Was macht Osnabrück zur Friedensstadt?

Im 20. Jahrhundert warben Reklamemarken für die „Stadt des Großhandels“, Poststempel trugen den forschen Slogan weit über die Region hinaus. 1998 vollzog Osnabrück einen grundlegenden Imagewandel. Mit Erfolg, doch eine Friedensstadt muss ihrem Ruf immer neu gerecht werden.

Wie entwickelte sich eine Friedenskultur?

1648 wurde in Münster und Osnabrück der Dreißigjährige Krieg beendet, der Millionen Tote gefordert und weite Landstriche Europas verwüstet hatte. Die Verhandlungen der verfeindeten Parteien und die abschließenden Friedensverträge schrieben Weltgeschichte: Vom Erfahrungsschatz des 17. Jahrhunderts profitierten auch spätere politische Debatten, internationale Konferenzen und Konfliktlösungsstrategien. Zu den wichtigsten Vereinbarungen gehörte die „Immerwährende Kapitulation“: Die Landesherrschaft sollte in Zukunft abwechselnd von einem katholischen und einem lutherischen Bischof ausgeübt werden. Gleichzeitig wurde der nicht-regierenden Konfession die freie Religionsausübung zugesichert. 350 Jahre nach der historischen Einigung feierten die Nachbarstädte den „Westfälischen Frieden“ mit Bürgern und Besuchern, prominenten Gästen, Staatspräsidenten und gekrönten Häuptern. 1998 gilt denn auch als Geburtsjahr der „Friedensstadt“, obwohl sich manche Osnabrücker schon früher für diese Idee einsetzten – nach dem Zweiten Weltkrieg etwa und dann unter dem Einfluss der Friedensbewegung, die in den 80er Jahren zahlreiche Sympathisanten fand. 1992 verabschiedete der Rat eine erste Leitlinie zur Förderung der Friedenskultur, neun Jahre später folgten das „Handlungskonzept zur Förderung der Friedenskultur in Osnabrück“ und die Gründung des Friedensbüros. Im April 2015 würdigte die Europäische Kommission die historischen Ereignisse und das fortlaufende Engagement der beiden Schauplätze. Sie verlieh den Rathäusern in Osnabrück und Münster das Europäische Kulturerbe-Siegel als „Stätten des Westfälischen Friedens“.

Wer engagierte sich gegen Krieg und Gewalt?

Ein Maler, der die Schrecken des Holocaust in erschütternden Bildern festhielt und 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Einer der meistgelesenen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der mit seinem Anti-Kriegs-Roman „Im Westen nichts Neues“ weltweit für Aufsehen sorgte. Und ein Rechtsanwalt, der im Reichskommissariat für die Niederlande mit gefälschten Abstammungsnachweisen jonglierte, um Tausende Juden vor den Vernichtungslagern der Nazis zu retten. Die drei gebürtigen Osnabrücker Felix Nussbaum (1904-44), Erich Maria Remarque (1898-1970) und Hans Calmeyer (1903-72) widersetzten sich dem Terror des Dritten Reiches mit ihrem Engagement für Frieden, Humanität und Völkerverständigung. Ihre Geburtsstadt brauchte allerdings einige Zeit, um die künstlerischen Leistungen, das hohe Maß an Zivilcourage oder den großen persönlichen Einsatz angemessen zu würdigen. Remarque wurde erst 1964 mit der Möser-Medaille ausgezeichnet. Bis zur Einrichtung des nach ihm benannten Friedenszentrums und der Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises dauerte es ein weiteres Vierteljahrhundert. Die erste Ausstellung mit Bildern von Felix Nussbaum fand 1971 statt, das von Daniel Libeskind erbaute Museum wurde 1998 eröffnet. Hans Calmeyer war bereits 23 Jahre tot, als sich seine Stadt an ihn erinnerte. 1995 wurde er posthum mit der Möser-Medaille geehrt.

Wodurch wird eine Idee lebendig?

