Wohin mit den Toten im mittelalterlichen Osnabrück?

Die Auseinandersetzung und der Umgang mit dem Thema Tod waren im Mittelalter allgegenwärtig. Der Gedanke des „memento mori“ (lat.: „Gedenke des Todes“) führte den Menschen bewusst die Vergänglichkeit der eigenen Existenz vor Augen. Der Tod galt unwiderruflich für Jedermann, egal welcher sozialen Gesellschaftsschicht der Sterbende angehörte. Die Furcht vor dem Jüngsten Gericht und der Glaube an die Wiederauferstehung waren fest im Alltag verankert.

Die Beisetzung der Toten möglichst nahe an den Kirchen, die das Zentrum eines mittelalterlichen Dorfes oder einer Stadt bildeten, war daher von hoher Bedeutung. Angesichts eines Kirchenneubaus, auch bei Klostergründungen, war es üblich, einen „Kirchhof“ anzulegen. Dort wurde allerdings nicht nur bestattet. Sie waren Versammlungsorte des öffentlichen Lebens und dienten ebenfalls als Marktplätze. Dieser Umgang war keineswegs unsensibel, da den Toten auf diese Weise ein Platz inmitten der Lebenden erhalten bleiben sollte.

Wie wandelte sich das Totenbrauchtum?

Unter dem Einfluss der einsetzenden christlichen Missionierung im 8. Jahrhundert wandelte sich das Totenbrauchtum gravierend. Waren die Gräber zuvor noch in Nord-Süd-Richtung angelegt, besaßen sie fortan eine ost-westliche Ausrichtung, mit Blick der Toten in Richtung der aufgehenden Sonne.
Sächsische Begräbnisse waren, anders als christliche Gräber, noch mit zahlreichen Beigaben ausgestattet. Schmuckstücke, Waffen und Werkzeuge lassen Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Stellung der Verstorbenen zu. Die Abkehr von diesen Sitten war ein schleichender Prozess, an althergebrachten Traditionen wurde längere Zeit festgehalten. Ein Bespiel für diese Übergangsphase ist das sächsische Gräberfeld am Schölerberg, das in die Zeit um 700 datiert ist. Neben eindeutig christlich geprägten Fundstücken wurden auch heidnische Beigaben gefunden. Dies zeigt, dass die Sachsen im Alltag noch an einigen heidnischen Glaubensvorstellungen und Riten festhielten. Typisch für die karolingisch-sächsische Zeit war das Begräbnis in ausgehöhlten Baumstammhälften. Mehr als 100 solcher Baumsargbestattungen  entdeckten Archäologen an der Nordseite des Osnabrücker Doms. Domhof und Große Domsfreiheit dienten in weiten Teilen bis in die Neuzeit hinein als Friedhof. Das Gräberfeld gehörte zur ersten Missionskirche aus den 780er Jahren. 1984/85 wurde der

Marktplatz, während seiner Sanierung, umfassend archäologisch untersucht. Neben der Entstehung und Entwicklung der Marktgebäude konnte auch dort ein Baumsargfriedhof aus der Zeit um 850 nachgewiesen werden. Ab dem 10. Jahrhundert wurden die Baumsärge durch kastenförmige Konstruktionen aus Holzbohlen oder Steinplatten ersetzt. Es entstanden sogenannte Kopfnischengräber, die ebenfalls am Osnabrücker Dom, an der Marienkirche und auch an der Johanniskirche freigelegt wurden.
Die Friedhöfe im Mittelalter waren restlos überfüllt. So kam es nicht selten vor, dass man die Toten etwas chaotisch, teils ohne Rücksicht auf ältere Gräber, beerdigte. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden die Friedhöfe an den Stadtrand verlagert, einerseits aus hygienischen Gründen, andererseits um das Problem der beengten Bestattungsverhältnisse zu lösen.

Was verraten DNA-Proben aus dem Mittelalter?

Bei christlichen Bestattungen kann neben der Sargform auch die Armhaltung der Verstorbenen für eine chronologische Einordnung wichtig sein. Im Frühmittelalter lagen die Arme noch parallel am Körper, im Hochmittelalter waren die Hände im Becken gefaltet und später auf dem Unterleib positioniert.  Mit dem Bau der „Altstadtgarage“ und dem „Haus der Kirche“ ab 2002 ergaben sich hervorragende Möglichkeiten, gut erhaltene Spuren aus der Umgebung von Markt und Marienkirche zu ergründen. Bei den Ausgrabungen stieß man auch auf einen kleinen Friedhof. Auf dem nur knapp 21 m² großen Bereich endeckten Archäologen Überreste mehrerer Gräber, von denen 46 bis 59 Individuen anthropologisch untersucht wurden. Die Anzahl ist umso erstaunlicher, bedenkt man den äußerst eng begrenzten Raum. Wann dieser Friedhof entstand und wer die Bestatteten waren, kann heute niemand genau sagen. Einzig ihr Geschlecht und ungefähres Alter lassen sich bestimmen.

Äußere Auffälligkeiten an den Knochen weisen auf Krankheiten, Verletzungen oder starke Beanspruchungen hin. Sie geben auch Auskunft über Ernährung, Gesundheitszustand und medizinische Versorgung im Mittelalter. Mittels DNA-Proben lassen sich Verwandtschaftsverhältnisse unter den geborgenen Skeletten erkennen. Durch eine Isotopenanalyse finden Anthropologen heraus, ob der Mensch ursprünglich aus unserer Region stammte oder zuwanderte. Kleinste Reste im Zahnstein geben Aufschluss über Ernährungsgewohnheiten. Lediglich diese Basisdaten machen natürlich noch keinen Menschen aus. Auf die Frage zu ihrer Persönlichkeit, wie sie arbeiteten und fühlten, darauf können die Knochen allein keine Antwort geben. Welches Leben mögen die Verstorbenen wohl geführt haben?

drunter & drüber
Spannende Präsentation

Die Ausstellung „drunter & drüber. Unter dem Parkhaus das Mittelalter“ beleuchtet erstmals die abwechslungsreiche Geschichte rund um das Grundstück hinter der Kirche St. Marien. Auf dem ehemaligen Friedhofsgelände können Besucher in die bewegte Osnabrücker Lebenswelt des 13./14. Jahrhunderts eintauchen. Die Präsentation ist ein gemeinsames Projekt der Stadt- und Kreisarchäologie, des Historischen Seminars der Universität Osnabrück und der Stiftung St. Marien – mit freundlicher Unterstützung durch die Kirchengemeinde St. Marien.

19. Juni – 23. Oktober 2016, Kirche St. Marien /  Osnabrück
www.marien-osnabrueck.de

Ausgabe 14, 2/2016 | Autor: Judith Franzen

Bildnachweise

Bilder © Stadt- und Kreisarchäologie Osnabrück / Schädel © fakegraphic / Ausgrabung mit Pinsel © lufeethebear, fotolia.de