Welche Toiletten werden von heulenden Wölfen entlüftet?

Was die Form einer Litfaßsäule und die Verzierungen eines historischen Gemäuers trägt, ist in Wirklichkeit eine unter Denkmalschutz stehende Abluftsäule für eine darunterliegende Toilettenanlage. Sie befindet sich im Südhof der Johanniskirche und wer sie aus der Nähe betrachtet, findet Plastiken und Schriftzüge, welche nicht auf die eigentliche Bedeutung der Säule schließen lassen. Die Abluftsäule ist eines der wenigen Denkmäler in Osnabrück, die vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden und noch heute erhalten sind.

Bereits im 19. Jahrhundert befand sich auf dem Kirchhof eine öffentliche Toilettenanlage, welche jedoch in den 1920er Jahren als unsittlich empfunden und daher abgerissen wurde. Die Kirchengemeinde verlegte sie daraufhin unterirdisch, wo sie noch heute von der Johannisstraße aus über Treppen erreichbar ist. Bei der Frage, wie diese Anlage entlüftet werden sollte, entschied man sich zunächst für eine Litfaßsäule. Da jedoch Plakatwerbung die Aura der Johanniskirche zu beeinträchtigen drohte, plädierte die Gemeinde für eine zur Besinnlichkeit anregende Variante. Der Architekt Theo Burlage entwarf eine Entlüftungssäule mit Bekrönung, Wolfdietrich Stein schmückte sie mit Tonreliefplatten und Tonfiguren, welche die Krönung der Säule zieren. Die Kacheln bilden alltägliche Ereignisse wie den Spaziergang einer Dame mit Regenschirm und Handtasche ab. Außerdem greifen sie bekannte Sprichwörter wie „Mit den Wölfen heulen“ auf.

Die Bekrönung der Abluftsäule zeigt zwei doppelläufige Schriftbänder, zwischen denen Figuren stehen. Eine von ihnen trägt ein Kreuz und symbolisiert damit den Tod. Die weiteren Plastiken stellen Menschen unterschiedlichster Art dar, die dem Tod zum Opfer fallen werden. Diese Symbolik ergänzt die Inschrift der Bekrönung. Sie lautet: „Der Tod frisst alle Menschenkind’, fragt nicht wes Stand und Ehr’ sie sind. Der Tod fragt nicht nach Zeit, würgt alt’ und junge Leut’“.
1979/80 wurde die Säule von der Osnabrücker Künstlerin Ruth Landmann stellenweise restauriert, sodass die Plastiken und Reliefs noch heute gut erkennbar sind.

Ausgabe 9, 1/2015 | Autor: Simone Bürgel

Bildnachweise

Foto Abluftsäule ©Simone Bürgel