Wo wurden die Apostel des Königs von Münster gefangen gehalten?

Die Herrschaft der Wiedertäufer in Münster war eines der Aufsehen erregendsten Ereignisse des 16. Jahrhunderts. Im Februar 1534 übernahmen die christlichen Radikalreformer den Stadtrat, zerstörten alle Bücher mit Ausnahme der Bibel und führten die Gütergemeinschaft ein.

Die Täufer warteten auf das Ende der Welt, das ihr Anführer Jan Matthys für den Ostertag vorausgesagt hatte. An diesem 5. April 1534 ritt Matthys mit einigen Anhängern unbewaffnet vor die Tore der Stadt und traf hier auf die Belagerungstruppen Franz von Waldecks, des Bischofs von Münster und Osnabrück. Die Landsknechte rissen den Täufer in Stücke, doch sein Nachfolger stand schon bereit.

Welcher Täufer bot sich als Spion an?

Jan Beuckelszoon (Jan van Leiden) aus dem holländischen Städtchen Leiden stieg zum Führer der Wiedertäufer auf. Der unehelich geborene Sohn einer aus dem Münsterland stammenden Magd und eines holländischen Dorfschulzen gab der Stadt eine neue Verfassung, berief einen Rat aus Aposteln und nannte sich selbst wahlweise „König des neuen Tempels“, „König im Stuhl Davids“ oder schlicht „Johann der Gerechte“. Der prunksüchtige Revolutionär, der in jungen Jahren als Schneider und Kaufmann gearbeitet hatte, schwelgte im Luxus, propagierte die Vielweiberei und heiratete selbst 16 Frauen. Jeder Widerstand wurde im Keim erstickt. Gegner seines wahnwitzigen Machtstrebens soll Jan van Leiden auch eigenhändig enthauptet haben. Im Oktober 1534 befahl er 27 Aposteln, außerhalb der Stadtmauern für die vermeintlich gerechte Sache zu werben. Sechs Täufer zog es nach Osnabrück, wo sie umgehend festgesetzt und in den Bennoturm der Iburg gesperrt wurden. Einer starb bereits unter der Folter, die übrigen wurden auf dem Richtplatz enthauptet. Nur der frühere Schulmeister Heinrich Graes überlebte, weil er sich als Spion anbot. Der Bischof setzte ihn wieder auf freien Fuß und war von der Arbeit seines Geheimdienstmanns offenkundig begeistert. 1535 bekam Graes eine Belohnung, weil er der „ganzen Deutschen Nation“ wichtige Dienste geleistet habe. Im Juni dieses Jahres endete die Täuferherrschaft in einem Blutbad. Bei der Einnahme der Stadt durch die Truppen Franz von Waldecks starben allein 650 Mitglieder des auserwählten Volkes.

„König“ Johann, „Statthalter“ Bernd Knipperdolling und Bernd Krechting, der Bruder des flüchtigen „Reichskanzlers“ Heinrich Krechting, überlebten das Gemetzel, wurden aber gefangen genommen. Der Bischof ließ seine prominenten Häftlinge vielerorts herumführen und öffentliche Bekenntnisse ablegen. So landeten die drei unter anderem in Dülmen und auf der Sparenburg in Bielefeld. Robert Hülsemann (1868-1950), Kaufmann, Schriftsteller und Ehrenbürger von Bad Iburg, entwarf Jahrhunderte später eine düstere Szene, die auch diese Gefangenen im Bennoturm zeigte: „Krumm geschlossen kauerten sie in dem entsetzlichen Kerker, nur die Abendsonne drang durch einen Mauerspalt hoch über ihnen in das Gelaß. An Flucht war nicht zu denken, die meterhohen Mauern spotteten jeden Versuchs, einzig der Kuckucksruf vom nahen Langenberg drang schwach zu ihnen herüber, die Welt war für sie tot.“
„Diese Schilderung ist aber nachweislich falsch, die Anführer der Täufer waren nie im Bennoturm eingesperrt“, sagt Volker Paul, Vorsitzender des Vereins für Orts- und Heimatkunde Bad Iburg e.V.. Tatsächlich wurden die drei am 6. Januar 1536 verurteilt und 16 Tage später auf dem Prinzipalmarkt in Münster grausam zu Tode gefoltert. Die Käfige, in denen man die zerfetzten Leichen ihrem Schicksal überließ, hängen bis heute am Turm der Lambertikirche.

Welcher Oscar-Preisträger schlüpfte in die Rolle des Täufer-Königs?

Die Ereignisse der Jahre 1534/35 haben in der Musikgeschichte, aber auch in Büchern und Filmen zahlreiche Spuren hinterlassen. Neben dem Komponisten Giacomo Meyerbeer, der Jan van Leiden in seiner monumentalen Oper „Le prophète“ (1849) ein musikalisches Denkmal setzte, beschäftigten sich auch Schriftseller wie Friedrich Dürrenmatt („Die Wiedertäufer“, 1967) oder Robert Schneider („Kristus“, 2004) mit dem faszinierenden Thema. 1993 inszenierte Tom Toelle den zweiteiligen Fernsehfilm „König der letzten Tage“. Die Rolle des Jan van Leiden spielte der spätere Oscar-Gewinner Christoph Walz, die Rolle des Franz von Waldeck übernahm Mario Adorf.

Die Täufer

Die Wiedertäufer von Münster waren Teil einer Bewegung, die Historiker gern als „linken Flügel der Reformation“ bezeichnen. Ihr Name geht auf die Ablehnung der Kindstaufe zurück. Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaften sollen erst getauft werden, wenn sie sich bewusst für Jesus Christus entschieden haben. Im Gegensatz zu der radikalen Gruppe um Jan van Leiden setzten sich viele Täufer jedoch für ein gewaltloses Miteinander, die freiwillige Gütergemeinschaft und eine Trennung von Kirche und Staat ein. In der Reformationszeit wurden sie vielerorts verfolgt – neuere Schätzungen gehen davon aus, dass damals etwa 2.500 Täufer wegen ihres Glaubens ermordet wurden. Bis heute setzen Mennoniten, Hutterer oder Amische die Traditionen der Täufer fort.

Ausgabe 5, 4/2013 | Autor: Thorsten Stegemann

Bildnachweise

Jan van Leiden © Heinrich Aldegrever ; Krone © aalto – Fotolia.com
Der Bennoturm der Iburg © http://commons.wikimedia.org/wiki/File:BadIburgSchlossBennoturm.JPG