Wo liegen Osnabrücks magische Orte?

Im Juli 2015 startet die Stadt- und Kreisarchäologie ein Modellprojekt zur Erprobung neuer Möglichkeiten der Informationsvermittlung über die Geschichte unserer Kulturlandschaft. Dabei kommt es zur Neupräsentation von neun „magischen Orten“ in Stadt und Landkreis, die in der Vorstellungswelt der Bevölkerung und in historisch interessierten Fachkreisen eine gewisse Berühmtheit erlangt haben und wo vor Ort bis heute umfangreiche, archäologisch erforschte Reste aus der Entstehungszeit sichtbar geblieben sind.

Wie entstehen Kultplätze?

Für jeden Menschen, der sich in einer bestimmten Region heimisch fühlt, bildet die Landschaft einen unverwechselbaren, natürlich anmutenden Rahmen. Biologen und Verhaltensforscher sprechen diesem Lebensraum sogar eine Prägefunktion zu, die vor allem im Kindesalter intensiv wirksam und von nachhaltigem Einfluss für das weitere Leben sein soll. Das Spektrum dieses naturnahen Erlebens reicht vom einfachen Spaziergang, der in der „freien“ Natur als besonders erholsam empfunden wird, bis hin zu religiösen Ritualen, z. B. zur Verehrung natürlicher „Urkräfte“. Dabei entstanden bereits vor Jahrtausenden „magische Orte“ zur Durchführung spezieller Kulthandlungen, oft auch in Verbindung mit baulichen Eingriffen in die Landschaft.  Landschaft wird aber nicht nur sinnlich wahrgenommen, sondern bietet zugleich ein unerschöpfliches Reservoir an Nutzungsmöglichkeiten, vor allem zur unmittelbaren Existenzsicherung.  So entstanden zunächst landwirtschaftliche Nutzflächen und Siedlungen, nachfolgend auch Gewerbegebiete, Verkehrsflächen, Abbau von Bodenschätzen und ähnliches. Dieser Prozess begann mit der Sesshaftwerdung in der Jungsteinzeit vor über 6.000 Jahren und setzt sich bis heute fort. Er hat u. a. dazu geführt, dass viel von der Ursprünglichkeit der Landschaft verloren gegangen ist. Heute suchen viele Menschen nach Orten, wo die Natur oder bestimmte natürlich anmutende Erscheinungen noch intensiv spürbar geblieben sind – in der Hoffnung auf eine besondere Form der Naturerfahrung, bei der die ursprüngliche, innige Beziehung zwischen Mensch und Natur im Mittelpunkt steht.

Welche Kultplätze gibt es?

Die bis heute eindrucksvollsten Formen der Gestaltung von Kultplätzen stammen aus der Jungsteinzeit. Während der Zeit der sogenannten Trichterbecherkultur entstanden zwischen 3.500 und 3.000 Jahren v. Chr. Grabanlagen aus extrem großen Steinen (Megalithen), die seit Jahrhunderten als „Hünengräber“, d. h. als Werk von Menschen mit übernatürlichen Kräften, gesehen wurden. Der große bauliche Aufwand lässt vermuten, dass es sich um deutlich mehr als nur Bestattungsplätze gehandelt haben muss.
Ähnliches gilt für die nachfolgende Einzelgrabkultur, wobei riesige Grabhügel entstanden. Das größte Bauwerk dieser Art ist der Silbury Hill in Südengland, erbaut um 2.600 v. Chr. Mit einer Höhe von 37 Metern galt er bis zum 19. Jahrhundert als die größte jemals von Menschen gebaute Anlage in Europa. Grabhügel kommen auch dicht beieinanderliegend und in unterschiedlichen Formen vor. Vor allem in den letzten 700 Jahren v. Chr. entstanden auch im Osnabrücker Land zahlreiche, sehr markante Varianten aufgrund unterschiedlicher kultischer Vorstellungen und Bestattungsrituale. Um 300 v. Chr. wurde das Osnabrücker Land kurzzeitig von der keltischen Kultur beeinflusst, bei der die Verehrung von Naturheiligtümern einen besonders hohen Stellenwert hatte. Abseits der damaligen Siedlungsräume entstanden großflächige Kultanlagen mit Opferschächten, Opferbäumen, Mooropferungen u.ä.

