Was summt denn da?

Böse Wespen als Gegner im Kampf um den Pflaumenkuchen, gute Bienen als Verbündete im Obstanbau. Hier die sympathische Biene Maja, dort stechende Monster. Summende Hautflügler – ein Fall für den Naturschutz oder für die Schädlingsbekämpfung? „Osnabrücker Wissen“ wollte es genauer wissen.

„Hilfe wir haben Wespen im Haus!“ – Einige Hundertmal pro Jahr landen solche Hilferufe bei Wolfgang Marks und seinen 40 ehrenamtlichen Beraterkollegen der Naturschutzstiftung des Landkreises Osnabrück. Seit 1993 bemüht sich das kompetente Beraternetz um Aufklärung über Wespen, Hornissen, Hummeln und Bienen. In den meisten Fällen reiche es aus, die Anrufer zu informieren und zu beruhigen, sagt Marks. „Die Menschen kennen die Tiere und ihre Lebensweise nicht und deshalb sind sie ihnen unheimlich.“

Wann wurden Sie gestochen?

In 50 Prozent der Fälle sei eine Ortsbesichtigung notwendig. Marks führt seine Gespräche häufig in der Nähe der Nester – verbunden mit der Frage  „Wann sind Sie eigentlich das letzte Mal gestochen worden?“. Vielen würde erst in diesem Moment bewusst, dass sie sich daran gar nicht mehr erinnern können. „Dank unserer Öffentlichkeitsarbeit beginnt das Killerimage von Hornissen und Wespen zu bröckeln“, freut sich Marks. Auch wenn in 90 Prozent der Fälle die Nester hängen bleiben können, gibt es natürlich Situationen, in denen sich die Mitarbeiter von Marks für eine Umsiedlung entscheiden. Gründe seien die räumliche Nähe der Nester zu den Menschen (z.B. in Jalousienkästen, Dachfenstern). In ganz seltenen Fällen müssten Völker aber auch sogar abgetötet werden.

Wann ist Hautflüglersaison?

„Hautflügler sind Saisonarbeiter. Im Zeitraum von Juni bis September dominieren sie das Tagesgeschäft. Täglich im Durchschnitt vier Stunden für Wespen, Hornissen und Bienen. Die Anrufer (Kunden) kommen über die Feuerwehr oder über Internet und Weiterempfehlungen“, beschreibt Tim Baranowski seine Tätigkeit. Baranowski ist staatlich geprüfter Schädlingsbekämpfer und Mitarbeiter im Beraternetzwerk der Naturschutzstiftung. Ihm gehe es, betont er mit Nachdruck, zu allererst um eine seriöse, nicht vom Angstprinzip dominierte Beratung. Dabei müsse er allerdings auch manchmal alle Register ziehen, sagt Baranowski.  „In den meisten Fällen ist die Beratung aber erfolgreich, d.h. die Kunden sind beruhigt und belassen das Nest da wo es ist, z.B. das Wespennest unter dem Dachgiebel in elf Meter Höhe ohne Fenster in der Nähe. Ein gutes Argument ist auch der Hinweis auf die Lebensweise der Wespen. Als Raubinsekten machen sie u.a. Jagd auf Mücken. Sind die Wespen weg, kommen die Mücken wieder.“ Marks weist im Rahmen seiner Beratung auch immer wieder auf die zeitlich sehr begrenzte Lebensdauer der Tiere hin. „Entdeckt wird das Nest in aller Regel erst, wenn es groß, also fertig ist – und damit ist der Höhepunkt des jeweiligen Volkes auch schon überschritten. Wespen werden beispielsweise nur sechs Wochen alt. Nach dem Nestbau im Mai/Juni erreichen die Völker im Juli ihren Höhepunkt und damit beginnt bereits die Auflösung.“ In den meisten Fällen würden sich die Betroffenen daraufhin zum Nestverbleib entschließen.

Wer lässt sich freiwillig stechen?

Kein Umgang  mit Hautflüglern ohne Stiche, berichten alle, die sich in irgendeiner Form mit diesen Tieren befassen. Aber sich freiwillig stechen lassen? Kaum vorstellbar für  die meisten Osnabrücker. Im Artland trifft „Osnabrücker Wissen“ den Bioland-Imker Fubo Gottwald. Auch er wird natürlich regelmäßig von seinen Honigbienen gestochen.

