Wie kommt das Osnabrücker Rad in die Marienkirche?

Nur wenige Besucher wenden ihren Blick nach oben. Dabei gibt es im Dach über dem Altarraum der Marienkirche etwas Ungewöhnliches zu entdecken: hier prangt das Osnabrücker Rad.

Bis heute gibt es keine eindeutige Antwort auf die Frage, wann es seinen Platz in der luftigen Höhe über dem Altar bekommen hat. Der Historiker Dr. Karsten Igel vermutet, dass es mit der Einwölbung des Chores um 1440 dorthin gelangte.

Welche Bedeutung hatte das Osnabrücker Rad?

Schon im 13. Jahrhundert wurde das Osnabrücker Rad als Siegelsymbol der Stadt verwendet. Erst später wurde das Rad in das bischöfliche Siegel übernommen, um damit den Anspruch der Kirche auch auf die weltliche Herrschaft auszudrücken.

Und was ist mit dem Reichsadler?

Im östlichen Langhausjoch der Marienkirche gibt es noch ein weiteres Symbol, das in anderen Kirchen fehlt, nämlich den Reichsadler des Heiligen Römischen Reichs. Die Kirche am Markt fungierte seit dem späten 14. Jahrhundert als Ratskirche der Stadt Osnabrück. In jedem Jahr gingen die Ratsherren traditionsgemäß am 2. Januar vor ihrer Neuwahl in die Messe. Nach der Wahl stellten sie sich dann der Bürgerschaft vor. Obwohl Osnabrück nie Reichsstadt war, dokumentierte der Reichsadler ihre Sonderstellung gegenüber dem Bischof. Denn sie verfügte über entsprechende Privilegien direkt vom Kaiser. Wann dieser Reichsadler seinen Platz im Langhausjoch eingenommen hat? Wurde er gleichzeitig mit dem Osnabrücker Rad angebracht? Karsten Igel vermutet, dass er eher nachträglich dort oben platziert wurde, nämlich mit der Einführung der Reformation 1543. Die Stadt hatte sich inzwischen von der weltlichen Herrschaft des Bischofs gelöst, der bis dahin sowohl geistlicher Oberhirte als auch weltlicher Fürst war. Der Reichsadler in der Marienkirche drückt also das Selbstbewusstsein des Rates aus.

Dr. Karsten Igel

Der Historiker der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster wurde 1970 geboren und promovierte über die Sozialstruktur und Stadtgestaltung der Osnabrücker Partnerstadt Greifswald um 1400. Die Marienkirche ist seine Pfarrkirche, seine Großmutter wurde hier noch konfirmiert. Er selbst wohnt am Westerberg.

Ausgabe 5, 4/2013 | Autor: Ebba Ehrnsberger

Bildnachweise

Das Osnabrücker Rad © R. Lahmann-Lammert; Altarraum © R. Lahmann-Lammert; Dr. Karsten Igel © Ebba Ehrnsberger; Reichsadler © R. Lahmann-Lammert