Heute arbeiten mehr als 150 Institutionen, Vereine und Initiativen, aber auch zahlreiche Einzelpersonen an einer lebendigen Friedenskultur. Veranstaltungen wie die Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Friedenspreises, das Afrika Festival, die „Wochen der Kulturen – inter.kult“, die Osnabrücker Friedensgespräche oder der Friedenstag finden überregional Beachtung. Das Erich Maria Remarque-Friedenszentrum hat sich zu einem bekannten Ausstellungsort mit bedeutsamen Forschungsschwerpunkten entwickelt und das Felix-Nussbaum-Haus oder das Morgenland Festival sorgen weit jenseits der Stadt- und Landesgrenzen für große Aufmerksamkeit.
Zur Friedensstadt gehören aber auch themenspezifische Kunstwerke und Ausstellungen, wissenschaftliche Tagungen, Projekte der Hochschulen oder der Deutschen Stiftung Friedensforschung, Gedenkstätten, 274 „Stolpersteine“ als Teile einer vielfältigen Erinnerungskultur, der bundesweit einmalige Austausch von jungen Botschaftern mit den Partnerstädten, touristische Besonderheiten wie das Kulturreiseprogramm „Frieden verbindet“ zwischen Münster und Osnabrück und  selbstverständlich das legendäre Steckenpferdreiten, bei dem Viertklässler der Grund- und Förderschulen mit selbstgebastelten Pferden und Hüten alljährlich an den „Westfälischen Frieden“ erinnern. „Osnabrück beschäftigt sich mit dem Thema in vielen unterschiedlichen Facetten, zu denen neben den gesellschaftspolitischen und kulturellen auch soziale oder ökologische gehören“, sagt Katharina Opladen, die das Friedensbüro seit 2009 leitet. Hier werden die Akteure und Veranstaltungen koordiniert. Außerdem berät das Büro über Fördermöglichkeiten oder stellt den Entscheidungsträgern in Verwaltung und Politik aktuelle Ideen und Projekte vor. „Auch im Rathaus weiß man natürlich, dass der Anspruch einer ´Friedensstadt´ mit Leben erfüllt werden muss. Das ist unter dem Druck der Haushaltskonsolidierung nicht ganz einfach“, sagt Opladens Kollegin Christine Grewe. „Trotzdem finden die vielen engagierten Bürgerinnen und Bürger in Osnabrück vergleichsweise gute Bedingungen vor.“

Aber hat die Arbeit auch den gewünschten Erfolg? „Das lässt sich natürlich kaum messen“, gibt Opladen zu. „Aber der Umstand, dass wir hier keine Probleme mit Pegida, keine nennenswerten Aktivitäten von Rechtsextremen und eine sehr gute Gesprächskultur der Religionsgemeinschaften haben, sind Indizien dafür, dass Osnabrück der richtige Ort ist, um die Idee einer Friedensstadt umzusetzen.“ Das gleichnamige Büro, das sich im 2. Stock des Dreikronenhauses in der Marienstraße befindet, ist dagegen nicht unbedingt am richtigen Ort: „Ich würde mir eine Anlaufstelle wünschen, die für Bürger und Besucher deutlich sichtbarer ist“, so Opladen. Ein großes gemeinsames Bauwerk für alle friedenskulturellen Aktivitäten in Osnabrück brauche es dafür aber nicht, meint Grewe. „Die dezentrale Ausrichtung hat auch ihre Stärken, weil sie die ganze Region mit ihren Menschen und unverwechselbaren Orten in die Friedens- und Erinnerungskultur einbezieht.“

Wer bringt ein Menschheitsthema auf die Bühne?

