Was glauben Osnabrücker?

2017 feiert die Reformation um Martin Luther ihren 500. Geburtstag. Grund genug, auch in Osnabrück einmal nachzuforschen, welche Bedeutung Religion trotz steigender Kirchenaustritte, zunehmender Radikalisierung religiös motivierter Gruppierungen und diverser Skandale heute hat.

Wo kann man Religion „sehen“?

Es fällt nicht schwer, Religion bzw. Gebäude unterschiedlicher Religionsgemeinschaften in der Stadt wahrzunehmen. Beim Spaziergang durch die Innenstadt wird man sofort auf den Dom und den Bischofssitz des Bistums Osnabrück, die evangelischen Kirchen St. Marien oder St. Katharinen stoßen. An die alte jüdische Synagoge, die am 9. November während des Novemberpogroms in Brand gesetzt wurde, erinnert heute noch ein Mahnmal und der Straßenname im Katharinenviertel. Die neue Synagoge wurde 1969 in der Weststadt eingeweiht. Seit 2001 prägt auch eine Moschee mit zwei Minaretten und einem typischen Kuppeldach in der Atterstraße das Stadtbild.
Weitere Moscheen, aber auch kleinere evangelische Freikirchen, befinden sich über die ganze Stadt verteilt in umgenutzten Wohnhäusern oder Ladenlokalen. Das buddhistische Zentrum liegt in der Gutenbergstraße am Westerberg, die Serbisch Orthodoxe Kirche findet man in der Wersener Straße. Bei einem Blick auf die Städte und Dörfer im Osnabrücker Land(kreis) entdeckt man vor allem katholische und evangelische Kirchen. Doch vereinzelt findet man auch dort Moscheen, wie etwa in Bad Essen.

Wer ist wo Mitglied?

Rund zwei Drittel der Osnabrücker Bevölkerung sind Mitglied in der evangelischen (lutherisch und reformiert) oder katholischen Kirche. Die Zahlen sind sowohl auf evangelischer als auch auf katholischer Seite seit Jahren rückläufig. Mitglieder in diesen Kirchen lassen sich genau erfassen, da die Registrierung immer noch über das Standesamt läuft.
Anders sieht das beim letzten Drittel der Bevölkerung aus. Hierzu gehören Mitglieder aus anderen Religionsgemeinschaften, wie dem Islam oder der jüdischen Gemeinde, von denen keine offiziellen Zahlen vorliegen. Die Mitgliederzahlen der zahlreichen evangelischen Freikirchen lassen sich nur annäherungsweise bestimmen. Laut eigener Auskunft besuchen rund 1.500 – 2.000 EinwohnerInnen die Gottesdienste der Freikirchen und nehmen am Gemeindeleben teil. Damit gehören 55.000 bis 60.000 EinwohnerInnen zu keiner Religionsgemeinschaft. Für sie spielt Religion damit entweder keine Rolle oder nur in institutionsloser Form.

Wie beeinflusste der „Westfälische Frieden“ das religiöse Miteinander?

Der Dreißigjährige Krieg (1618-48) war nicht zuletzt ein Glaubenskrieg. Dass der Westfälische Frieden und damit das Ende des Krieges 1648 in Münster und Osnabrück beschlossen wurde, wirkt sich bis heute auf das religiöse Miteinander aus. Katholische und evangelische Kirche setzten seinerzeit ein folgenreiches Zeichen des Friedens: Nach dem Tode Franz Wilhelm von Wartenbergs im Jahr 1661 trat die „immerwährende Kapitulation“ in Kraft , nach der abwechselnd ein katholischer und ein evangelischer Bischof zum Fürstbischof gewählt und die Geschicke der Stadt lenken sollte.
Reinhold Mokrosch, emeritierter Religionspädagoge an der Universität Osnabrück und Sprecher des Runden Tisches der Religionen, hält fest: „Die Geschichte unserer Stadt prägt das Miteinander der christlichen Konfessionen, aber auch der Religionen insgesamt – bis heute.“ Günter Baum, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Osnabrück, sieht umgekehrt auch einen bedeutenden Einfluss der Religionsgemeinschaften auf das Selbstverständnis unserer Stadt: „Viele Menschen empfinden aus ihrem Glauben heraus – egal, ob sie Christen, Juden oder Muslime sind – eine Verpflichtung, aktiv für die Friedenskultur in Osnabrück einzutreten.“

Wann wurde im Namen der Religion gemordet?