Eine davon ist die Schnippenburg bei Ostercappeln – auch heute noch im Wald durch einen schwach ausgeprägten umlaufenden Erdwall erkennbar. Sie wurde zwischen 2000 und 2006 intensiv archäologisch erforscht und gilt als bedeutender Meilenstein der Keltenforschung in Deutschland. Die bekannteste Form der Gestaltung von Kultorten entwickelte sich im Zuge der Christianisierung ab dem 8. Jahrhundert n. Chr. An möglichst erhöht liegenden, aber leicht zugänglichen Orten entstanden Kirchen, die mit ihrem Turm ein markantes Orientierungszeichen in der Landschaft und mit der Glocke ein neuartiges, weitreichendes Kommunikationsmittel brachte. Der mit der Christianisierung eingeleitete religiöse Wandel führte zu einem deutlichen Rückgang der kultischen Funktion von Naturphänomenen. Trotzdem blieben sie wichtig. Zahlreiche christliche Symbole und Legenden künden bis heute von einer Respektierung ursprünglicher Elemente aus den Naturreligionen.

Brauchen wir auch heute noch Kultplätze?

Menschen, die ihren Lebensstil ausschließlich nach den praktischen Erfordernissen des Alltags ausrichten, dürfte es eigentlich kaum stören, wenn die Möglichkeit des Erlebens von ungestörter Natur immer mehr schwindet, außer bei gesundheitsschädlichen oder existenzbedrohenden Auswirkungen. Aber auch sie messen bei der Auswahl ihrer Wochenendaktivitäten oder ihrer Urlaubsgebiete dem Faktor Natur nach wie vor eine hohe Bedeutung für ihr Wohlempfinden bei. Es müssen heute zwar nicht gleich „Magische Orte“ im Sinne frühgeschichtlicher Kultplätze sein, doch wir fühlen uns zu einer landschaftlichen Idealform hingezogen, die die ursprüngliche Beziehung zwischen Mensch und Natur vergegenwärtigt und erlebbar macht. Dort, wo die Natur selbst diesem Idealbild nicht mehr entspricht, wurde mit künstlichen Gestaltungsmaßnahmen nachgeholfen, wie z. B. im Bereich der Gartengestaltung und großräumig angelegten Landschaftsparks. Auch deren Attraktivität ist bis heute ungebrochen, wie die hohen Besucherzahlen bei Gartenfestivals und ähnlichen Veranstaltungen belegen.

Was zeigt die virtuelle Ausstellung?

Zu jedem Ort wurde eine mehrteilige Informationseinheit erstellt, die kostenfrei per App, bzw. im Internet unter http://www.magischeorte.eu, abgerufen werden kann. Die Stadt- und Kreisarchäologie möchte damit nicht nur auf die Ergebnisse ihrer langjährigen Forschungsarbeit verweisen, sondern zugleich gemeinsam mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt einen aktiven Beitrag zum Kulturgüterschutz leisten. Zur Kennzeichnung der Orte wird dort ab dem 11. Juli 2015 jeweils eine weiße Pyramide stehen. Sie soll symbolisch auf das virtuelle Ausstellungsprojekt verweisen. Das Projekt „Magische Orte Entdecken“ ist ein Gemeinschaftsprojekt des Archäologischen Arbeitskreises Osnabrücker Land mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, der Osnabrücker Sparkassenstiftung und der Stadt und dem Landkreis Osnabrück.

Die Magischen Orte

• Der Schölerberg in Osnabrück als epochenübergreifender archäologischer „Kultberg“

• Der Osnabrücker Dom als historisches Zentrum des Osnabrücker Landes

• Der Bereich Piesberg/ Tal im Hone mit legendären Kultstätten von der Jungsteinzeit bis zum 19. Jahrhundert

• Die Wittekindsburg bei Wallenhorst-Rulle aus der Zeit der Sachsenkriege

• Die Teufelssteine in Belm-Vehrte als markanter Ursprungsort von Sagen und Legenden

• Die Schnippenburg bei Ostercappeln- Schwagstorf als zentraler keltischer Kultort

• Der Steingräberweg in Ankum-Westerholte als ältester archäologischer Lehrpfad Niedersachsens

• Der Wacholderhain in Merzen-Plaggenschale mit seinen 111 Grabhügeln

• Die Kirchburg in Ankum als historisches Zentrum aus vorchristlicher Zeit

Ausgabe 10, 2/2015 | Autor: Bodo Zehm

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