Was fließt unter Osnabrück?

Aus den Augen, aus dem Sinn: Wenn das Wasser im Abfluss versinkt, ist der Fall für uns erledigt. Dabei fängt er gerade erst an. Tag für Tag müssen in Osnabrück rund 50.000 Kubikmeter Abwasser abgeleitet und nach strengen rechtlichen Vorgaben gereinigt werden. In dieser Ausgabe folgen wir seinen
verschlungenen Wegen.

Woher kommt das Wasser?

Unsere Stadt benötigt jeden Tag rund 30.000 Kubikmeter Trinkwasser, das aus dem mineralienreichen Grundwasser des Osnabrücker Landes gewonnen und in Wasserwerken aufbereitet wird. Die drei großen Hochbehälter auf dem Schölerberg, dem Piesberg und dem Schinkelberg speichern das kühle Nass, ehe es in die einzelnen Versorgungsgebiete fließt. Hier benutzen wir es zum Waschen, Kochen, Duschen, Blumengießen und nicht zuletzt für die Toilettenspülung. Anschließend rauscht es durch Abflüsse davon, um vielleicht irgendwann zu uns zurückzukehren. „Jeder von uns sollte sich darüber im Klaren sein, dass wir das Wasser nicht verbrauchen – wir benutzen es“, sagt Sarah Panteleit, Umweltingenieurin bei den Stadtwerken Osnabrück. Umso wichtiger sei es, die Leihgabe der Natur in gutem Zustand zurückzugeben. Leider stößt dieser Rat bei einigen Bürgern auf taube Ohren: Hygieneartikel, Zigarettenkippen, Speisereste oder Textilien werden hin und wieder unbedacht in der Toilette entsorgt. Die damit verbundene Verschmutzung der Abwasserkanäle und Pumpwerke sowie die Mehrbelastung der Kläranlagen oder bloß der Anstieg der Rattenpopulation ist bei den Bürgern meist nicht bekannt.

Wo geht es zum Klärwerk?

Unter unseren Füßen erstreckt sich ein 1.100 Kilometer langes Kanalsystem mit mehr als 450 Pumpstationen. Manche Rohre befinden sich schon 1,50 Meter unter der Erdoberfläche, Osnabrücks tiefster Kanal unter der Buerschen Straße wurde in 10 Metern Tiefe verlegt. Die Unterwelt ist streng geteilt, denn Schmutz- und Regenwasser fließen zu 99 Prozent getrennte Wege. Das Regenwasser, das nicht zu stark verunreinigt ist, kommt in die Regenklär- und Regenrückhaltebecken und wird dann in die Hase oder Düte geleitet.
Das Schmutzwasser muss den Weg zu den Klärwerken Hellern oder Eversburg nehmen. Zum Teil gelangt es im freien Gefälle über die Schmutzwasserkanäle. Oft muss das Wasser weitergepumpt werden. Die wichtigste „Abwasser-Autobahn“ im Stadtzentrum verläuft unter der Pagenstecherstraße. Der größte Abwasserkanal Osnabrücks ist sieben Meter breit und zwei Meter hoch. Dort würde theoretisch ein PKW fahren können.

Wie oft müssen Kanäle erneuert werden?

Regenwasser wird durch Kanäle aus Beton oder Mauerstein befördert, das Schmutzwasser fließt durch Rohre aus lasiertem Steinzeug oder Kunststoff. In einem Rhythmus von zehn Jahren wird das gesamte unterirdische Wegenetz routinemäßig untersucht – durch eine Begehung vor Ort oder mit speziellen Kamerafahrzeugen. Denn nicht alle sind so langlebig wie die Kanäle unter dem Hasetor, die derzeit komplett erneuert werden müssen. Sie stammen noch aus dem Jahr 1882 und zeigen erst nach rund 130 Jahren eine Scherbenbildung, die ihre Auswechslung zwingend notwendig macht. Unter besonderen Umständen müssen die Rohre auch häufiger kontrolliert werden. Wenn sie beispielsweise unter Bahngleisen verlaufen, findet die Inspektion alle zwei Jahre statt. Reparaturarbeiten werden in Osnabrück zustandsorientiert durchgeführt, d.h.: Baustellen gibt es erst, wenn irreparable Schäden eingetreten oder absehbar sind.

 Wer macht Osnabrücks Unterwelt sauber?

Schmutz- und Regenwasserkanäle müssen regelmäßig von speziellen Spülwagen gereinigt werden, um Verstopfungen und Geruchsbelästigungen zu verhindern. Um die Abwasserkanäle kümmern sich sogenannte „Wasserrückgewinner“, die Verunreinigungen und Ablagerungen im Kanal mit dem Spülschlauch lösen und das Spülwasser zum Fahrzeug zurückziehen. Dort wird der Schmutz vom Wasser getrennt und kann wieder zum Spülen benutzt werden.

Wie gefährlich sind Kanäle?