„Das passiert immer mal, wenn ich eine Biene aus Versehen zu stark drücke.“ Manche Imker machen allerdings aus der Not eine Tugend, erzählt er. Sie lassen sich absichtlich stechen, das sei gut gegen Gicht und Rheuma. So mancher Hobbyimker aus dem Osnabrücker Land bestätigt dies. Er habe dies auch bereits praktiziert, so Gottwald. Einem verspannten Nacken rücke er schon mal mit einer Handvoll Bienen zu Leibe. Nachdem er diese in sein Hemd gesteckt und sich an der schmerzenden Stelle habe stechen lassen, sei eine Schmerzlinderung eingetreten.

Werden Bienen im Osnabrücker Land satt?

1980 kehrten Fubo und seine Frau Astrid Gottwald der Großstadt Berlin den Rücken. Sie wollten aufs Land, dass sie ausgerechnet in Badbergen landeten, war purer Zufall. Mit ihrer Imkerei ohne Chemie und Medikamente trat die Imkerei Honigsüß 1993 dem Anbauverband Bioland bei. Als Erwerbsimker muss Gottwald seinen bis zu 100 Bienenvölkern natürlich ausreichend Nahrung bieten. Im Landkreis Osnabrück  sei dies jedoch nicht möglich. „Hier gibt es im Frühjahr die Rapsblüte, anschließend die Obstblüte (z.B. die Kirschblüte in Hagen a.TW.)  – und dann ist Schluss. Da blüht nichts mehr“, betont Gottwald. Er muss seine Völker deshalb auf Reisen schicken, nach Brandenburg oder Rheinland-Pfalz. Zum Teil hätten Honigbienen in der Stadt mittlerweile ein besseres Nahrungsangebot als auf dem Land. Davon profitieren sollen auch die seit kurzem im Hinterhof des Osnabrücker Sterne-Restaurants „La Vie“  summenden zwei Bienenvölker. Das Bremer Unternehmen „Bee-Rent“ hat sie dort stationiert. In der Küche des „La Vie“  wird der erste Honig der gemieteten Bienen 2017 erwartet.

Warum machen Bienen überhaupt Honig?

Was dem Eichhörnchen die eingegrabenen Nüsse ist den Honigbienen ihr Honig. Ohne eine ausreichende Menge dieser im Bienenstock produzierten Leckerei kommt kein Bienenvolk durch den Winter. Wenn der Imker den Bienen also ihren Wintervorrat wegnimmt, muss er ihn z.B. durch Zuckerlösung ersetzen.

Wo fehlt ausreichender Wohnraum?

Nahrung allein sichert das Überleben der Hautflügler in der Stadt Osnabrück jedoch nicht. Verfügbarer Wohnraum muss vorhanden sein. Und auch der sei in den letzten Jahren knapp geworden, erzählt Lisa Beerhues, Leiterin des Lernstandorts Nackte Mühle in Haste. Früher gab es überall Totholz in den Gärten, Hauswände aus Holz, Lehm und Ziegel, die zahlreichen Insekten Unterschlupf boten. Inzwischen sind viele Gärten zu ökologischen Notstandsgebieten geworden und Hauswände mit einer für Insekten unüberwindbaren Oberfläche aus Zement, Beton oder anderen Materialien überzogen.

Für wen bauten Schüler ein Hotel?

2012 machten sich deshalb Schüler der Osnabrücker Herman-Nohl-Schule im Rahmen eines Bienenprojektes an den Bau eines Insektenhotels im Garten der Nackten Mühle an der Nette. Im Schutz alter Apfel- und Birnenbäume steht es dort und weckt das Interesse der Insekten und Kinder gleichermaßen. Mit guter Beobachtungsgabe und kriminalistischem Spürsinn versuchen sie unter fachkundiger Begleitung den Bewohnern des Hotels auf die Schliche zu kommen. Diese haben in aller Regel ihre Hotelzimmertür für einen längeren Zeitraum hinter sich verschlossen. Hummeln, Wildbienen, Schlupf-, Falten-, Grab- und Wegwespen, Florfliegen, Ohrwürmer – sie alle greifen gerne auf den von Menschenhand geschaffenen Ersatzlebensraum zurück. Auch dieser muss allerdings immer mal wieder saniert werden. So hat ein Sturm im vergangenen Winter dem Insektenhotel stark zugesetzt. „Jetzt sind die Kinder begeistert dabei, Material zu sammeln, Löcher mit verschiedensten Durchmessern in Holzstücke zu bohren, Schilfbündel zu binden, um den Insekten so rasch wie möglich wieder eine Unterkunft zu bieten,“ berichtet Beerhues.

