Was hat das „La Vie“ mit Buenos Aires zu tun?

… argentinische Rindersteaks, könnte man meinen. Aber nein – es geht um Carl Meyer und seine deutsch-jüdische Familie. Mitte der 1930er Jahre bewohnten Carl und Clara Meyer mit ihren Töchtern Helga und Inge kurzzeitig eine Wohnung im Dachgeschoss des Hauses Krahnstraße 1/2 in Osnabrück, in eben jenem Haus, das heute das Gourmet-Restaurant „La Vie“ beherbergt. Carl Meyer und seine Familie wanderten ebenso wie die Familie seiner Schwester Ida, die mit Ernst Voss aus Bramsche verheiratet war, später nach Argentinien aus. Ihre bewegten Geschichten werden in einem neuen Buch dokumentiert.

Carl Meyer, der aus Badbergen stammte, arbeitete als kaufmännischer Angestellter bei der renommierten Wild-, Geflügel- und Delikatessengroßhandlung „Julius Cantor“, deren Produktionsstätte in Eversburg an der heutigen Atterstraße lag, während sich das Verkaufsgeschäft in der Hasestraße befand. 1924 wurde Carl Meyer auf Betreiben des Fabrikanten Fritz Frömbling sen. aus dem Osnabrücker Turnverein (dem Vorläufer des heutigen OSC) herausgedrängt, weil er Jude war. Carl Meyer hatte maßgeblichen Anteil daran, dass unmittelbar danach  ein Jüdischer Sportverein gegründet wurde. Wegen seiner Verdienste um den Verein wurde er zum Ehrenvorsitzenden ernannt. Als langjährigem Gaujugendvorsitzenden für den Bezirk Osnabrück wurde ihm sogar vom Westdeutschen Spielverband die goldene Ehrennadel überreicht und das, obwohl „er hier unter starken antisemitischen Anfeindungen zu leiden hatte“, wie das „Israelitische Familienblatt“ im Juni 1932 berichtete. Nach der Machtübergabe an Hitlers NSDAP bekamen auch die Kinder der Familie Meyer, die zu dieser Zeit noch in einer städtischen Wohnung in der Artilleriestraße wohnten, hautnah zu spüren, was es bedeutete, Jude zu sein. Sie mussten die evangelische Schule in Eversburg verlassen und besuchten fortan die jüdische Schule neben der Synagoge an der Rolandsmauer. Helga und Inge Meyer kamen nicht mehr zum Spielen auf die Straße. Die Familie Meyer musste auch die städtische Wohnung in der Artilleriestraße räumen und zog in die Krahnstraße 1/2. Das Haus gehörte damals Otto David, der ebenfalls Jude war und im Erdgeschoss das Manufakturwarengeschäft „Samson David“ führte.

Beim Boykott jüdischer Geschäfte im April 1933 standen SA-Posten vor dem Eingang und fotografierten Kunden, die den Laden betreten wollten. Ein Schild verkündete: „Wer beim Juden kauft, wird öffentlich gebrandmarkt.“ Auch vor dem Eingang zum Geschäft von Julius Cantor standen SA-Posten.

Wo fanden jüdische  Familien eine neue Heimat?

Julius Cantor, der als gebrochener Mann aus der sogenannten Schutzhaft zurückkehrte, sah für sich und seine Familie keine Zukunft mehr in seiner Heimatstadt. Er verkaufte sein Geschäft und wanderte 1935 nach Palästina aus. Ein Jahr später entschied sich auch die Familie Meyer, ihr Heimatland zu verlassen. Die Wahl fiel auf Argentinien, das bereit war, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen – außerdem wurde Buenos Aires als Stadt mit europäischem Flair in den jüdischen Gazetten gepriesen. Carl Meyer reiste im Dezember 1936 allein nach Argentinien. Frau und Kinder fuhren zusammen mit der Familie seiner Schwester Ida im September 1937 mit dem Schiff von Hamburg nach Buenos Aires. In einer jüdischen Kolonie in Basavilbaso, über 300 km nördlich von Buenos Aires, lebten die Familien Meyer und Voss zunächst mehrere Jahre von der Landwirtschaft, was äußerst beschwerlich war. Mitte der 1940er Jahre siedelten sie sich in Buenos Aires an. Carl Meyer starb am 23. Mai 1956 und wurde auf dem jüdischen Friedhof La Tablada bestattet. Seine Töchter heirateten und zogen später in den neu entstandenen Staat Israel. Ebenso seine Witwe.

Von Bramsche nach Buenos Aires

Die Umstände der Emigration nach Argentinien sind in dem kürzlich erschienenen Buch „Von Bramsche nach Buenos Aires“ ebenso beschrieben wie der weitere Lebensweg  in Argentinien und das Schicksal von Familienangehörigen, die sich nicht mehr retten  konnten. Im  Jahre  2011 besuchte der Autor den Neffen von Carl Meyer, Dr. Erwin Voss, in Argentinien. Die dabei gewonnenen Eindrücke finden als eine Art Reisetagebuch in dem Buch ihren Niederschlag. Im Dezember letzten Jahres war der inzwischen 86-jährige Dr. Voss zusammen mit seiner Frau Hebe bei der emotionalen Buchpräsenttion im Tuchmachermuseum seiner Heimatstadt Bramsche dabei. Bei einem Rundgang durch Osnabrück stand er auch vor dem „La Vie“. Leider fehlte die Zeit, um einen Blick in das Gebäude zu werfen, in dem sein Onkel Carl vor fast  80 Jahren gelebt hatte. Das Buch „Von Bramsche nach Buenos Aires – Auf den Spuren der jüdischen Familie Voss“ von Autor Dieter Przygode ist im Verlag Hentrich & Hentrich erschienen und für 19,90 Euro im Buchhandel erhältlich.

Ausgabe 14, 2/2016 | Autor: Dieter Przygode

Bildnachweise

 Carl, Clara und Inge Meyer in Basavilbaso/ Carl Meyer und Frau © Raul Reinberg, Israel /
Restaurant (2012) „La Vie“  © Dieter Przygode, Bramsche / Postkarte © Dr. Erwin H. Voss, Buenos Aires