Was suchten Jakobspilger im mittelalterlichen Osnabrück?

Seit über 1.000 Jahren genießt der Ort Santiago de Compostela in Nordspanien unter den europäischen Christen ein besonders hohes Ansehen. Hier führte die angebliche Entdeckung des Apostelgrabes von Jacob dem Älteren im 9. Jahrhundert zu einem wahren Boom an Pilgerreisen, der im 15. Jahrhundert seinen Höhepunkt erreichte. Doch schon kurze Zeit später kam es in Folge der Reformation sowie den kriegerischen Auseinandersetzungen des 16./17. Jahrhunderts zu einem drastischen Rückgang der Pilgerzahlen.

Erst Ende des 20. Jahrhunderts, so auch 1987 nach einem Aufruf des Europarats zur Erforschung und Pflege des europäischen Pilgerwesens, setzte in weiten Teilen Europas eine Wiederbelebung dieser drittwichtigsten christlichen Fernwallfahrt (nach den Wallfahrten nach Rom und Jerusalem) ein. Der „Jakobsweg“ zog 2014 fast 238.000 Menschen in seinen Bann. Gezählt wurden alle, die wenigstens 100 km des Hauptweges zu Fuß zurückgelegt haben.

Warum ist das Pilgern so populär?

Unter den vielen Möglichkeiten, seine tiefe Verbundenheit mit der christlichen Religion zu zeigen, nimmt der unmittelbare Kontakt zu den Heiligen einen außerordentlich hohen Stellenwert ein. Da auch das Leben dieser Symbolfiguren endlich war, die Verehrung aber andauern sollte, wurden deren sterbliche Überreste oder andere wichtige materielle Zeugnisse zu Reliquien (von lat.: reliquiae = Zurückgelassenes, Überbleibsel) erklärt und damit zum Gegenstand der Verehrung. Je bedeutender diese Reliquien, desto größer war der Zuspruch von Seiten der Gläubigen. Daher gab es unter den vielen mittelalterlichen Kirchen, die über keine eigenen hochrangigen Heiligen verfügten, auch ein starkes Bemühen um besonders populäre Reliquien wie z. B. einen Splitter vom Holzkreuz der Jesus-Kreuzigung. Dabei ergaben sich gelegentlich durchaus fragwürdige Behauptungen wie z. B. in der nordspanischen Stadt Santiago de Compostela, in der im 9. Jahrhundert vor Ort entdeckte Skelettreste zu Überresten des Apostels Jakob d. Ä. erklärt wurden. Für die christliche Welt des Mittelalters war dies eine Sensation und wurde durch entsprechend hohe Teilnehmerzahlen an den Pilgerreisen gewürdigt.

Wo verlief im Mittelalter der Jakobsweg?

Wer in Spanien nach dem Jakobsweg fragt, bekommt die Antwort: „Der Weg beginnt an Ihrem Haus“. Ähnlich könnte die Antwort auch in fast allen anderen Teilen Europas lauten, denn einen exakten Wegeverlauf gab es nicht. Nur der letzte Abschnitt der Pilgerreise, der auf dem nordspanischen „camino de santiago“ parallel zum Hauptkamm der Pyrenäen verlief, war genau festgelegt. Fernpilger aus dem nördlichen Mitteleuropa benutzten im Mittelalter zunächst allgemeine Handelsrouten, soweit sie in Richtung Köln, Aachen oder Trier führten. Von dort aus ging es weiter bis zu einem der vier offiziellen Hauptzubringer in Frankreich, die im Norden in Paris und im Süden in Arles in Südfrankreich. Die große Beliebtheit der Fernwallfahrt nach Santiago de Compostela führte dazu, dass es über ganz Mitteleuropa verteilt eine extrem hohe Zahl an offiziellen Einkehrorten, Rastplätzen und Kapellen für Jakobspilger gab. Sie trugen als Zeichen ihrer Bestimmung eine vereinfachte Darstellung der Jakobsmuschel, ähnlich dem heutigen Logo der Mineralölfirma Shell.

Mit diesem Symbol wurden zugleich auch bestimmte Wegeabschnitte gekennzeichnet. Insgesamt entstand dadurch der Eindruck, es gäbe auch außerhalb Nordspaniens genau festgelegte Pilger-Routen. Diese Vermutung konnte jedoch nicht bestätigt werden. Übrigens: Folgt man dem kürzesten möglichen Wegeverlauf von Osnabrück nach Santiago de Compostela, beträgt die Streckenlänge etwa 2.200 km.

Gab es auch in Osnabrück bedeutende Pilgerstätten?

