Wo stand eines der ersten Krankenhäuser in Osnabrück? (Teil 1)

Auf dem Grundstück der Turmstraße 10-12, direkt hinter St. Marien, befindet sich heute eine Tiefparkgarage und das Haus der Kirche, eine diakonische Einrichtung der evangelischen Kirche. Die durch den Bau bedingten Eingriffe in den Boden riefen die Archäologen auf den Plan. Im Vorfeld der Erdarbeiten führte die Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück in den Jahren 2002/2003 eine umfangreiche Ausgrabung durch. Eine Vielzahl von schriftlichen und archäologischen Quellen zeigen, dass die Parzelle eine durchaus bewegte Vergangenheit hinter sich hat.

Wer erbaute das Hospital?

Bei der Ausgrabung wurden die Fundamente eines 10 x 30 m großen Gebäudes freigelegt sowie ein kleiner Friedhof, der sich im Nordosten an das Gebäude anschließt. Von einer Urkunde des Domkapitels aus dem Jahr 1250 wissen wir, dass an dieser Stelle das mittelalterliche Heilig-Geist-Hospital (hospitalis sancti spiritus) gestanden hat. Doch der rechteckige Grundriss des Gebäudes und die charakteristischen Mauervorsprünge, die auf einen gewölbten Innenausbau hinweisen, sprechen eher für einen sakralen Bau. Und tatsächlich handelt es sich hierbei ursprünglich um eine einschiffige Saalkirche, die typisch für Neugründungen von Franziskanerkonventen im frühen 13. Jahrhundert ist. Südlich der Kirche wurde die Ecke eines Gebäudes angeschnitten, das tatsächlich als Hospital gedient haben könnte. Denn in der Quelle wird von zwei Gebäuden der Franziskaner, ein Haus und eine Kirche, berichtet. Nachdem diese es verlassen hatten, wahrscheinlich in Folge eines großen Stadtbrandes um das Jahr 1250, beschloss das Domkapitel auf der Parzelle ein Hospital einzurichten. Die Franziskaner bauten ihr neues Kloster auf einer größeren Fläche an der Nordseite des Katharinenkirchhofes. Auch das Hospital blieb anschließend nicht lange in der Turmstraße und wurde 1295 vor die Tore der Stadt, am heutigen Hasetor, verlegt. Ausschlaggebend für den Umzug waren wohl Platz- und Hygienegründe, aber auch eine bessere Kontrolle der immer wieder aufkommenden Seuchenkrankheiten. Übrigens befand sich das erste Hospital von Osnabrück, das 1177 gegründete St. Vitus Hospital, ebenfalls in diesem Bereich.

Welche Funktion hatte ein mittelalterliches Hospital?

Ganz anders als ein heutiges Krankenhaus, diente das mittelalterliche Hospital (von hospes: Fremder, Gast) vor allem der Fürsorge von Armen und Schwachen sowie der Unterbringung von Pilgern und nicht der akuten Behandlung von Krankheiten.

Die Versorgung übernahmen meist Mönche und Nonnen oder der Kirche nahestehende Gemeinschaften. Dazu gehörten unter anderem die Beginen, die in einem klosterähnlichen Zusammenschluss lebten. Für Osnabrück sind mehrere Beginenhäuser, eines auch im direkten Umfeld des Heilig-Geist-Hospitals in der Turmstraße, belegt. Diese Laienorden widmeten sich, neben dem religiösen Wirken unter anderem, auch der Pflege von Kranken, Armen und Gebrechlichen.  Erst im 18. Jahrhundert vollzog sich der Wandel im Krankenhauswesen von einer stark diakonisch geprägten Versorgung hin zu einem modernen medizinischen Ansatz mit Diagnostik und Therapie. Ein solches Krankenhaus ist die 1710 gegründete Charité in Berlin. Sie ist eines der ältesten Krankenhäuser in Mitteleuropa und diente in jener Zeit vor allem als Pesthaus. Eine weitere, wichtige Funktion dieser „neuen“ Krankenhäuser war zudem die Ausbildung und Lehre von Ärzten und Pflegepersonal.

Wie wurde die parzelle anschließend genutzt?

Anhand schriftlicher Quellen können wir nachweisen, dass das Haus noch bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts im Besitz des Heilig-Geist-Hospitals blieb und verpachtet wurde. Danach ging es in den Besitz verschiedener Bürger, vorrangig Handwerker wie Schneider oder Böttcher. Die Kirche wurde 1309 durch eine Gedächtnisstiftung für die erfolgreiche Schlacht auf dem Haler Feld erstmals als Jakobskapelle erwähnt. Es lässt sich nicht zweifelsfrei klären, ob es sich dabei um die ehemalige Franziskanerkirche oder ein völlig anderes Gebäude handelt. Allerdings gibt es archäologische Indizien, die dafür sprechen, dass es sich bei dem Gebäude um den ursprünglichen Kirchenbau der Mönche handelt.

Beim großen Stadtbrand von 1613 wurde die Jakobskapelle bis auf die Grundmauern zerstört und die Parzelle erst Mitte des 18. Jahrhunderts mit einem Wohnhaus neu bebaut. 1838 kaufte der Geschäftsmann Friedrich Waldmann das Grundstück und baute für seine Sämerei mehrere Lagergebäude auf dem Gelände. Diese wurden bei den Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört, weshalb sich die Stadt entschloss, die Freifläche anschließend als Parkplatz zu nutzen.
Ob Franziskanerkloster, Hospital, Jakobskapelle oder seit 2007 das Haus der Kirche: Über einen Zeitraum von fast 800 Jahren steht die diakonische Fürsorge im Mittelpunkt dieses besonderen Ortes in Osnabrück.

Über den Autor
Marius Miche ist seit August 2013 Volontär in der Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück. Zu seinen Kernaufgaben gehört die Digitalisierung, Archivierung und Auswertung von Ausgrabungen im westlichen Bereich der Altstadt. Für weitere Informationen zu der Grabung in der Turm- und Lohstraße stehen Ausstellungsvitrinen im Eingangsbereich der Tiefparkgarage bereit.

Anschrift des Autors:
Marius Miche M.A.
Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück
Lotter Straße 2 | 49078 Osnabrück
E-Mail: miche@osnabrueck.de

Ausgabe 9, 1/2015 | Autor: Marius Miche

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