Welche Geheimnisse verbergen Osnabrücker Gärten?

Exakt ausgemessene Grasteppiche, glatt geschnittene Hecken, symmetrisch angeordnete Zierblumen – und dazwischen aufdringlich grinsende Gartenzwerge: So oder ähnlich stellen sich kritische Zeitgenossen Osnabrücks Mustergarten vor.

Wie jede karikaturistische Überzeichnung trifft diese Beschreibung sicher einen wahren Kern. In Wahrheit präsentiert sich die Osnabrücker Park- und Gartenwelt jedoch in einer Vielfalt, deren Betrachtung sich lohnt. Der durch zahlreiche Publikationen bekannte Autor Heiko Schulze ist den Geheimnissen der Osnabrücker Gärten in einem jüngst erschienenen Buch auf den Grund gegangen. Für „Osnabrücker Wissen“ beantwortet er die spannendsten Fragen.

Wussten Sie, dass die Flächen vor den alten Stadtmauern Osnabrücks als erste Gemeinschaftsgärten dienten?

Jahrhundertelang, bis 1843, durfte niemand sein Haus außerhalb der Wälle bauen. Dafür teilten bis zu acht Laischaften die Flächen ringsum unter sich auf und bewirtschafteten sie in Selbstverwaltung vorwiegend als Viehweiden, Feld- und nicht zuletzt mit Gartenflächen.

Wussten Sie, dass der heutige Schlossgarten zu Beginn ein ummauertes Areal für die herrschaftliche Elite war?

Der erste protestantische Fürstbischof Ernst August I. schuf den edlen Park nebst „Chefplanerin“ Gattin Sophie anno 1677 als barocke Gartenanlage, die mit ihrer Pracht vor allem Macht und Reichtum präsentieren sollte. Nicht wenige Adelige des Osnabrücker Umlands nahmen sich den Schlossgarten als Vorbild ihrer eigenen Vorzeige-Flächen.

Wussten Sie, dass Justus Möser (1720-1794) ein süffisanter Kritiker der damals trendigen englischen Landschaftsgärten war?

Unter dem Pseudonym „Anglomonia Domen“ spottete er anno 1778 im Text „Das englische Gärtchen“ über ein opulent umgestaltetes Anwesen, in dem viel Landschaft, aber kein Obst oder Gemüse mehr zu finden war.

Wussten Sie, dass Osnabrück einen „Gartenvater“ besitzt?

Senator Gerhard Friedrich Wagner (1769-1846) war nicht nur der „Erfinder“ des ersten Parks „für alle“, des Bürgerparks. Getragen von der Idee, möglichst viele Menschen mit gesundem Obst zu ernähren, ließ er am Klushügel immerhin 2.000 Obstbäume setzen, die jedermann kostenlos abernten durfte.

Wussten Sie, dass der erste deutsche Schrebergarten eine Form von Spielplatzentwidmung und Kindesenteignung war?

Denn der erste nach dem Leipziger Mediziner Schreber genannte Garten war noch eine Art Kinderspielplatz. Als ein Lehrer namens Gesell damit begann, mit den Kindern erste Pflanzungen vorzunehmen, übernahmen noch vor 1870 schnell die Eltern die Regie: Die Kleingärtnervereine erlebten ihre Geburtsstunde.

Wussten Sie, dass Osnabrücker Kleingärtner ihre ersten Parzellen russischen Kriegsgefangenen verdanken?

Im Jahre 1916 richteten die ehemaligen zaristischen Soldaten unter strenger militärischer Bewachung das Kern-Areal des heutigen Vereins „Deutsche Scholle“ her, weshalb die Gärten noch lange Zeit im Volksmund „Russengärten“ hießen.

Wussten Sie, dass es in Osnabrück nicht nur Parks,  Privat- und Kleingärten gibt, sondern auch immer mehr Gemeinschafts- und Themengärten?

Das Spektrum reicht von begehbaren Künstler- über ökologische und religiöse Lerngärten bis hin zum Friedensgarten. Kurzum: Es lohnt sich, im wahrsten Sinne des Wortes einmal häufiger „über den Gartenzaun“ zu blicken.

Gartengeschichte zum Nachlesen
In Heiko Schulzes farbig illustriertem Buch „Osnabrücker Gärten. Geschichte(n) und Informationen. Kleingärten – Themengärten – Gemeinschaftsgärten – Lustgärten – Künstlergärten“ werden noch viele weitere Gartengeheimnisse gelüftet. Es ist für 4 Euro im Osnabrücker Buchhandel, in den Osnabrücker Museen, bei der Tourist Information sowie im Osnabrücker Kulturhaus (Marienstraße 5/6)  erhältlich.

Ausgabe 14, 2/2016 | Autor: Beitrag der Redaktion

Bildnachweise

 Herrenhäuser Schloss © Gemeidegut /  restliche Bilder © Stadt Osnabrück