Über welche Steine stolpern Osnabrücker?

Christine Grewe ist Mitarbeiterin des Büros für Friedenskultur der Stadt Osnabrück. Zusammen mit ihren Kolleginnen koordiniert sie verschiedene Projekte aus dem Bereich Interkultur oder Erinnerungskultur, die den Anspruch an eine Friedensstadt mit Inhalt füllen sollen. Eines dieser Vorhaben geht in diesem Jahr nun vorerst zu Ende.

OsWi: Was genau sind „Stolpersteine“?

Grewe: Es handelt sich um ein Projekt des deutschen Künstlers Gunter Demnig, der die Idee der Stolpersteine bereits in den 1990er Jahren entwickelte. Ziel ist, die Erinnerung an die Verfolgung, Vertreibung und Vernichtung der Juden, der Sinti und Roma, der politisch Verfolgten, der Homosexuellen, der Zeugen Jehovas und der Opfer der Krankenmorde im Nationalsozialismus lebendig zu erhalten. Um dem Leben und Leiden dieser Menschen zu gedenken, werden vor den ehemaligen Wohn- oder Arbeitsstätten 10×10 cm große Betonquader in den Boden eingelassen. Oben auf den Steinen sind Messingplatten angebracht, auf denen die Grundlebensdaten der Opfer eingeschlagen sind. Die Steine enthalten den Namen, das Geburtsdatum, den Hintergrund und das Schicksal eines jeden Menschen. Mittlerweile werden die Stolpersteine nicht nur in Deutschland verlegt, sondern europaweit. Gunter Demnig und sein Team können pro Monat max. 440 Steine herstellen und verlegen, wobei der Künstler bis auf einige Ausnahmen alle Steine selbst verlegt.

OsWi: Welchen Symbolcharakter haben Stolpersteine und welche Botschaft sollen sie der Nachwelt vermitteln?

Grewe: Die Idee hinter diesem Projekt spiegelt sich im Namen selbst wieder. Dadurch, dass die Steine in den Boden eingelassen sind, stolpert man buchstäblich über sie. Gleichzeitig hält man inne, beugt sein Haupt nach unten und zeigt somit Respekt gegenüber den Opfern und einzelnen Schicksalen. Die alltägliche Begegnung mit diesen Steinen macht uns bewusst, wie wertvoll die Achtung der Menschenrechte und die allgemeine Toleranz in unserer Gesellschaft sind.

OsWi: Wie viele Steine gibt es mittlerweile bei uns in Osnabrück?

Grewe: Das gesamte Projekt ist 2015 auf ca. 55.000 verlegte Steine in 17 europäischen Ländern angewachsen. Allein in Deutschland beteiligten sich bislang über 800 Kommunen an dem künstlerischen Projekt; Tendenz steigend. Aktuell gibt es 274 Stolpersteine in Osnabrück. Im April 2016 wird es eine weitere Verlegung geben.

OsWi: Wie viel kostet ein Stein und wie wird er finanziert?

Grewe: Ein Stein liegt mittlerweile bei 120 Euro. Dabei werden die Kosten von Paten übernommen, welche sowohl aus dem privaten als auch aus dem öffentlichen Bereich stammen: Schulklassen, Vereine, Kirchengemeinden, Osnabrücker Firmen, etc.

OsWi: Welche Quellen haben Sie für Ihre Arbeit genutzt und wer war für die Recherche zuständig?

Grewe: Wir haben in der Hauptsache im Niedersächsischen Landesarchiv, Standort Osnabrück, recherchiert, aber auch zahlreiche Auskünfte aus auswärtigen Archiven eingeholt: Hauptstaatsarchiv Hannover, Bundesarchiv Berlin, Bundesarchiv Koblenz, ITS – International Tracing Service – Bad Arolsen, Bundesarchiv Militärarchiv Freiburg, Gedenkstätten: Hadamar, Neuengamme, Lüneburg etc. Die Recherchen wurden größtenteils in ehrenamtlicher Arbeit durchgeführt. Teilweise haben wir bei auswärtigen Recherchen auch den Auskunftsdienst der Archive genutzt oder die Arbeit von vor Ort ansässigen, freiberuflichen Historikern in Anspruch genommen. Die Rechercheergebnisse werden durch ein Gremium, das mit Historikern und fachlich versierten Vertretern des Initiativkreises Stolpersteine besetzt ist, überprüft. Erst dann werden die Biografien für die Veröffentlichung und eine Stolpersteinverlegung freigegeben.

OsWi: Wie ist die Resonanz der Osnabrücker zum Thema Stolpersteine?

Grewe: Unterm Strich haben wir bislang nur positives Feedback erhalten. Oftmals erreichten uns so viele Anfragen bezüglich der Übernahme von Patenschaften, dass die zukünftigen Paten teilweise zwei bis drei Jahre auf die nächste Verlegung warten mussten. Diese Paten sind dann u.a. auch verantwortlich für die Pflege der Steine, was bislang reibungslos funktioniert. Insbesondere bei jungen Menschen findet das Projekt großen Anklang, angeregt durch Schule oder Studium. Aber auch die ausführliche Medienberichterstattung über jeden verlegten Stein hat das historische Bewusstsein der Osnabrücker weiter gefördert.

OsWi: Aber warum geht das Projekt nun zu Ende?

Grewe: Als wir das Projekt hier in Osnabrück gestartet haben, konnten wir auf sehr viele bereits recherchierte Ergebnisse zurückgreifen. Die Stadt hat in den 1980er Jahren eine Studie zur Geschichte der Osnabrücker Juden in Auftrag gegeben, worin die Einzelschicksale sehr umfassend erforscht und zusammengetragen wurden. Des Weiteren hatten wir zu dem Zeitpunkt bereits Zugriff auf die Lebensläufe von Euthanasieopfern und Osnabrücker Sinti. Es fand ein enormer Forschungsschub statt, insbesondere in Hinblick auf Deserteure und politisch Verfolgte, aber auch bezüglich anderer Opfergruppen. Es haben sich im Laufe der Zeit immer wieder neue Quellenbestände aufgetan, deren Sichtung nun weitestgehend abgeschlossen ist. Dennoch lassen sich leider nicht alle Schicksale so weit recherchieren, dass die Verlegung eines Stolpersteins in Frage kommt. Daher wird dieses Projekt 2016 vorerst für uns hier in Osnabrück enden. Wir behalten uns allerdings vor, bei neuen relevanten Rechercheergebnissen jederzeit auf die Stolpersteine zurückzukommen, soweit der Künstler Gunter Demnig dann noch das Projekt weiterführt und Steine produziert. Im Übrigen steht jeder einzeln verlegte Stein symbolisch für zahlreiche andere Opfer, dessen Geschichte wir (bisher) nicht kennen.

Ausgabe 13, 1/2016 | Autor: Anna Warnking