Wo entstand eines der ersten Krankenhäuser in Osnabrück? (Teil 2)

Im ersten Teil des Beitrags ging es um die äußerst abwechslungsreiche Geschichte der Parzelle „Turmstraße 10–12“ hinter der Marienkirche. Nun geht es um Spuren unter den Mauern der ausgegrabenen Hospitals-Kapelle, die eine noch ältere Besiedlungsphase vermuten lassen. Mithilfe naturwissenschaftlicher Methoden können Archäologen Funde jahrgenau bestimmen lassen und die abwechslungsreiche Siedlungsgeschichte an diesem Ort rekonstruieren. Denn durch seine Nähe zum Zentrum der mittelalterlichen Stadt war der Siedlungsstandort um die heutige Marienkirche schon immer sehr beliebt.

Wieso ließen sich die Menschen dauerhaft an der Hase nieder?

Die Hase mit ihren Seitenarmen umgab im Mittelalter eine breite und sumpfige Auenlandschaft, in der erhöhte Kuppen, bestehend aus Sand- und Kiesablagerungen, entstanden. Diese überflutungssicheren Siedlungsstandorte bildeten die große Sandkuppe, auf der der Osnabrücker Dom steht und die kleinere, westlich gelegene Kuppe, auf der sich die Marienkirche befindet. Noch heute kann man die Höhenunterschiede bei einem Spaziergang durch die Innenstadt feststellen. Wenn man von der Marienkirche in die Turmstraße blickt, fällt einem sofort das abfallende Gelände hinter der Marienkirche auf. Läuft man nun auf der Marktstraße Richtung Domplatz, begibt man sich von der einen Sandkuppe zur anderen und kann die heute nur noch leicht ausgeprägte Senke zwischen beiden Erhebungen beobachten.
Der leichte Zugang zu Fließwasser und der sichere, vor Hochwasser geschützte Baugrund boten optimale Verhältnisse, um sich dauerhaft niederzulassen. Zudem befand sich eine günstige Furt zur Überquerung der Hase in Osnabrück. Aufgrund dessen kreuzten sich hier zwei wichtige mittelalterliche Handelswege.
Diese günstigen Siedlungsfaktoren waren ausschlaggebend für die Standortwahl der ersten christlichen Missionszelle unter Karl dem Großen, nach der Unterwerfung der Sachsen und der Eingliederung ihres Gebietes ins karolingische Reich zu Beginn des 9. Jahrhunderts. Infolge der positiven Rahmenbedingungen entwickelte sich Osnabrück zu einem wirtschaftlichen Zentrum der Region und die Bevölkerung nahm stetig zu. Gegen Ende des Hochmittelalters mussten die Seitenarme der Hase mit ihren breiten und sumpfigen Auen, die die Sandkuppen umgaben, dem Bedürfnis der Bürger nach mehr Bauland weichen. Man kanalisierte die kleinen Nebenflüsse und legte das Land mit Hilfe von Erdaufschüttungen und Holzkonstruktionen trocken. Diesen Prozess konnte man auch auf der Ausgrabung auf dem Grundstück der Turmstraße 10–12 beobachten.

Welche Holzfunde wurden bei der Ausgrabung untersucht?

Für die Grabung an der Turm- und Lohstraße wurden verschiedene Hölzer dendrochronologisch untersucht, unter anderem mehrere dicke Pfosten aus Eichenholz und eine Pfostenreihe. Die Ergebnisse liefern wichtige Beiträge für die wissenschaftliche Auswertung. So können die Holzstaken als Hinweis auf eine Befestigung des Bachuferrandes gesehen werden. Diese wurde um das Jahr 1030, also zu Beginn des Hochmittelalters, angebracht. Die dicken Pfosten können auf Häuser in Pfostenbauweise hindeuten, die ebenfalls in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts gebaut wurden. Sofern ein ausreichend großes Stück Holz oder Holzkohle vorhanden ist, kann man mit Hilfe der Dendrochronologie das Fälldatum eines Baumes und somit auch den Zeitpunkt der Verarbeitung im besten Fall auf das Jahr genau bestimmen. Denn Bauholz wurde meistens saftfrisch verbaut. Für eine optimale Datierung müssen noch mehrere (mindestens 50, optimal 80 oder mehr) Jahresringe in gutem Zustand erhalten sein. Je mehr Ringe von der Außenseite (Waldkante) erhalten sind, desto genauer kann der Zeitpunkt der Fällung bestimmt werden. Die Archäologie profitiert zunehmend von den naturwissenschaftlichen Methoden, wie wir es am Beispiel der Ausgrabung an der Turmstraße gesehen haben. Sie leisten nicht nur einen wertvollen Beitrag zu den wissenschaftlichen Ergebnissen, sondern entwickeln durch innovative Forschungsansätze auch neue interdisziplinäre Methoden für die Archäologie.

Wie funktioniert die Dendrochronologie?
Jedes Jahr produzieren Bäume einen Ring aus neuem Holz. Die Abfolge und das Erscheinungsbild dieser Ringe sind für Bäume derselben Art in einem Gebiet sehr ähnlich (Gebietsgröße ca. 2 km – 300 km), da sie den gleichen Umwelteinflüssen wie Niederschlag, Sonnenstrahlung und Temperatur unterliegen. Für Mitteleuropa eignet sich die Eiche sehr gut zur Altersbestimmung, da sie sehr weit verbreitet ist und als Bauholz zu jeder Zeit beliebt war. Das Ziel der Dendrochronologie ist es, eine Kurve zu erstellen, die möglichst weit in die Vergangenheit reicht. Hierbei werden Proben aus verschiedenen Kontexten genommen: Hölzer aus noch lebenden Bäumen, aus Fachwerkhäusern, aus Mooren und von Ausgrabungen. Dadurch erhält man Jahresringe aus verschiedenen Zeitabschnitten, die sich im besten Fall überschneiden. Diese kann man aneinanderhängen und bekommt eine Kurve, die immer weiter in unsere Vergangenheit reicht. Zuerst erstellt man eine regionale Kurve, die dann in überregionale Kurven eingehängt werden kann. So deckt die mitteleuropäische Eichenkurve dank der guten Erhaltung von Eichen im Moor einen Zeitraum von 10.000 Jahren ab.

Ausgabe 10, 2/2015 | Autor: Marius Miche

Bildnachweise

Bilder: © Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück