Warum nahm der Prinz-Heinrich-Flug ein tragisches Ende?

Es sollte eine Leistungsschau der deutschen Luftfahrt werden: Am 17. Mai 1914 starteten 68 Zivil- und Militärmaschinen zu einem „Zuverlässigkeitsflug“ über 2.600 Kilometer. Auf fünf Etappen wurden neue Modelle und Aufklärungsübungen getestet. Das  Bodenpersonal führte akribisch Buch – auch über die Piloten, die  das Manöver nicht überlebten. Zwei von ihnen starben im  Osnabrücker Land.

Am 23. Mai 1914 befanden sich Oberleutnant Odo Boeder und sein Beobachter Leutnant Karl Hugo Ferdinand Bernhardt auf der letzten Etappe. Nach einem Zwischenstopp in Minden steuerten sie mit ihrem L.V.G.-Doppeldecker die nächste Station in Münster an. Doch gegen 14.00 Uhr braute sich aus dem Südwesten eine Gewitterfront zusammen, die bald auch andere Himmelsrichtungen erfasste. Boeders Versuche, dem Unwetter auszuweichen oder es in 1.400 Metern Höhe zu überfliegen, scheiterten. Er versuchte eine Notlandung, doch starke Regenfälle und Fallwinde vereitelten auch diesen Rettungsversuch. Der Gleitflug wurde immer steiler – schließlich stürzte die Maschine am Strubberg ab und prallte gegen eine Buche.  Ganz Deutschland war in diesen Tagen auf den Beinen, um das Flugspektakel mit eigenen Augen zu sehen. Auch in Borgloh gab es zahlreiche Beobachter, die den Verunglückten sofort zu Hilfe eilten. Doch es war zu spät: Karl Hugo Ferdinand Bernhardt starb schon beim Absturz, Odo Boeder erlag kurze Zeit später seinen schweren Verletzungen. Insgesamt forderte dieser Prinz-Heinrich-Flug vier Todesopfer – mehrere Maschinen mussten notlanden und entgingen nur knapp der Katastrophe. Bernhardt und Boeder widmete der „Heimat- und Verschönerungsverein Borgloh“ 15 Jahre später ein steinernes Denkmal an der Absturzstelle im Buchenwald von Haus Hagen. Rund 1.500 Menschen begleiteten die Einweihung am 30. Juni 1929.

Bremste das Unglück die Begeisterung für die Luftfahrt?

So tragisch der Unfall für die Betroffenen und ihre Angehörigen war – dem Glauben an Flugzeuge als Fortbewegungsmittel der Zukunft tat er keinen Abbruch. Zumal das Deutsche Kaiserreich (gut zwei Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs) unter keinen Umständen auf neueste Technologien verzichten wollte. „Die Flugzeuge, die damals noch ´Apparate´ genannt wurden, waren filigrane Bauten und bei einer Witterung wie am 23. Mai 1914 natürlich sehr empfindlich. Dazu kam die Unerfahrenheit der Besatzung bei einem Gewitter“, erklärt der Osnabrücker Luftfahrtexperte Martin Frauenheim. „Zu dieser Zeit gab es zahlreiche Unfälle – auch in unserer Region. Berühmt geworden ist das Luftschiff LZ 7, das 1910 in Iburg/Glane strandete, ohne dass jemand zu Tode kam. Die Unglücksfälle bremsten den allgemeinen Flug-Optimismus aber überhaupt nicht“, meint Frauenheim. Diese Einschätzung bestätigt eine zeitgenössische Quelle. Am 27. Mai 1914 bilanzierte die Illustrierte „Flugsport“ ungerührt: „Der Prinz-Heinrich-Flug ist beendet. Die Offiziersflieger haben gezeigt, was sie leisten können. Leider haben vier hoffnungsvolle, tüchtige Offiziere ihr Leben lassen müssen. An Schneid hat es nicht gefehlt.“ | TS

Wer war Prinz Heinrich?

Zwischen 1911 und 1914 fanden insgesamt vier Zuverlässigkeitsflüge für deutsche Flugzeuge statt. Die erfolgsreichsten Piloten wurden mit Preisen belohnt. 1913 und 1914 übernahm Prinz Albert Wilhelm Heinrich von Preußen (1862-1929) die Schirmherrschaft der Veranstaltung. Der Großadmiral der Kaiserlichen Marine und Bruder Kaiser Wilhelms II. war selbst ein leidenschaftlicher Flieger. Seine Ausbildung erhielt er von dem Luftfahrtpionier August Euler (1868-1957), der im hessischen Griesheim 1908 die erste deutsche Fabrik für Motorflugzeuge und ein Jahr später den ersten deutschen Flugplatz baute.

Ausgabe 12, 4/2015 | Autor: Thorsten Stegemann

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