Wie entstand Osnabrück?

Bis heute stehen der Geschichtsforschung leider keine Quellen zur Verfügung, die eine klare Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der Stadt Osnabrück geben könnten. Sicher ist, dass die Beantwortung anhand der vorliegenden historischen Dokumente niemals möglich sein wird. Es gibt nur eine extrem geringe Zahl an Schriftstücken, von denen einige bereits im Mittelalter in beträchtlichem Umfang verfälscht worden sind. Außerdem beleuchten sie nur Teilaspekte dieser Gründungsphase.

Wesentlich günstiger sieht es allerdings aus, wenn der aktuelle Erkenntnisgewinn im Bereich der Archäologie betrachtet wird. Osnabrück hat diesbezüglich im Vergleich zu anderen Städten viel zu bieten, vor allem dank seiner in den vergangenen 40 Jahren intensiv betriebenen archäologischen Stadtkernforschung. Dabei konnte das traditionelle Bild von den einzelnen frühstädtischen Entwicklungsstufen erheblich revidiert werden.

Entstand die Stadt dort, wo vorher schon Menschen lebten?

Das durch die Christianisierung unter Karl dem Großen entstandene Zentrum von Osnabrück, aus dem sich die spätere Stadt entwickelte, war offensichtlich eine Neugründung, denn es ist schwer vorstellbar, dass hier im Niederungsbereich der Hase mit seiner kleinteiligen Gewässerlandschaft Menschen lebten, deren Haupterwerb die Landwirtschaft war. Solche größeren, für den Ackerbau geeigneten Flächen sind eher im Bereich der Iburger Straße in Richtung Nahne zu vermuten. Von dort, z. B. in Höhe des Johannisfriedhofs oder der Thomaskirche, gibt es zumindest auch entsprechende vorgeschichtliche Funde, die um 1930 entdeckt wurden. In der Nähe liegt mit dem frühchristlichen sächsischen Friedhof auf dem Westhang des Schölerbergs aber auch ein indirekter Hinweis auf die Bedeutung dieses Areals für die früheste Osnabrücker Siedlungsgeschichte. Rund um Dom und Rathaus sind dagegen keine eindeutigen Belege für eine Siedlung oder eine andere Geländenutzung aus der Zeit vor den Sachsenkriegen (770 bis 800 n. Chr.) bei Ausgrabungen zu Tage getreten. Vermutlich gaben lediglich die verkehrsgünstige Lage der Sandkuppe, auf der später der Dom gebaut wurde, und die benachbarte Hasefurt den Anlass für die Entscheidung, hier gegen Ende des 8. Jahrhunderts das neue christliche Zentrum zu errichten und so einen Stützpunkt für die weitere Missionierung Norddeutschlands zu schaffen.

Wo lag die Hasefurt, die das Dom-Zentrum zum Verkehrsknotenpunkt machte?

Traditionell wird die Hasestraße als die älteste Straße Osnabrücks gesehen, weil sie in direkter Verlängerung der Johannisstraße und der Großen Straße auf eine historische Brücke zuführt. Hier standen mit dem Hasetor und der Vitischanze im Mittelalter zugleich mächtige Befestigungsanlagen zur Verfügung, um diesen Hase-Übergang zu sichern. Tatsächlich sind beide Bauten, und vermutlich auch die Hasebrücke, erst im Zuge des Stadtmauerbaus gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstanden. Aufgabe der Vitischanze war es vor allem, die zentralen Stauanlagen zu sichern, die der Regulierung des Wasserstands der Hase dienten – genau dort, wo das Wasser zusammenlief, nachdem es auf der West- und Ostseite der Stadt durch die Stadtgräben als Teil der Festungsanlagen geflossen war. Eine Zerstörung der Stauanlagen hätte unweigerlich dazu geführt, dass große Abschnitte der Stadtgräben trocken gefallen wären und etwaigen Angreifern kaum noch Widerstand geleistet hätten. Die Archäologen fanden für den ältesten Verkehrsweg über die Hase

eine andere Lösung: Zwischen den Straßen Kleine Domsfreiheit und Schwedenstraße entdeckten sie eine künstlich angelegte, dammartige Straße, die direkt auf die Hase zulief. Ihr Seitenraum war mit eingeschlagenen Holzpfählen vor zerstörerischem Hochwasser gesichert. In unmittelbarer Nähe lag ein Holzstapel, dessen Altersbestimmung anhand der Jahrringmethode das Jahr 772 ergab. Auf der anderen Seite der Hase liegt heute der Nonnenpfad und damit der Beginn der Knollstraße, einer der wichtigsten mittelalterlichen Straßen, die in Richtung der frühmittelalterlichen Zentren Bremen, Verden und Minden führte.