Aber auch die Geschichte der Friedensstadt ist nicht frei von Hass, Gewalt und Todesstrafen aufgrund religiöser Überzeugungen. Bis in die 30er Jahre des 17. Jahrhunderts wurden in Osnabrück etwa 250 Frauen und Männer hingerichtet, weil sie als Hexen oder Zauberer einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben sollten. Man warf ihnen vor, die Ernte zerstört oder Nachbarn mit Krankheiten infiziert zu haben. Auch wenn die Todesstrafen durch Ertränken, Verbrennen oder Erhängen nicht von der Kirche, sondern durch die Autorität des Bürgermeisters vollstreckt wurden, wirken die religiösen Motive aus heutiger Sicht absurd.

Was bedeutet eigentlich „religiös“?

Reinhold Mokrosch nennt gegenüber „Osnabrücker Wissen“ drei Kriterien für Religiosität.
1.) Religiöse Menschen beten. Jede Religion habe unterschiedliche Formen von Gebet, die die Kommunikation mit Gott ausdrückten. „Wer glaubt, der betet“, so Mokrosch.
2.) Religiöse Menschen nehmen an Veranstaltungen der jeweiligen Religion teil. So gehe ein Christ in den Gottesdienst, ein Muslim in die Moschee und ein Jude in die Synagoge. Auch wenn sich die jeweiligen Formen und Arten der Veranstaltungen unterscheiden, vereint die Religionen, dass man sich versammelt und begegnet, um miteinander den Glauben an Gott zu leben und zu teilen.
3.) Religiöse Menschen haben ein Grundwissen über ihre Heilige Schrift . Christen lesen die Bibel, Muslime den Koran und Juden die Torah, aus denen sich die Grundüberzeugungen der Religionen speisen. Nach Mokroschs Einschätzung trifft diese Definition auf 10 – 15 Prozent der OsnabrückerInnen zu.

Welche Formen von Religion gibt es noch?

Diese Definition von Religiosität bezieht sich in erster Linie auf drei der fünf großen Weltreligionen. Doch ein Blick auf die religiösen und spirituellen Angebote in der Stadt zeigt, dass hier eine größere Vielfalt herrscht. Cornelius Hennings, Autor des Buches „Qi Gong für Dummies“ und Qi Gong-Lehrer aus Osnabrück, sieht eine wachsende spirituelle Suche bei Menschen, die hier leben: „Die Leute, die zu mir kommen, suchen aber keine Religion oder ein Glaubenssystem, sondern einfach nach sich selbst.“ Er führt dies auf ein größeres Bedürfnis nach Entspannung, innerem Gleichgewicht und auch Wellness zurück. „Leute kommen zu mir, um sich selbst zu finden. Das ist ein Phänomen der Zeit, das darauf hindeutet, dass es uns als Gesellschaft eigentlich sehr gut geht“, so Hennings. Eine Gemeinsamkeit zu anderen religiösen Gruppen sieht er in der Suche nach spiritueller Erfahrung in der Gemeinschaft und dem gemeinsamen Austausch.

Wie wird der Dialog geführt?

Wenn unterschiedliche Religionen und Kulturen miteinander leben, sind Dialog und Begegnung zentral. Das geschieht in Osnabrück auf unterschiedlichen Plattformen. Am „Runden Tisch der Religionen“ treffen sich Vertreter des Christentums, des Judentum und des Islams, um sich besser kennenzulernen, sich über ethische und seelsorgerliche Fragen auszutauschen und sich über konkrete Herausforderungen in Osnabrück zu beraten. In der „Arbeitsgemeinschaft der Religionen“ tauscht man sich über grundsätzliche theologische Fragen aus und gestaltet multireligiöse Gebete. Auch auf privater Ebene wird der Dialog geführt. So treffen sich einmal im Monat Interessierte beim „Dialog der Kulturen – Dialog der Religionen“ zum Austausch in der Lagerhalle. Imam Sami Sipahi von der DiTiB-Moschee berichtet gegenüber „Osnabrücker Wissen“, dass das Miteinander unter den meisten islamischen Religionsgemeinschaften sehr positiv ist. Der Dialog wird hauptsächlich im persönlichen Austausch geführt. „So gut organisiert wie die Kirchen, sind wir leider noch nicht“ so Sipahi. Mokrosch bewertet das Verhältnis der Religionen in Osnabrück positiv, es sei „stabiler als in Deutschland insgesamt“.

Wie dienen Religionen den Osnabrückern?