Genau wie heute bemühte sich auch im Mittelalter jede Stadt um einen möglichst großen Zustrom an Reisenden. Dieses „Tourismusmarketing“ führte schon im 12./13. Jahrhundert zu „Reiseführern“, bzw. zu Empfehlungen für Orte, die besonders für Wallfahrer sehr attraktiv sind. In Osnabrück war dies die Jakobskapelle. Im Zuge der Ausgrabungen vor dem Bau der Altstadtgarage an der Turmstraße im Jahre 2003 konnte ihr Grundriss vollständig freigelegt werden. Sie entstand um 1295 als Nachnutzung der Kapelle des „Heilig-Geist-Hospitals“, nachdem das Hospital wegen der Seuchengefahr stadtauswärts verlegt worden war. Der ursprüngliche Krankensaal konnte als Herberge für die Jakobspilger genutzt werden. Der gesamte Gebäudetrakt wurde beim großen Stadtbrand im Jahre 1612 vollständig zerstört und danach nicht mehr aufgebaut. Noch heute erinnert die in der Nähe befindliche Jakobstraße an diesen Standort. Vermutlich gehörte auch das 1307 erstmals erwähnte „Heilige Grab“ in der Katharinenkirche zu den attraktiven mittelalterlichen Pilgerstätten in Osnabrück. Es dürfte bereits um 1217 entstanden sein und lag im Zentrum eines Oktogons, das sich etwa dort befand, wo heute der mächtige Turm in den Himmel ragt. Mit dem Oktogon, einem Nachbau der Grabkirche von Jerusalem, wollte man an die Teilnahme der Osnabrücker Ritterschaft an einem Kreuzzug ins Heilige Land unter Friedrich Barbarossa erinnern.

Welche Ausrüstung besaß ein Jakobspilger im Mittelalter?

Die Ausrüstung eines mittelalterlichen Wallfahrers war im Vergleich zu der eines heutigen Trekking-Wanderers extrem bescheiden. Wichtigste Utensilien waren eine robuste Kleidung, ein breitkrempiger Hut, eine Umhängetasche, eine Trinkflasche aus Keramik und ein Gehstock. Wichtigstes Zeichen, um auf sich aufmerksam zu machen, damit ihn Wegelagerer verschonen und um in den Pilgerherbergen aufgenommen zu werden, war die Jakobsmuschel. Sie wurde deutlich sichtbar an der Kleidung (meistens am Hut) oder auf der Tasche getragen. Bei den Ausgrabungen auf der Südseite der Marienkirche im Jahre 1985 wurde das Grab eines Pilgers aus dem 15. Jahrhundert entdeckt, bei dem die Jakobsmuschel in Höhe der Hüfte lag. Vermutlich hatte man ihm bei der Beisetzung seine Pilgertasche mit ins Grab gegeben.

Einer der bedeutendsten spätmittelalterlichen Bildhauer Westfalens, der „Meister von Osnabrück“ schuf mit einer hölzernen Jakobsstatuette eine besonders anschauliche Darstellung eines Jakobspilgers. Das Kunstwerk ist heute im Osnabrücker Diözesanmuseum zu sehen.

Ist Pilgern heute noch zeitgemäß?

In Deutschland steigerte die Erzählung von Hape Kerkeling aus dem Jahre 2006 „Ich bin dann mal weg“ maßgeblich das Interesse am Jakobsweg. Das Buch belegte monatelang Platz 1 der Bestseller-Listen und ließ die Zahl der deutschen Pilgerreisenden gleich nach seinem Erscheinen im Jahre 2007 von 8.000 auf 14.000 steigen. Beispielhaft für viele andere Reisende beschrieb Kerkeling aus seiner Sicht, wie es einem heutigen Pilger ergeht, wenn er die Mühsal einer mehrwöchigen entbehrungsreichen und strapaziösen Wanderung auf sich nimmt. Inzwischen gibt es eine große Zahl an weiteren Büchern, die sich mit dem gleichen Phänomen beschäftigen. Mal sind es Reiseführer, mal historische Abhandlungen, mal persönliche Erlebnisberichte. In ihnen geht es sowohl um die Geschichte des bekanntesten mittelalterlichen Pilgerweg Europas als auch um die Frage, was es heißt, wochenlang freiwillig auf die Annehmlichkeiten und technischen Möglichkeiten der modernen Freizeitgesellschaft zu verzichten, den Launen der Natur ausgeliefert zu sein und sich mit den Eigenarten fremder Menschen befassen zu müssen, mit denen man zufällig zur gleichen Zeit auf dem Jakobsweg unterwegs oder auf engstem Raum in den Herbergen zusammen ist. Für viele macht genau das den besonderen Reiz einer Pilgerfernwanderung aus. Ob das im Mittelalter auch so war?

Ausgabe 13, 1/2016 | Autor: Bodo Zehm