Nur die geschulten Mitarbeiter der Stadtwerke dürfen das Kanalsystem betreten. Dafür gibt es gute Gründe, denn in den Rohren und Gängen entwickeln sich mitunter giftige und explosive Gase und andere gesundheitsschädliche Dämpfe und Aerosole (giftiger Sprühnebel aus CO2-Kohlendioxod, CO-Kohlenmonoxid, H2S-Schwefelwasserstoff, CH4-Methan, gesundheitsschädlichen Erregern und Bakterien, Rattenkot …). Die Gase können sich an der Decke oder am Boden der Kanäle sammeln und die Sauerstoffversorgung massiv einschränken. „Giftige Dämpfe sieht man nicht und einige davon riecht man nicht. Deshalb steige ich erst in einen Kanal, wenn mein Gaswarngerät grünes Licht gibt. Außerdem sind wir bei einer Inspektion immer mindestens zu zweit im Kanal unterwegs“, erklärt Sven Kreutzmann, der bei den Stadtwerken Osnabrück für die Kanaldokumentation und – instandhaltung zuständig ist. Darüber hinaus tummeln sich in der Kanalisation verschiedene Krankheitserreger. So besteht beispielsweise auch die Gefahr einer Ansteckung mit Hepatitis A oder Hepatitis B. Eine entsprechende Vorsorgeimpfung wird allen Mitarbeitern im Abwasserbereich angeboten.

Wozu dienen Rückhalte- und Klärbecken?

Wenn man den Inhalt der mehr als 100 Regenrückhalte- und Regenklärbecken in die Ausbuchtung des Osnabrücker Hafens gießen wollte, könnte sie gleich zweimal gefüllt werden. Die Anlagen dienen sowohl der Wasserspeicherung als auch dem Schutz vor Überflutungen bei starken Niederschlägen. Außerdem entschlammen sie das Regenwasser und garantieren seine gleichmäßige Verteilung auf Hase und Düte. Viele Becken sind darüber hinaus auch beliebte Naherholungsgebiete. Dieser erfreuliche Umstand ändert allerdings nichts daran, dass es sich um technische Anlagen handelt, die alle 5 bis 15 Jahre gereinigt werden müssen. Dann wird der Fischbestand mit Hilfe einer Elektrobefischung eingefangen und umgesiedelt, das Wasser abgepumpt und der Bodenschlamm mit Baggern entfernt. Die unterirdischen Regenklärbecken reinigen verschmutztes Regenwasser aus Gewerbe- oder Industriegebieten. Anschließend fließt es ebenfalls in die Hase oder Düte.

Seit wann klärt Osnabrück?

In früheren Jahrhunderten floss das Abwasser ungefiltert in die Hase. Osnabrück verfügte zwar bereits im Mittelalter über ein weitverzweigtes Kanalisationssystem, das wir in der kommenden Ausgabe in einem ausführlichen Beitrag der Stadt- und Kreisarchäologie vorstellen werden. Die moderne Abwasserentsorgung ist allerdings eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. 1876 begann man am Schlosswall und am Heger-Tor-Wall mit dem Bau der Kanalisation.

Die Hase war immer noch das Hauptklärwerk der Stadt, doch ihre Selbstreinigungskraft ließ im Zuge der Industrialisierung und durch die steigende Einwohnerzahl deutlich nach. 1912 wurde deshalb in Eversburg eine Siebtrommelanlage errichtet, die groben Schmutz aus dem Abwasser filterte und den Grundstein für das 1935 modernisierte Klärwerk legte. Sein Pendant in Hellern ist seit den 1960er Jahren in Betrieb. Beide Anlagen wurden in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach auf den neuesten Stand der Technik gebracht. Heute arbeiteten sie beispielsweise mit biologischen Reinigungsstufen, die auch die Nitrifikation, Denitrifikation und eine biologische Phosphat-Elimination beinhalten. Dabei werden Stickstoffverbindungen und Phosphate mit Hilfe von Mikroorganismen vom Abwasser getrennt.

Wie viele Gully- & Kanaldeckel
gibt’s in Osnabrück?

Die sichtbarste Verbindung zwischen Ober- und Unterwelt sind die rund 25.000 Gully-Deckel, durch die das Regenwasser in die Kanalisation strömt. Die etwa 30.000 runden Kanaldeckel dienen dagegen zur Belüftung und als Reinigungsöffnungen. Sie verbinden immer gerade Kanalstücke, müssen in Kurven also enger verlegt werden. Im Durchschnitt trennen einen Kanaldeckel gut 50 Meter von seinem Nachbarn.

Wer kümmert sich um das Abwassersystem?
Die Stadtwerke Osnabrück beschäftigen im Bereich Abwasser rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter etwa 20 Auszubildende. Hier arbeiten Schlosser, Elektriker, Entsorger, Bauingenieure, Maurer, Kanalreiniger oder Kanalinspekteure. Außerdem bilden die Stadtwerke seit einigen Jahren Industrieelektriker, Industrieschlosser sowie Fachkräfte für Abwassertechnik aus. Die Betriebsführungskosten für diesen Bereich belaufen sich auf rund 19 Millionen Euro im Jahr.

Ausgabe 11, 3/2015 | Autor: Thorsten Stegemann

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