Dr. Ralf Waldschmidt machte schon bei seinem Amtsantritt vor fünf Jahren deutlich, dass Krieg und Frieden eine zentrale Rolle während seiner Intendanz am Theater Osnabrück spielen werden. Seitdem beschäftigen sich alle Sparten – Oper, Schauspiel, aber auch Tanz- sowie Kinder- und Jugendtheater – immer wieder und auf vielfältige Weise mit diesem Thema. In der laufenden Saison begegnen wir ihm unter anderem in Friedrich Schillers Klassiker „Don Carlos“, der mehrteiligen Tanzproduktion „Biografia del Corpo“ (beide derzeit im Spielplan) oder Benjamin Brittens Oper „Owen Wingrave“ (Premiere am 16.01.2016). Darüber hinaus engagiert sich das Theater durch Podiumsdiskussionen, Projekte mit Flüchtlingen oder die innovative Veranstaltungsreihe „Friedenslabor“. Auch das Orchester ist als „Botschafter“ unterwegs – im Rahmen der Konzerte in der Region, aber auch bei seinen viel beachteten Auftritten in Russland und der Ukraine. „Krieg und Frieden ist ein existenzielles Thema, das die Menschheit seit Jahrtausenden begleitet oder verfolgt. Unser Theater soll ein lebendiger Ort der Bewusstseinsentwicklung und Diskussion sein“, sagt Waldschmidt im Gespräch mit „Osnabrücker Wissen“. Der Intendant sieht hier auch eine „unglaubliche Chance“ für Osnabrück. „Es geht ja nicht um irgendein Label. Die Stadt kann eine gesellschaftliche und politische Entwicklung nachhaltig prägen, wenn sie sich glaubhaft als Friedensstadt positioniert.“ Um dieses Ziel zu erreichen, fehlt es nach Waldschmidts Einschätzung nicht am Engagement der zahlreichen zivilgesellschaftlichen Akteure. Wohl aber an einem zentralen, identitätsstiftenden Ort, der die Friedenskultur sichtbar und erlebbar macht. Das könnte ein Zentrum nach dem Modell des Deutschen Auswandererhauses in Bremerhaven sein. Es bestehe allerdings auch die Gefahr, dass Osnabrück auf absehbare Zeit nicht zu einer überzeugenden Lösung komme. „Kürzungen im Kulturetat sind natürlich ein katastrophales Signal. Denn gerade aus diesem Bereich kommen wesentliche Impulse für die Friedensstadt Osnabrück“, so Waldschmidt.

Was bedeutet die Friedensstadt für Wirtschaft und Tourismus?

Durch die Migration von flüchtenden Menschen ist das Thema Frieden „aktueller denn je“, meint Sonja Ende, Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderung Osnabrück GmbH (WFO). „Die Osnabrücker zeigen hier ganz aktiv, dass das Label ´Friedensstadt´ nicht nur eine historische Begebenheit aus dem Jahre 1648 beschreibt sondern aktiv gelebt wird und heute genauso relevant ist wie vor über 350 Jahren!“ So sieht es auch die Geschäftsführerin der Osnabrück-Marketing und Tourismus GmbH (OMT). Petra Rosenbach glaubt, dass Stadt und Bürger „ein enormes Potenzial“ für das Thema Frieden mitbringen und damit sehr bewusst umgehen. Trotzdem könne eine Bündelung der Kräfte zu einer noch höheren Wahrnehmung führen. „Für eine echte Marke würde ich mir ein stärkeres Miteinander wünschen. Viele Aktivitäten, zum Beispiel unsere tollen Festivals, stehen für Toleranz und Europa, werden aber noch nicht deutlich genug mit dem Thema Friedensstadt in Verbindung gebracht“, so Rosenbach. Insofern sei es überhaupt nicht ehrenrührig, die Friedensstadt noch besser zu vermarkten. Schließlich gehe es darum, Menschen für ein wichtiges Thema zu begeistern und ihnen die Möglichkeit zu geben, es in Osnabrück unmittelbar zu erleben. Die OMT arbeitet mit dem Fachbereich Kultur an verschiedenen Projekten, um dieses Ziel zu erreichen. So ist ein Friedenspfad in Planung, der Besucher, begleitet von Informationen auf mobilen Endgeräten, ganz individuell zu den wichtigen Punkten der Stadt führt. Die Friedensstadt bietet also reichlich Potenzial für touristische Initiativen, aber auch die Wirtschaft könne mit dieser Marke gut arbeiten, meint Sonja Ende. „Wenn wir Osnabrücks Profil weiter schärfen, kommt das den Unternehmen ebenfalls zugute!“ Deshalb wünscht sich die Geschäftsführerin der WFO von manchen Firmen noch etwas mehr Engagement in dieser Sache: „Ungefähr 90 Prozent der Osnabrücker Unternehmen sind familiengeführt oder im Familienbesitz. Ich kenne sehr viele Vorstandsbüros, in denen Bilder oder Darstellungen Osnabrücker Szenen an der Wand hängen. Wir Osnabrücker mögen unsere Heimatstadt wegen seiner Geschichte, seiner Werte und seiner gelebten Friedenskultur. Von daher kann ich mir gut vorstellen, dass sich in Zukunft noch viel mehr Unternehmen zur Marke ´Friedensstadt´ bekennen.“

Wer zahlt mit Thalern für den Frieden?

