Warum ist Ankum keine Stadt? (Teil 2)

Im Jahr 2014 feiert Ankum das fünfhundertjährige Jubiläum seines Kirchturms. Er gehört zum sogenannten „Artländer Dom“, dessen Geschichte durch umfangreiche archäologisch-historische Forschungen in den Jahren 2009–2012 neu geschrieben wurde. Dr. Daniel Lau, der die Grabungen in Ankum leitete, schildert in „Osnabrücker Wissen“ die wichtigsten Entdeckungen. Teil 1 erschien in der letzten Ausgabe.

Wie alt ist Ankum?

Die letzten nachvollziehbaren archäologischen Spuren aus Ankum, stammen aus dem 13./14. Jahrhundert, einer Zeit, die man schon als Spätmittelalter bezeichnen kann. Aus dieser Epoche sind zwei Häuser überliefert, die an der heutigen Umfassungsmauer der Kirchenburg lagen. Bei dem einen Haus handelt es sich um ein Wohnhaus mit einem einfachen Erdkeller. Leider kann durch die „stummen“ archäologischen Funde nicht ermittelt werden, wer in diesem Haus gelebt hat. Seit dem 17. Jahrhundert ist aber schriftlich belegt, dass vor allem arme Menschen in den Häusern am und im Kirchhof eine Bleibe finden konnten und es ist nicht ausgeschlossen, dass dies auch schon für das Spätmittelalter galt. Bei dem anderen Haus, das außerhalb der Kirchenburgsmauer lag, handelt es sich um die Werkstatt eines Knochenschnitzers, der aus Tierknochen Kämme, Gebetsperlen und andere Schnitzereien fertigte.

Wer zerstörte die Kirchenburg?

Durch die intensive Nutzung der Innen- und Außenanlagen der Ankumer Kirchenburg, zum einen als Friedhof, der bis 1892 genutzt wurde, und zum anderen als Gartenanlage, war der Boden so stark durchwühlt, dass aus späteren Zeiten nur vereinzelte Funde von Keramik, Metall oder Glas erhalten geblieben sind. Für die weitere Erforschung der Ankumer Geschichte ist es daher notwendig von den Sachfunden auf die nun zunehmenden Schriftquellen umzusteigen.

So wurde Ankum mehrfach zum Schauplatz kriegerischer Auseinandersetzungen, die zu einem weiteren Verfall der Bedeutung des Ortes führten. Im Jahre 1341 kam es zu einer Zerstörung der Kirchenburg durch die Truppen des Bischofs Ludwig II. von Münster und ein weiteres Mal fielen die Münsteraner Truppen im Jahre 1425 unter Bischof Heinrich II. ein. Die älteste Quelle zur Beschreibung der Kirchenburganlage ist in den bereits kurz erwähnten Aufzeichnungen des Ankumer Pfarrers Brickwedde aus dem Jahre 1656 überliefert. Aus den Aufzeichnungen geht die Bebauung des Kirchhofs hervor. So soll an der Nordseite ein Speicher gestanden haben, der als Schule genutzt wurde. Mitten auf dem Kirchhof standen zwei als „Hütten“ bezeichnete Bauten. Neben weiteren Speichern und Gebäuden ist auch die Rede von zwei Steinwerken, die dem Meyer zu Westerholte und dem Schulten zu Rüssel gehörten. Schließlich werden drei Kirchhofspforten erwähnt, von denen die hohe und die untere Pforte bewohnt waren, die mittlere sei der Kirchenarbeit vorbehalten.

Welche Orte konkurrierten mit Ankum?

Wenn Ankum bis ins Hochmittelalter hinein von besonderer Bedeutung war, muss man sich fragen, warum der Ort dann nicht auch, wie beispielsweise Osnabrück, den Sprung zur Stadt geschafft hat. Als wesentlicher Faktor muss eine Verlegung der Handelsrouten – bedingt durch eine Neuordnung der machtpolitischen Verhältnisse – angesehen werden. Zum einen wurde im Jahre 1344 in Fürstenau der Grundstein für das Schloss gelegt, der zukünftigen Residenz der Osnabrücker Landesfürsten.

Die Gründung der Landesburg führte zu einer Verschiebung der weltlichen Macht im Osnabrücker Nordland, sodass, im Gegensatz zu Ankum, Fürstenau aufgrund dieser gesteigerten Bedeutung 1642 das Stadtrecht verliehen wurde. Zum Anderen führte das im Jahre 1231 durch Otto von Ravensberg gegründete Zisterzienserinnen-Kloster in Bersenbrück zu einer Verschiebung der geistlichen Macht. Aufgrund dieser neuen machtpolitischen Pole im Westen und Osten, versank Ankum für die überregionalen politischen und kaufmännischen Kontakte zurück in die Bedeutungslosigkeit, nur die verkehrsgünstig gute Lage an einem Knotenpunkt vieler Routen durch das Osnabrücker Nordland erhielt die Siedlung aufrecht.
Neuere und vor allem frequentiertere Straßen laufen jedoch südlich und östlich an Ankum vorbei. Die Wirren des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648) hinterließen allein in Ankum über 60 Bauernhöfe unbewohnt. Im Jahre 1817 wurde Bersenbrück neuer bürokratischer Amtssitz, sodass Ankum vollends an Einfluss im Osnabrücker Nordland verlor.
Politisches Ränkespiel, Kriegsschäden und neu aufsteigende Zentren führten also dazu, dass das mittelalterlich so bedeutsame Ankum von den Entwicklungen der Neuzeit abgehängt wurde.

Ausgabe 8, 3/2014 | Autor: Daniel Lau
 

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