Was verbirgt Osnabrücks Unterwelt? (Teil 3)

Alte Schächte und Stollen aus längst vergangenen Tagen, Gerüchte über Höhlen und Gänge unter dem mittelalterlichen Stadtkern – Sie sind nur ein kleiner Teil der Geschichten über die Osnabrücker Unterwelt. Ein Großteil der unterirdischen Gänge und Räume unter der Hasestadt sind dabei noch nicht einmal 75 Jahre alt und doch vielerorts schon in Vergessenheit geraten: Anlagen aus dem Zweiten Weltkrieg und dem Kalten Krieg, tief unter unseren Füßen. Es ist die Rede von unterirdischen Bunkern, die den Menschen bei Luftangriffen oder nuklearer Bedrohung Schutz bieten sollten und während des Zweiten Weltkrieges zehntausenden Osnabrückern das Leben retteten.

Was sind das für unterirdische Bunker?

Bei den meisten Bunkern in Osnabrück handelt es sich um sogenannte Luftschutzstollen aus dem letzten Weltkrieg, geplant und gebaut zum Schutz vor Fliegerbomben. Die Entstehung der Stollen ist zurückzuführen auf die Erfahrungen der ersten Kriegsjahre, in denen man zunächst nur trümmersichere Deckungsgräben errichtete, welche jedoch keinen ernsthaften Schutz vor Bomben boten. Die ab dem Winter 1940 zusätzlich errichteten Hochbunker sowie ein unterirdischer Tiefbunker unter dem Rosenplatz boten hier schon wesentlich mehr Sicherheit, doch waren die für Osnabrück genehmigten Mittel völlig unzureichend. Bis 1942 gab es daher nur ca. 5.000 bombensichere Schutzplätze für etwa 100.000 Einwohner.

Wie kam es zum Bau der Luftschutzstollen?

Die Stadt musste also Alternativen zu den teuren Stahlbetonbunkern finden, wollte man der steigenden Gefahr von Luftangriffen nicht schutzlos ausgeliefert sein. So richtete die Stadtverwaltung ihr Augenmerk auf die Hügel der Stadt. Hier wollte man eine Lösung des Schutzraummangels finden – in Form von Stollen. Doch dieses Vorhaben wäre beinahe gescheitert, da auch hierfür keine Fördermittel vom Deutschen Reich zu bekommen waren. Für die Stadt ein herber Rückschlag, doch ließ sie von den Plänen nicht ab und rettete damit im Nachhinein wohl tausenden Menschen das Leben.

Wann begann der Stollenbau?

Trotz des Mangels an Fachkräften und Baumaschinen für den Stollenbau erfolgte im Februar 1943 der erste Spatenstich zum Bau von zunächst vier Stollenanlagen im Stadtgebiet. Die Baustellen befanden sich am Klushügel (Bohmter Straße), an der Wakhegge, den Heidekämpen und im Natruper Steinbruch. Als sich hier nach kurzer Zeit bereits erste Erfolge in Hinblick auf Bauzeit und geschaffenen Schutzraum einstellten, lenkte das Reichsluftschutzamt doch ein und stellte seinerseits Fördergelder zum Bau des Stollenbunkers Klushügel (Buersche Straße) zur Verfügung. Innerhalb weniger Monate entstanden nun im gesamten Stadtgebiet etwa 40 Großbaustellen, deren einziger Zweck die Errichtung von Luftschutzstollen war.

Die meisten der Baustellen waren bis April 1945 in Betrieb, da viele Anlagen noch nicht fertiggestellt oder nachträglich erweitert wurden. Immerhin sollten insgesamt 10.000 Stollenmeter in den felsigen Untergrund Osnabrücks getrieben werden. Bis Kriegsende wurden aber nur etwa 5,5 km fertig.

Wie ging es nach 1945 mit den Bunkern weiter?

Nach dem Krieg wurden die meisten Stollen durch das britische Militär zugesprengt, um eine erneute Nutzung als Schutzbunker zu verhindern. Der Tiefbunker unter dem Rosenplatz wurde zugeschüttet, die meisten Deckungsgräben abgerissen oder ebenfalls zugekippt.
Es dauerte jedoch nicht lange bis einige Anlagen wieder geöffnet und neu gesichert wurden, um sie im sich zuspitzenden Kalten Krieg erneut als Schutzbunker nutzen zu können. Allerdings ließ man von dem Vorhaben wieder ab, da die Stollen den neuen Anforderungen nicht gerecht wurden. Stattdessen ging man vielerorts dazu über, neue Mehrzweckanlagen zu bauen.

Wo wurden im Kalten Krieg Bunker gebaut?

Tiefgaragen, wie etwa unter dem Ledenhof, an der Lotter Straße, der Rheiner Landstraße oder der Hannoverschen Straße wurden in Hinblick auf die neue nukleare Gefährdung weitestgehend strahlungssicher errichtet. Private Bauherren konnten hierfür auf Fördermittel des Bundes zurückgreifen. Die Stadt verfügte zudem über zwei umgerüstete Hochbunker. Doch auch die Bundeswehr errichtete große unterirdische Bunker, wie etwa am Ziegenbrink oder unter dem Bundeswehrkrankenhaus an der Sedanstraße.
Letztere Anlage ist zugleich einer der größten Bunker in Osnabrück. Auf einer Grundfläche, die etwa dem des darüberliegenden Krankenhauses entspricht, errichtete das Militär hier ein bombensicheres Lazarett, welches auch im Falle einer nuklearen Auseinandersetzung betriebsbereit gehalten werden konnte. Ca. 300 Büroräume, Krankenzimmer und Betriebsräume, unzählige Flure, Zufahrten, Treppenhäuser und Schleusen machen das Bunkersystem zu einem regelrechten Labyrinth, welches heute ungenutzt unter Osnabrück schlummert und mittlerweile fast in Vergessenheit geraten ist.

Wie steht es um die Zukunft der Osnabrücker Unterwelt?

Wie es zukünftig mit den unterirdischen Bunkern, Gängen und Hohlräumen in Osnabrück bestellt ist, lässt sich schwer vorhersagen. Einige Anlagen wurden bereits versiegelt oder zugekippt, da sie als einsturzgefährdet galten. Anderen Anlagen – wie etwa den Gertrudenberger Höhlen – droht das gleiche Schicksal. Immerhin sind bis heute noch verhältnismäßig viele verschiedene Bereiche der Unterwelt erhalten und die Stadt wäre gut beraten, diese Anlagen auch für die Nachwelt als historische Denk- und Mahnmale zu bewahren.

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Über den Autor
Mit diesem Kapitel endet die dreiteilige Serie über Osnabrücks Unterwelt. Autor Hauke Haubrock, der in dieser und den letzten beiden Ausgaben für „Osnabrücker Wissen“ auf Spurensuche war, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Untergrund der Hasestadt.  Haubrock hat gemeinsam mit seinem Kollegen Andreas O´Brien ein Buch über den Luftschutzstollen am Kalkhügel publiziert. Die gewonnenen Kenntnisse sammeln die beiden frei einsehbar auf der Internetseite „Untergrund Osnabrück“, zu erreichen unter http://www.untergrundosnabrueck.de.

Ausgabe 9, 1/2015 | Autor: Hauke Haubrock

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Bilder ©Hauke Haubrock