Dass sich eine lebendige Friedenskultur, zivilgesellschaftliches Engagement und wirtschaftliche Interessen zum gegenseitigen Vorteil verbinden lassen, glaubt auch ein Verein, der in den Zeiten der Wirtschafts- und Finanzkrise entstand. Die Idee: Bürgerinnen und Bürger, lokale Betriebe, der örtliche Handel und das Handwerk profitieren von einer eigenen „Währung“ für die Osnabrücker Region. Und das könnte so funktionieren: Die beteiligten Unternehmen vereinbaren mit dem Verein friedensthaler e.V. zunächst einen zu emittierenden Betrag. Damit verpflichten sie sich zur Erbringung von Leistungen, die als Sicherheit und Deckung des friedensthalers dienen. Die „Währung“ wird dann in Wertgutscheinen und als elektronisches „Geld“ durch die Unternehmen selbst in Umlauf gebracht. So entsteht zinslose Liquidität. Mit dem friedensthalerkönnen nun Waren und Dienstleistungen aus der Region erworben werden. Eine vierteljährliche Umlaufsicherungsgebühr soll schließlich nicht nur die Wirtschaftsdynamik ankurbeln, sondern auch kulturellen und sozialen Einrichtungen zugutekommen. „Mit dem friedensthaler kann sich jeder Mensch am Wirtschaftskreislauf der Region aktiv beteiligen. Der friedensthaler ist aber auch Ausdruck eines neuen Wirtschaftsdenkens“, sagt Vereinsvorstand Gunther Hullmann. „Das Prinzip lautet: Ich bezahle deine Leistung mit Friedensthalern, so kannst du deine Bedürfnisse aus unserer Region decken!“
Weitere Informationen unter:

www.friedensthaler.de

Gibt es andere Friedensstädte in Deutschland?

So offensiv wie Osnabrück setzt kaum eine andere deutsche Kommune auf die „Marke“ Frieden. Selbstredend präsentiert sich Münster ebenfalls als „Stadt des Westfälischen Friedens“, Münster Marketing möchte aber auch die „Stadt der Wissenschaft und Lebensart“ ins öffentliche Bewusstsein rücken. In Augsburg, wo der „Augsburger Reichs- und Religionsfrieden“ im Jahr 1555 für eine (vorübergehende) Aussöhnung von Lutheranern und Katholiken sorgte, setzen sich zahlreiche Veranstaltungsformate mit dem historischen Erbe auseinander. Der Friedensarbeit fühlt sich auch Laufenburg besonders verpflichtet. Die Kleinstadt liegt sowohl in Baden als auch in der Schweiz und eignet sich somit ideal als grenzüberschreitender Schauplatz für gelebte Völkerverständigung. Eine eigenwillige Variante der Friedensstadt entstand 1920 in einem Ortsteil von Trebbin. Hier rief Joseph Weißenberg, der Gründer der „Johannischen Kirche“, ein religiöses Siedlungswerk mit sozialen, pädagogischen und medizinischen Einrichtungen ins Leben. Die „Friedensstadt Weißenberg“ wurde von den Nationalsozialisten aufgelöst und später von der sowjetischen Armee besetzt. Heute leben und arbeiten wieder mehrere Hundert Menschen in der brandenburgischen Siedlung.

Welche Friedenstermine sollte man sich vormerken?