War die Osnabrücker Domburg früher wirklich eine Burg ?

Während bis in die 1970-er Jahre die Keimzelle der Stadt, die Domburg, noch als relativ kleine, rechteckige Flächeneinheit mit den Plätzen Große Domsfreiheit und Domhof gesehen wurde, können wir heute von einer wesentlich größeren Ausdehnung ausgehen, die bis an die Krahnstraße und den Nikolaiort heranreichte. Besonders wichtige Hinweise ergaben sich 1995 bei der Neubebauung des Innenhofs des Stadttheaters. Hier stießen die Ausgräber direkt unter dem Hofpflaster auf die Spuren von mehreren Holzgebäuden aus der Gründungszeit der Stadt um 800 n. Chr. Besondere Fundstücke, wie ein großes bronzenes Schlüsselamulett und das Fragment eines goldenen Schwertgurtbeschlags zeigten deutlich, dass die damaligen Bewohner Angehörige einer gesellschaftlichen Führungsschicht waren. Nur etwas fehlte: Es traten weder bei dieser Ausgrabung noch bei allen anderen Grabungen im historischen Stadtkern eindeutige Überreste einer Wehranlage aus der Zeit um 800 n. Chr. zu Tage. Ähnlich ist die Sachlage auch in den anderen Bischofsstädten in Norddeutschland. Auch hier wurde zwar früher immer von Bischofsburgen gesprochen, die von Anfang an mit Wehrgräben und Mauern stark befestigt waren,  doch in der neueren Forschung ist dieses Bild heute grundsätzlich stark in Frage gestellt worden. Stattdessen erwiesen sich die Ursprungsgründungen als mehrteiliges, unregelmäßiges Siedlungsgebilde in exponierter Lage, das in enger Anbindung an ein nahegelegenes, überregionales Verkehrsnetz gestanden haben muss und nicht von einem geschlossenen Befestigungsring umgeben war. Die Vorstellung, dass der Bischofssitz urspünglich eine Burg war, stammt vermutlich aus einer Zeit, die stark von romantischen Idealen geprägt war. Kamen bei Ausgrabungen tatsächlich Spuren von Befestigungsbauten ans Licht, konnten diese u.a. den späteren kriegerischen Zeiten vom späten 9. bis zum 10. Jahrhundert zugeordnet werden, als zunächst die Wikinger- und später die Ungarneinfälle für Angst und Schrecken unter den Bewohnern sorgten.  Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit den Kirchbauten im ländlichen Raum: Bis auf wenige Ausnahmen waren sie ebenfalls nicht Zentrum eines Befestigungsrings, obwohl der bis heute übliche Name Kirchburg dies nahelegt.

Der Autor dieses Artikels
Bodo Zehm ist seit 1978 Mitarbeiter der Stadt Osnabrück. Er begann seine Tätigkeit als Museumspädagoge am Kulturgeschichtlichen Museum, wechselte dann 1981 als „Grabungsfotograf“ zur Stadt- und Kreisarchäologie und führte seit 1982 als örtlicher Grabungsleiter selbst eine Vielzahl an Ausgrabungen in Stadt und Landkreis durch. Ende 2002 wurde er gemeinsam von Stadt und Landkreis mit der Leitung des Fachdienstes Archäologische Denkmalpflege beauftragt.

Kontakt: Bodo Zehm
Stadt- & Kreisarchäologie Osnabrück
Lotter Straße 2 · 49078 Osnabrück
E-Mail: zehm@osnabrueck.de

Ausgabe 11, 3/2015 | Autor: Bodo Zehm

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