Ein katholisches Krankenhaus, eine jüdische Kindertagesstätte und ein Flüchtlingshaus der Diakonie – Osnabrück und das Osnabrücker Land profitieren von den sozialen Einrichtungen der Religionsgemeinschaften. „Viele soziale Aktivitäten, die professionelle Strukturen brauchen – wie Flüchtlingsarbeit, Kindertagesstätten, Drogenhilfe, Nichtsesshaften-Arbeit und vieles mehr -, sind an die Kirchen delegiert worden“, so Günter Baum. Er wünscht sich, dass die jüdische und islamische Gemeinde noch stärker mit einbezogen würden. Neben den sozialen Institutionen gibt es auch immer wieder kleinere Aktionen von Kirchengemeinden oder anderen Religionsgemeinschaften, um den Menschen in Osnabrück zu dienen. So öffnet das Christus-Zentrum in der Anna-Gastvogel-Straße seit 15 Jahren wöchentlich die Türen ihrer „Fundgrube“, in der Not leidende Menschen schnell und unbürokratisch z.B. Kleidung erhalten können. Die Basharat-Moschee in der Atterstraße hat am 1. Januar 2016 der Stadt mit einer Putzaktion geholfen, bei der Raketenreste und leere Flaschen aus der Silvesternacht beseitigt wurden. Die Reihe der Beispiele ließe sich lange fortsetzen ..

Welche Rolle spielt Religion für Geflüchtete?

Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, haben oft nicht mehr dabei als die Kleidung, die sie am Körper tragen. „Seinen Glauben lässt man jedoch nicht zurück“, so Reinhold Mokrosch. Osnabrücker Religionsgemeinschaften sehen es daher als ihre Aufgabe, den Menschen auch in religiöser Hinsicht Heimat zu geben. „Alle Religionsgemeinschaften kümmern sich um Flüchtlinge. Sie nehmen am Gottesdienst teil und werden auch sozial betreut. In der jüdischen Gemeinde waren das vor einigen Jahren vor allem die russischen Juden, bei den Muslimen geht es in erster Linie um orientalische und afrikanische Migranten, die Christen kümmern sich um orientalische, west- und nordafrikanische Flüchtlinge“, so Günter Baum. Besonders während des Ramadans waren die Moscheen Anlaufstelle für viele Geflüchtete. „Viele kamen schon tagsüber zu uns, hatten Gemeinschaft mit uns und abends hat unsere Gemeinde für die Flüchtlinge gekocht“, erinnert sich Sipah. Innerhalb der Arbeitsgemeinschaft der Christlichen Kirchen in Osnabrück wurde in den evangelischen und katholischen Kirchen für Projekte zur Flüchtlingshilfe in kleineren Gemeinden gesammelt, die nicht so finanzstark sind. Auf diese Weise kann schnell und unbürokratisch Geld für Engagement in der Flüchtlingshilfe zur Verfügung gestellt werden.

Was lesen Gläubige?

Gemeinsam veranstalten der Landschaftsverband Osnabrücker Land, der Heimatbund Osnabrücker Land, der Kreisheimatbund Bersenbrück und der Landkreis Osnabrück am 29. Oktober zwischen 10.00 und 15.00 Uhr die 16. regionale Bücherbörse mit dem Schwerpunktthema „Glauben wagen – Vielfalt leben“. Im Kreishaus-Restaurant in Nahne werden an diesem Tag unterschiedliche Religionsgemeinschaften Lesestoff mitbringen, in denen die Leserinnen und Leser beim Schmökern mehr über die jeweilige Religion und deren Glauben erfahren können.

Was also glauben Osnabrücker?

Befragt man jeden Bürger der Stadt, erhält man vermutlich so viele Antworten wie es Einwohner gibt. Der Blick auf die Geschichte der Stadt, ihre religiösen Angebote und sozialen Aktivitäten zeigt allerdings, dass Religion und Glaube immer noch präsent sind. Die evangelische und katholische Kirche verzeichnen in Osnabrück (aber auch in Deutschland) insgesamt seit Jahren sinkende Mitgliederzahlen. Gleichzeitig wächst die Zahl an spirituellen Angeboten, die fernab der traditionellen Kirchen liegen. Auch sind in den vergangenen Jahren in Osnabrück neue Freikirchen – sehr unterschiedlicher Couleur – entstanden. Für die Zukunft von Kirchen und Religionsgemeinschaften wird entscheidend sein, ob und wie es ihnen gelingt, ihre Botschaft zeitgemäß und menschennah zu kommunizieren und ihren Worten Taten folgen lassen. So dürfen wir beispielsweise durchaus gespannt sein, was uns zum 500. Geburtstag der Reformation im nächsten Jahr erwartet. Erste Highlights aus dem Programm-Auftakt in der Region Osnabrück erfahren Sie bereits auf der nächsten Seite.

Ausgabe 15, 3/2016 | Autor: Tom Herter