10. – 23. März  2016
Internationale Wochen gegen Rassismus

27. Mai bis zum 26. Juni 2016
Afrika Festival

18. September 2016
Fest der Kulturen von 13 bis 19 Uhr auf dem Marktplatz

25. Oktober 2016
Osnabrücker Friedenstag

9. November 2016
Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht

Ausgabe 12, 4/2015 | Autor: Thorsten Stegemann
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Der Oberbürgermeister der Friedensstadt Wolfgang Griesert im Interview

„Der Begriff Friedensstadt darf nicht nur auf Briefköpfen und Ortsschildern stehen. Er muss immer wieder mit Leben erfüllt und vor allem auch jungen Menschen vermittelt werden!“

Auch für Politik und Verwaltung ist die Friedenstadt Dauerthema und Dauerauftrag. Im Rathaus sprach „Osnabrücker Wissen“ mit Oberbürgermeister Wolfgang Griesert über seine Sicht der Dinge.

Herr Griesert, bevor wir die Stadt in den Blick nehmen, möchten wir gern über Frieden sprechen. Wie würden Sie den Begriff definieren?

Wolfgang Griesert: Frieden zeigt sich nicht allein durch die Abwesenheit von Krieg und Gewalt, sondern auch im persönlichen und gesellschaftlichen Miteinander. Es geht um Respekt, Toleranz und Solidarität im Alltag, aber auch darum, nach einer friedlichen Beilegung bestehender Konflikte zu suchen. Wenn wir andere Menschen so behandeln, wie wir selbst behandelt werden möchten, wäre schon einiges erreicht.

Wie präsent ist die „Friedensstadt“ in Ihrem politischen Alltag?

Wolfgang Griesert: Sie prägt die Identität der Stadt und einen wesentlichen Teil ihrer Wahrnehmung von außen. Insofern habe ich permanent mit diesem Thema zu tun – bei Empfängen auswärtiger Gäste, die sich für die historischen Begebenheiten interessieren, aber auch bei den zahlreichen Festivals, Preisverleihungen, Gedenktagen, Diskussionen und Veranstaltungen, die heute mit der Bezeichnung Friedensstadt verbunden sind.

Inwiefern ist diese „Marke“ eine Chance für Osnabrück – und welche Verpflichtungen bringt sie mit sich?

Wolfgang Griesert: Die strategischen Stadtziele sind eindeutig: Osnabrück soll im Jahr 2020 als Friedensstadt und Kulturstandort nach innen und außen stärker wahrgenommen werden! Die vielfältigen Kultur- und Veranstaltungsangebote, die aus friedenspolitischem Engagement entstanden sind, leisten einen wesentlichen Beitrag zum Dialog und zur Identifikation innerhalb unserer Stadtgesellschaft, zumal sie immer wieder aktuelle Trends und Entwicklungen aufnehmen. Der Begriff Friedensstadt darf nicht nur auf Briefköpfen und Ortsschildern stehen. Er muss immer wieder mit Leben erfüllt und vor allem auch jungen Menschen vermittelt werden. Deshalb unterstützen wir Vereine, Institutionen und Bürger bei ihrer konkreten Friedensarbeit – zum Beispiel bei der Hilfe für Flüchtlinge. Wir fördern das bundesweit einzigartige Büro für Friedenskultur und den ebenso einzigartigen Austausch junger Botschafter mit unseren Partnerstädten. Als Oberbürgermeister unterstütze ich außerdem friedliche Bürgerdemonstrationen, die sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus wenden.

Welche Rolle können die Religionen in diesem Gesamtprozess spielen?

Wolfgang Griesert: Wir wollen einen kontinuierlichen, interkulturellen und interreligiösen Dialog mit allen Beteiligten der Stadt. Dafür gibt es hier optimale Voraussetzungen. Ich wüsste keinen anderen Ort, wo sich Vertreter der Juden, Muslime und Christen in schweren Krisenzeiten zusammensetzen und trotz unterschiedlicher Auffassungen zu friedlichen Lösungsstrategien aufrufen. Das ist schon zu Zeiten meiner Amtsvorgänger Hans-Jürgen Fip und Boris Pistorius geschehen. Zuletzt habe ich die Vertreter der Religionsgemeinschaften anlässlich des Gaza-Krieges 2014 eingeladen und einen gemeinsamen Friedensappell formuliert. Diese Arbeit werden wir fortsetzen, das jüngste Beispiel war der gemeinsame Empfang aller Religionsvertreter der Städte Münster und Osnabrück, der Mitte November in Münster stattfand.

