Osnabrücker Land hat die Stadt- und Kreisarchäologie immer versucht, die schwierige Gradwanderung zwischen der Zusammenarbeit mit öffentlich erwünschten und unerwünschten Formen der Sondengängerei zu meistern. Große Hilfe leistete dabei Stephan Zeisler, ein ehrenamtlicher, sehr engagierter und an der Zusammenarbeit interessierter Sondengänger aus Melle. Er gründete 2009 die offi zielle „IG Sondengänger HunteWeser“, animierte die Mitglieder zu regelmäßigen Zusammenkünften, auch zum Austausch mit Vertretern der Stadt- und Kreisarchäologie und des Projektes Kalkriese, und darf sich seit Januar 2014 auch ehrenamtlich Beauft ragter des Landes Niedersachsen für den Bereich der Fundstellenbetreuung im Osnabrücker Land nennen.

Aus dieser fruchtbaren Zusammenarbeit konnten in den letzten Jahren zahlreiche neue und interessante Fundstellen aus allen Epochen, sogar aus der Steinzeit, im Osnabrücker Land entdeckt werden. Gemeinsam hofft man so auch, wirkungsvoller gegen unerwünschte Auswüchse der Sondengängerei vorgehen zu können, als es bisher möglich war. Kontakt: st.zeisler@digs-online.de

Wer fand die Bulle eines deutschen Papstes?

Bei einer Begehung mit der Metallsonde fand Klaus Gritzka im August 2006 auf dem Westerberg ein ovales Bleisiegel. Erst im Jahr 2013 wurde während der Arbeiten zur Dokumentation der Sondengängerfunde klar, was da eigentlich aufgetaucht war: Das Siegel ist eine Bulle von Clemens II., deutscher Papst von 1046 bis 1047. Auf der Vorderseite befindet sich der Name des Papstes mit Titel und Ordnungszahl (CLE MENS PP II.), auf der Rückseite sind die Köpfe der Apostel Paul und Peter dargestellt (SPASPE = Sanctus Paulus und Sanctus Petrus), zwischen beiden Köpfen ein Kreuz. Päpstliche Bulle oder kurz Bulle ist die Bezeichnung für Urkunden, die in der päpstlichen Kanzlei in feierlicher Form ausgefertigt und besiegelt wurden und wichtige Rechtsakte des Papstes verkünden.

Darf jeder mit Hilfe einer Sonde nach Metallfunden suchen?

Nein, denn seit Oktober 2012 gilt eine Neufassung des Niedersächsischen Denkmalschutzgesetzes, nach der jeder, der „…mit technischen Hilfsmitteln nach Kulturdenkmalen suchen will,…“ (§ 12, 1 Nds. Denkmalschutzgesetz), einer Genehmigung der Denkmalschutzbehörde bedarf. Nähere Informationen über den Erhalt einer solchen Genehmigung erteilt die Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück, Telefon: 0541-323/4433, E-Mail: archaeologie@osnabrueck.de

Was muss ein Sondengänger bei seiner Suche beachten?

• Das Suchen ist nur dort erlaubt, wo der Boden maschinell bearbeitet wurde, z.B. auf Ackerflächen oder in Baustellenbereichen.
• Vor Betreten der Suchflächen muss der Sondengänger das Einverständnis des Eigentümers einholen.
• Jeder Fund und jede Fundstelle müssen genau beschrieben und eingemessen werden, z. B. mit einem GPS-Gerät.
• Besondere Funde oder Fundumstände sind sofort der Stadt- & Kreisarchäologie zu melden. Alle weiteren Funde sind ebenfalls meldepflichtig (nach Absprache). • Jeder Sondengänger ist zur Teilnahme an offiziellen Fortbildungsveranstaltungen und Rücksprachen verpflichtet.

Wem gehören die Funde?

Alle Bodenfunde, deren Eigentümer nicht mehr zu ermitteln sind, gehören jeweils hälftig dem Finder und dem Eigentümer der Fundfläche. Allerdings behält sich das Land Niedersachsen ein Eigentumsrecht vor, wenn die Funde „…einen herausragenden wissenschaftlichen Wert…“ besitzen. (§ 18 Nds. Denkmalschutzgesetz). Nach diesem „Schatzregal“-Paragraphen ist für den Finder die Zahlung einer Belohnung aus den Mitteln des Landeshaushalts vorgesehen.

Ausgabe 6, 1/2014 | Autor: Bodo Zehm

Bildnachweise

Bleisiegel / Papstbulle © Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück, Boden © Konstantin Sutyagin- 123rf.com
Tüllenbeile © Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück; Sondengänger © Nigel Spooner – 123rf.com