Was ist in der Osnabrücker Mischung?

Der Gemüse- und Obstgarten liefert sowohl den inzwischen vier an der Nackten Mühle beheimateten Honigbienenvölkern als auch den zahlreichen anderen  Hautflüglern ein relativ umfangreiches Nahrungsangebot. Dies ist aber mit Sicherheit noch

ausbaufähig. „Wir probieren in diesem Jahr die Osnabrücker Wildblumenmischung aus“, berichtet Beerhues. Entwickelt wurde diese 28 Krautarten (keine Gräser) enthaltende Samenmischung von der Hochschule Osnabrück im Rahmen des Projekts „ProSaum“. Gesucht wurde nach Verfahren zur Wiederansiedlung arten- und blütenreicher Säume und Feldraine mit gebietsheimischem Wildpflanzensaatgut.

Wer verbündet sich zum Wohle der Bienen?

Mit der Osnabrücker Samenmischung will das von Hochschule Osnabrück, Imkerverein Osnabrück, Bund für Umwelt und Naturschutz, Stadt Osnabrück, Osnabrücker ServiceBetrieb, Landwirtschaftskammer Osnabrück und Gemeinde Wallenhorst gegründete Osnabrücker Bienenbündnis nicht nur der Honigbiene sondern auch den Wildbienen bessere Überlebensbedingungen bieten. Denn neben der Produktion von Honig ist vor allem das Bestäuben von Kultur- und Wildpflanzen ein unverzichtbarer Nutzen dieser bedrohten Tiere. Die ökonomische und ökologische Bedeutung der Bienen vor Augen hat das Bienenbündnis anspruchsvolle Ziele formuliert: Schaffung eines möglichst durchgehenden Pollen- und Nektarangebots von März bis November, Schaffung von Nisthilfen, Förderung der Honigbienenhaltung im Stadtgebiet, Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit. Das Summen der Bienen, Wespen, Hornissen und Hummeln wird uns dadurch hoffentlich auch in Zukunft erhalten bleiben.

Hautflügler

Bienen, Hummeln, Wespen und Hornissen gehören zu den Hautflüglern. Diese Unterordnung der Insekten verfügt über ein Legerohr, das zu einem Wehrstachel umgebildet sein kann. Weiteres charakteristisches Merkmal sind die Facettenaugen. Während Honigbienen, Hummeln, Wespen und Hornissen Staaten bilden, leben andere Arten (z.B. Solitärbienen) allein. Für die Imkerei spielt die Westliche Honigbiene die größte Rolle.

Bienen- und Insektenexperten in Osnabrück:

Osnabrücker Bienenbündnis, Fachdienst
Naturschutz und Landschaftsplanung
Frank Bludau · Telefon: 05 41 / 3 23  4 31
bludau@osnabrueck.de
www.osnabrueck.de/gruen

Bioland Imkerei Honigsüß
Fuchs-Bodde-Gottwald / Astrid Gottwald,
Telefon: 0 54 33 / 61 63
info@imkerei-honigsuess.de
www.imkerei-honigsuess.de

Naturschutzstiftung des
Landkreises Osnabrück
Wolfgang Marks ·  Telefon: 05 41 / 50 14 022
marksw@lkos.de
www.lkos.de

Schädlingsbekämpfung
Tim Baranowski
Telefon: 05 41 / 50 61 947
info@baranowski-os.de
www.baranowski-os.de

Nackte Mühle
Lisa Beerhues
Telefon: 05 41 / 61 877
nacktemuehle@lega-s.de
www.lega-s.de

Imkerverein Osnabrück
und Umgebung von 1862 e.V.
www.imkerei-osnabrueckundumgebung.de

Ausgabe 14, 2/2016 | Autor: Yörn Kreib

Bildnachweise

Wespe  © Silvia Hahnefeld, fotolia.de / Imker in Feld © Budimir Jevtic, fotolia.de / Beraterteam © Naturschutzstiftung des Landkreises Osnabrück e.V. / Hintergrund © ivangd, fotolia.de / Imker links © zukovic Bienen einzelnd © Alekss, fotolia.de / Wespennetst © Naturschutzstiftung des Landkreises Osnabrück e.V. / Hummel © rcfotostock, fotolia.de