Die Stadt setzt das Thema Frieden also konsequent um?
Wolfgang Griesert: Ja, Einrichtungen, Häuser und Themen werden in Osnabrück nachhaltig gefördert. Trotzdem gibt es Personen und Ereignisse, die eine noch höhere Aufmerksamkeit verdienen. Ich denke da beispielsweise an Hans Georg Calmeyer, der im Dritten Reich Tausende Juden vor der Vernichtung gerettet hat. Seine Zivilcourage war ebenso vorbildhaft wie sein Einsatz für Toleranz und Menschenrechte. Ich denke, dass Hans Calmeyer in der Stadt- und Kulturgeschichte künftig eine größere Rolle spielen sollte – wie genau das geschehen kann, muss noch diskutiert werden.

Wenn es Geld kostet, könnte es schwierig werden. Die aktuelle Haushaltssituation gefährdet doch auch die nachhaltige Weiterentwicklung der Friedenskultur.

Wolfgang Griesert: Das sehe ich anders. Die schwierige Lage birgt auch Chancen. Veranstaltungsformate wie die Interkulturellen Wochen oder das Afrika Festival werden neu überdacht und dabei innovative Ideen, Lösungen und Partnerstrukturen entwickelt. Außerdem zeigt sich bei der Unterstützung von Flüchtlingen ein breites, ehrenamtliches Engagement der Bürgerinnen und Bürger, von dem die Friedenskultur insgesamt noch mehr profitieren kann. Ideen kosten ja erst einmal nichts. Die spannende Frage ist, was wir dann daraus machen.

Wollen wir, um nur ein Beispiel zu nennen, den 50. Todestag von Erich Maria Remarque im Jahr 2020 zum Anlass nehmen, das nach ihm benannte Friedenszentrum am Markt grundlegend zu modernisieren? Oder gibt es andere, günstigere, vielleicht interessantere und sinnvollere Alternativen?

Ein gutes Stichwort. Wie stehen Sie denn zu der Idee, die Friedenskultur in Osnabrück an einem zentralen, identitätsstiftenden Ort sichtbar zu machen?
Wolfgang Griesert: Im Grunde haben wir einen solchen Ort, nämlich das Osnabrücker Rathaus. Welches andere Gebäude könnte das Bemühen um Frieden eindrucksvoller symbolisieren? Trotzdem ist die Idee, ein „Haus des Friedens“ oder ein „Haus für den Friedensdialog“ zu bauen, grundsätzlich vorstellbar. Mir gefällt aber auch die dezentrale Variante, weil wir dadurch an vielen verschiedenen Orten der Stadt mit Institutionen oder Gedenkorten präsent sind. Es gibt gute Argumente für beide Möglichkeiten. Letztlich sollte dieses Thema mit Bürgerinnen und Bürgern sowie aktiven Einrichtungen diskutiert werden.

Wird Osnabrück auch von außen vorwiegend als Friedensstadt wahrgenommen? Oder gibt es starke Überlagerungen mit anderen Wahrzeichen?

Wolfgang Griesert: Osnabrück wird vor allem mit dem Thema Frieden in Verbindung gebracht, auch über unsere Symphoniker bei ihrer letzten Reise nach Wolgograd oder das Morgenlandfestival. Aber da gibt es natürlich auch den VfL – oder Universität und Hochschule mit ihren rund 25.000 Studierenden. Viele Menschen kennen den Zoo oder sehen Osnabrück als attraktive Einzelhandels-City. Außerdem sind wir Sitz der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und der Deutschen Stiftung Friedensforschung. Es gibt viele Aspekte, die zum Gesamtbild einer traditionsreichen, familienfreundlichen, grünen und sicheren Stadt beitragen, in der mehr als 140 Ethnien friedlich miteinander leben.

Herr Griesert, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Bildnachweise

Türgriff © Jana Lange // Afrikafestival © Angela von Brill // Steckenpferdreiten © Friso Gensch
Bilder Afrikafestival und Fest der Kulturen © Angela von Brill
Team Friedensthaler © friedensthaler e.V. //  Bild Steckenpferdreiten © Bettina Meckel
Felix-Nussbaum Bild © www.wikimedia.org
Interview-Bilder © Jana Lange