Was bleibt nach 2000 Jahren von einer Schlacht übrig?

Im Jahr 1987 beginnt die Geschichte der Ausgrabungen in Kalkriese. Der Hobbyarchäologie Major Tony Clunn findet mit der Metallsonde römische Münzen und 1988 drei Schleuderbleie. Diese drei auf den ersten Blick eher unscheinbaren, wie Mandeln aussehende Bleigeschosse geben die ersten Hinweise auf kriegerische Auseinandersetzungen in der Kalkrieser Niewedder-Senke – der Startschuss für eine unvergleichliche archäologische Spurensuche!

Zu Beginn der Ausgrabungen war keinem klar, dass es sich um ein bedeutendes Schlachtgeschehen, geschweige denn um die Varusschlacht, handeln könnte. Besondere Aufmerksamkeit erregte 1990 eine dunkle Verfärbung im Boden: Ein Überrest eines oberirdisch nicht mehr sichtbaren Walls. Dieser Wall war offenbar aus Grassoden errichtet worden. Römische Münzen und Bruchstücke militärischer Ausrüstung, unter dem Wall verschüttet, erwiesen ihn schließlich als Bauwerk aus der Zeit des ersten römischen Kaisers
Augustus, der von von 31 v. Chr. bis 14 n. Chr. regierte. Weitere Funde und Befunde, in den letzten zwei Jahrzehnten zusammengetragen, bringen Kalkriese in einen unmittelbaren Zusammenhang mit den Ereignissen des Jahres 9 n. Chr. Immer mehr Indizien sind zusammen gekommen, die darauf schließen lassen, dass hier mindestens ein großer Teil der Varusschlacht, auch bekannt als „Schlacht im Teutoburger Wald“, entdeckt worden ist.

Was entdeckten die Archäologen in Kalkriese?

Eine Schlacht dieses Ausmaßes lässt auch eine große Anzahl an Funden vermuten. Und in der Tat hören sich 6.000 römische Funde, die seit Beginn der Grabungen zutage gefördert wurden, erst einmal beachtlich an. Aber ein Blick in die Vitrinen und das Funddepot zeigt, dass wir es hier nicht mit komplett erhaltenen Helmen oder Schwertern zu tun haben. Vielmehr finden die Forscher in Kalkriese Bruchstücke, Kleinteile und Fragmente. Ausgenommen natürlich das Wahrzeichen von Kalkriese: Die Maske. 1990 gefunden, entpuppte sich der unförmig korrodierte „Klumpen“ nach der Restaurierung als Gesichtsmaske eines römischen Reiterhelms, die einst mit Silberblech überzogen war. Sie ist nicht nur einzigartig, sondern gibt dem Museum ein unverwechselbares Gesicht. Der Grund warum die Archäologen nur Fragmente finden, ist nicht ausschließlich auf die lange Zeit – immerhin 2.000 Jahre – zurückzuführen, währen der die Funde im Boden lagen. Die Germanen suchten das Terrain nach der Schlacht gründlich ab und plünderten es. Denn im rohstoffarmen Germanien waren Metalle wertvoll und wurden zumeist eingeschmolzen und wiederverwendet. In Kalkriese haben Forscher aber auch menschliche Überreste gefunden. Bereits Mitte der Neunziger Jahre wurde die erste und größte Grube entdeckt, in der Knochen von Mensch und Tier deponiert worden waren. In den folgenden Jahren wurden sieben weitere solcher Knochengruben gefunden, die mit den Bestattungen im Zuge der so genannten Rachefeldzüge des Germanicus in Verbindung gebracht werden – ein weiteres Indiz, das auf den Ort der Varusschlacht hinweist.

Werden heute noch Funde in Kalkriese gemacht?

Auch nach über 25 Jahren Forschung wird in Kalkriese gegraben. Nach wie vor gibt der Boden spannende Funde frei und das Forschungsteam gewinnt immer mehr Erkenntnisse zum Schlachtgeschehen. Erst kürzlich konnte eine kleine Sensation vermeldet werden: Bei Grabungen am Rande des Museumsparks gab der Boden acht Goldmünzen vom Typ Gaius/Lucius frei. Eine solche Entdeckung ist äußerst selten und ein echter Glücksfall. Überdies hat dieser Fund die Anzahl an Goldmünzen im Museumsbestand von sieben auf fünfzehn mehr als verdoppelt. Aber die Forschungen in Kalkriese gehen weiter. Aktuell steht das Kalkrieser Fundmaterial im Fokus eines großen, von der VW-Stiftung geförderten Forschungsprojekts. Besucher können sich in Museum und Park Kalkriese auf ganz unterschiedliche Weise auf die Spuren der Geschichte begeben. Die Ausstellung zur Varusschlacht macht die Geschichte dieses einzigartigen Ortes anschaulich erfahrbar und präsentiert einen aktuellen Gesamtüberblick über die Erkenntnisse. Veranstaltungen wie die Römer- und Germanentage oder das Oster-Leuchten, Führungen durch die Ausstellung oder den großzügigen Park, hochkarätige Sonderausstellungen, Familiensonntage und vieles mehr ermöglichen es, sich am Originalschauplatz diesem geschichtsträchtigen Ereignis zu nähern.

Neues Gold aus Kalkriese
Sie sind eine kleine Sensation: Die im Sommer in Kalkriese gefundenen acht Goldmünzen. Rund um diesen außergewöhnlichen Fund dokumentiert eine Kabinettausstellung vom 12. November 2016 bis 15. Januar 2017 die Geschichte der Münzen, ihre Bedeutung vor 2.000 Jahren und ihren Wert für Wissenschaft und Forschung heute.

www.kalkriese-varusschlacht.de

Ausgabe 15, 3/2016 | Autor: Caroline Flöring

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